So leben Bio-Schweine

Ökologische Tierhaltung in der Wetterau

Von Klaus Nissen

Die ökologische Landwirtschaft ist vielfältig – sie verbreitet sich aber nur langsam. Etwa tausend Landwirte sind in der Wetterau aktiv – mit ihren Angehörigen stellen sie nur noch ein Prozent der Bevölkerung. In dieser Minderheit bilden die 49 Biobauern eine noch winzigere Berufsgruppe. Der Staat tut viel dafür, dass es mehr werden. Doch es gibt Hindernisse.  Christian Weber aus Kaichen mästet  Bio-Schweine. Er weiß, warum in der Wetterau weniger Kollegen auf ökologische Landwirtschaft umstellen als anderswo.

So leben Bio-Schweine

Neun Landwirte haben sich in den letzten zwei Jahren zur ökologischen Erzeugung von Getreide, Gemüse und Fleisch entschlossen. Die Umsteller nehmen zusätzliche Kontrollen und Ertrags-Einbußen in Kauf, wagen sich auf Neuland. Für fünf Jahre bekommen sie staatliche Zuschüsse. Claudia Zohner und andere Berater haben ihnen dabei geholfen. Denn die Wetterau ist eine von drei mit Landesgeld geförderten Ökomodellregionen – das Programm wurde gerade um zwei Jahre verlängert.

Bio-Landwirt Christian Weber aus Kaichen hat offensichtlich einen guten Draht zu seinen Mastschweinen. Sie sind mit der robusten amerikanischen Duroc-Rasse gekreuzt. Manche Tiere haben deshalb ein rötliches Fell. Foto: NissenJetzt gelten Bio-Richtlinien für 3659 Hektar. Das sind sieben Prozent der Acker- und Weideflächen im Kreis. Nur etwa halb so viel wie in anderen Landkreisen. Der designierte Landrat Jan Weckler (CDU) ist nicht zufrieden:  „Gerade vor dem Hintergrund der großen Nachfrage aus dem Rhein-Main-Gebiet sehe ich hier noch großes Potenzial“.

Warum zögern so viele Wetterauer Landwirte? Darauf gebe es keine eindeutige Antwort, meint Claudia Zohner im Haus der Landwirtschaft an der Homburger Straße in Friedberg. Der Bio-Schweinemäster Christan Weber in Kaichen wird konkreter: „Erst wenn mit konventioneller Landwirtschaft kein Geld mehr zu verdienen ist, kommt auch Bio mehr in den Fokus.“  Die Wetterau habe aber sehr fruchtbare Böden, die konventionell arbeitenden Betrieben gute Erlöse sichern. Die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft wagten dann nur jene, die eine Neigung zu dieser komplexen nachhaltigen Wirtschaftsweise haben.

Besuch bei der Bullenherde auf der Weide in Dauernheim. Von links: Claudia Zohner, Matthias Brauner, Dr. Veronika Ibrahim, Landrat Jan Weckler, Martina Brauner. Foto: Wetteraukreis

Dazu gehört Familie Brauner vom Merzehof in Dauernheim. Sie verdient Geld mit Pensionspferden von Städtern – und als Vertrags-Landschaftspfleger. Ganzjährig lassen die Brauners 70 Galloways und andere robuste Rinderrassen im Bingenheimer Ried grasen. Sie verhindern so, dass Büsche das Naturschutzgebiet erobern und seltene Pflanzen verdrängen. Das dritte Standbein des Merzehofs ist die  Direktvermarktung von Bio-Rindfleisch. Als erster Betrieb im Kreis haben die Brauners eine Weideschlachtgenehmigung.  „Die Galloways bekommen überhaupt nicht mehr mit, wenn es ihnen ans Leben geht“, sagt Martina Brauner.

Erst wenn genug Fleisch-Bestellungen für ein bis zwei Bio-Rinder eingegangen sind, wird getötet. Dann fährt ein Metzger mit Jagdschein auf die Weide. Vom Auto aus nimmt er ein Tier aufs Korn und schießt. Trotz des Knalls „guckt die Herde nur mal kurz und grast dann weiter“, erzählt Martina Brauner. Die Rinder können den Knall offenbar nicht mit einer Gefahr verbinden. Dass eine Kuh zusammenbricht, nehmen sie nicht zur Kenntnis. Der Metzger versetzt dem geschossenen Tier einen Stich in den Hals und lässt es in eine Wanne ausbluten. Dann wird der Körper auf einen Anhänger geladen und im Schlachtraum des Merzehofs zerlegt und zu Rumpsteaks, Rouladen, Gulasch und Hackfleisch verarbeitet. Die Kunden können sich Mischpakete ab 5,5 Kilo Gewicht am Hof abholen. Andere Bio-Fleischproduzenten aus der Wetterau vermarkten ihre Produkte über den Online-Fleischversand „Green Ox“ in Friedberg.

Webers Schweine dürfen auch mal raus

Der Schweinemäster Christian Weber macht weder Direktvermarktung noch Online-Versand. Der 46-jährige Landwirt und sein Vater Kurt verkaufen ihre ökologisch aufgezogenen Borstentiere an den Naturland-Erzeugerverband, der ihr Fleisch bundesweit vermarktet. Der Weber-Hof an der Kaichener Obergasse hat 240 Mastplätze und ist damit nach dem Büdinger Hof Marienborn zweitgrößter Bio-Schweinefleischerzeuger im Kreis. Weber kauft seine Ferkel von einem Züchter bei Warburg und ernährt sie mit Getreide und eiweißhaltigem Futter, das er auf den eigenen 66 Hektar erzeugt. Von anderen Biobauern aus der Nähe kauft er weiteres Futter und düngt ihre Felder mit dem Mist der Bio-Schweine. Die Tiere haben auf doppelt so viel Fläche wie die konventionell gehaltenen Artgenossen auch Auslaufbuchten im Freien und viel Stroh. Nach drei bis vier Monaten kommen sie mit etwa 130 Kilo Lebendgewicht zum Bio-Schlachthof nach Fulda oder Aschaffenburg. Die Schlacht-Kapazitäten seien knapp und die Fleischpreise erfreulich, sagt Weber. Sorge bereitet ihm nur, dass die Discounter immer mehr Bioware in ihre Lebensmittelregale nehmen. „Das ist brandgefährlich“, findet Weber. Denn große Fleischmengen zu geringen Preisen passten einfach nicht zur Wirtschaftsweise der Biobauern.

Einkaufsführer für Wetterauer Bio-Produkte

Ein 40 Seiten starker Einkaufsführer gibt jetzt Hinweise auf die vielen Bio-Produkte aus der Wetterau. Die vom Kreis und der Modellregion Ökolandbau erstellte Broschüre nennt Adressen und Öffnungszeiten von 24 Hofläden, Lieferdiensten, Cafés und Bäckereien. Aus Bad Vilbel findet man darin den Dottenfelderhof, aus Karben den Naturkostladen am Karbener Weg und den Bioland-Hof der Familie Mager. Das Heft liegt in den Rathäusern aus und kann von der Webseite oekomodellregion.wetterau.de heruntergeladen werden. Etliche Bio-Lebensmittelverkäufer geben auch Einkaufsrabatte nach dem System  des Vereins „Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung“.

 

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