Sinclair-Haus

Buchwelten im Museum

Von Corinna Willführ

The Grand Librarty von Guy Laramee

Nun ist sie vorbei: Die Buchmesse 2017 in Frankfurt, die weltweit größte Ausstellung rund um das Buch, ob in gedruckter, in visualisierter oder hörbarer Form. Mehr als 250.00 Besucher haben die Messehallen bevölkert. Sich gedrängelt, um einen Blick auf Beststeller-Autoren zu erhaschen. Haben kiloweise Lesestoff-Materialien nicht nur über das Gastland Frankreich mit nachhause geschleppt. Zwischen der Rolltreppenfahrt überteuerte Frankfurter Würstchen gegessen oder sind in den Genuss kleiner Delikatessen im Gourmet-Zelt gekommen. Also: Ende des Rummels und Zeit, sich der „Buchwelten“ zu widmen, der aktuellen Ausstellung im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg.

Bücher mal nicht zum Lesen

Die Bücher, denen man während der Messe in Frankfurt begegnen konnte, sind Produkte von Autoren, Lektoren, Fotografen, Verlegern. Die „Buchwelten“ im Sinclair-Haus stammen von zeitgenössischen Künstlern, in deren Fokus der Zusammenhang zwischen dem Buch, der Schrift als Ausdrucksform, und der Natur steht. Also nicht zuletzt dem Stoff, aus dem gedruckte Bücher sind: Holz. Lesen im herkömmlichen Sinne kann man in ihnen also nicht, aber Landschaften, Phantasien, Geschichten entdecken. Seelen-Landschaften erkunden, ästhetisch schöne, irritierende, provozierende. Allerdings: Sie sind nur zum Anschauen. Ihre Seiten nicht zum Umblättern. Ihre Inhalte nicht zum Stöbern. Die Ausgaben nicht zum repräsentativen Abstellen in chronologischer Reihenfolge in der heimischen Bibliothek.

Brandbuch von Hubertus Gojowczyk

Wie klein kommt sich der der Mensch vor, wenn er vor der Landschaft von Guy Laramée steht. Verloren nur kann sich in der „The Great Library“ fühlen, überwältigt sein von der Schlucht, die Laramée 2012 aus Bänden der Enzyklopedia Britannica geschaffen hat. Respekt und Furcht wird der Besucher dabei empfinden. Selbst wenn dies doch nur ein Objekt, eine assoziiertes Abbild von dem vor Jahrtausenden entstandenen Canyon als Naturphänomen wie der Dokumentation des über Jahrhunderte angesammelten Wissens ist. Und wird sich immer wieder wagen, beide zu erkunden. Angetrieben von Neugier, Lust oder Hybris.

Fliegende Bücher

Voller Faszination und mit viel Vergnügen kann man in den gläsernen, wie ein Diorama aufgebauten „Schaukasten“ von Su Blackwell eintauchen. Hinter der Scheibe eine üppige dreidimensionale Orchideenpracht, zwischen der ein Kolibri still steht. Doch weder die Blumen, noch der Vogel sind echt. Su Blackwell hat als Inspiration für ihre künstlerische Arbeit – wie könnte es anders sein – auf ein Buch zurückgegriffen: das Sertum Orchidaceum – A breath oft the most beautiful orchideceus flowers“ des britischen Botanikers John Lindley aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Indem sie, die aus einem Buch stammenden naturgetreuen Abbildungen der Orchideen „kopiert“, ausschneidet wie Matrizen für ein Poesie-Album und neu anordnet, schafft sie eine phantastische, auf einen engem Raum begrenzte, gut sichtbare Welt, deren Grundlagen zwar natürlichen Ursprungs sind, die aber nur noch künstlisch/künstlerisch zu bewahren zu sein können.

Peter Wüthrich dagegen lässt Bücher fliegen. „Return here, there and anywhere“ heißt seine Arbeit. Eine davon ein Video, in dem einem gebunden und dennoch flatternde Seiten mal bedrohlich wie in Hitchcocks „Die Vögel“ nahe kommen oder einem wie in der Möwe Jonathan dazu verleiten wollen, einfach im Blau des Himmels zu verschwinden.

Return here there and everywhere von Peter Wüthrich

Hubertus Gojowczyk indes lässt geschriebene Worte, die Ideengeschichten, die Menschen zu Papier brachten, ihre Botschaften in Asche erstarren. Die Konnotation zu der Bücherverbrennung der Nationalisten ist eindeutig. Doch auch wenn die Worte vom Feuer vernichtet wurden, in den Arbeiten von Gojowczyk brennen sie sich im wenigen, was von ihrem ursprünglichen Stoff, dem Holz, noch übrig bleibt, eindrücklich dem Betrachter seiner Werke ein. „Mir ist das alles zu ästhetisch schön“, sagt eine Besucherin der Vernissage. Zu wenig provokativ, zu wenig innovativ. Zu sehr arrangiert.“ Warum, mag sie nicht sagen.

Bleibt die Empfehlung: die Ausstellung „Buchwelten“ im Museum Sinclair-Haus zu besuchen. Und auf jeden Fall die Gelegenheit nutzen, am Mittwoch, 15. November, 19 Uhr, den Vortrag von Professor Rahmann zu besuchen. Gibt doch der Experte aus Stuttgart nicht nur Erläuterungen zu den im Sinclair-Haus ausgestellten Exponaten aus der Hohenheimer Xylothek vor, sondern stellt die ganz eigene Buchwelt der dort gesammelten 200 Jahre alten Holzbücher vor. Ebenfalls empfehlenswert die Künstlergespräche oder der „Kopfstand!“ der Kunstabend mit Studierenden am Mittwoch, 24. Januar. Das alles erfährt man aus der Info-Broschüre zu der Ausstellung.

Über die Künstlerinnen und Künstler, ihre Arbeiten, ihre Biografie, ihre Werke, bekommt man indes weder in der Ausstellung, noch in der Info-Broschüre nähere Informationen. Die gibt es nur im Katalog, was sehr bedauerlich ist.

Die Ausstellung geht noch bis 4. Februar.

museum-sinclair-haus.de

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