Gelebter Naturschutz

Der Schwalbenhäuser-Bauer

Oliver Wegener baut in seiner Werkstatt in der Wiesenstraße in Wettenberg-Krofdorf-Gleiberg Schwalbenhäuser. Die liefert der  der studierte Agrarwissenschaftler bis nach Schweden, in die Schweiz oder auch nach Frankreich.

Schwalben schützen

(Foto: Claus Ableiter/Wikipedia)

„Das hier ist gelebter Naturschutz“, sagt  Christiane Schmahl. Die Erste Kreisbeigeordnete des Kreises Gießen war zu Besuch in der Werkstatt von Oliver Wegener in Krofdorf-Gleiberg, wie der Kreis Gießen in einer Pressemitteilung berichtet. Im Gespräch auf dem Hof des alten Anwesens wird schnell klar: Hier hat jemand seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Unter dem Werkstattdach der ehemaligen Scheune nistet ein Rauchschwalbenpärchen, am Wohnhaus haben sich Mehlschwalben einquartiert und im sanierten Nebengebäude sind Kästen für Mauersegler und Fledermäuse in die Fassade integriert. Ein idealer Ort, um den neuen Flyer vorzustellen, den der Landkreis Gießen zum Schutz von Schwalben erstellt hat.

Das Projekt „Schwalbenhaus“ begann vor 16 Jahren mit einer Imagekampagne für eine Landesbehörde. „Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass ich mich für den Naturschutz engagiere“, sagt Oliver Wegener. Die Begeisterung für den Naturschutz kommt nicht von ungefähr. „Im Grunde habe ich es in die Wiege gelegt bekommen. Eltern, Großeltern und Verwandte haben sich immer im Naturschutz engagiert. Als Kinder sind wir mit den Cousinen und dem Cousin mit zur Nistkastenkontrolle.“ Sein Großvater Karl-Heinz Laucht war Mitgründer vom Bund für Vogelschutz Krofdorf-Gleiberg, heute NABU Wettenberg, sein Vater Hans-Richard ist seit 1990 erster Vorsitzender. Seit 35 Jahren ist Oliver Wegener Mitglied im NABU und seit 1988 im Vorstand. Längst ist die nächste Generation angefüttert. „In der letzten Woche haben wir auf dem Hof Vögel beringt“, berichtet er. Sein Sohn Moritz wächst damit auf.

(Foto: Kickapoo/Wikipedia)

Über die Imagekampagne kam die Anfrage nach einem Schwalbenhaus. So etwas hatte Oliver Wegener noch nie gebaut. Seine Neugier aber war geweckt und er legte los, gemeinsam mit Reinhold Stork, der 1990 das Schwalbenhaus in Krofdorf gebaut hatte. Das Ergebnis steht heute noch, allerdings etwas weiter weg im Lahn-Dill-Kreis in Ballersbach. War die Produktion anfangs ein schönes Nebenbeihobby, wuchs die Nachfrage Jahr für Jahr. Mehrmals ist er mit seiner Werkstatt umgezogen, bis er schließlich mit seiner Frau Ines am 20.12.2012 („Das Datum werde ich nie vergessen“) den Kaufvertrag für den Hof in der Wiesenstraße unterschrieb. Stück für Stück bauten sie das Ensemble, in dem sie auch selbst wohnen, um und integrierten ihr Labor für Umweltanalytik und die Werkstatt, „viel in Eigenleistung“, wie der 47-Jährige berichtet.

Die Schwalbenhäuser sind gefragt

Die Nachfrage nach den Schwalbenhäusern ist enorm gestiegen. Im vergangenen Jahr bauten sie 38. „Jetzt sind es schon 35, und die Jahresmitte ist gerade einmal überschritten.“ Sie – das sind der Schweißer John Taffner und Tobias Diehl, der für den kompletten Ausbau verantwortlich ist. Schwalbenhaus Nummer 279 ist gerade nach Potsdam ausgeliefert worden. Nummer 280 hat seine Dachschindeln erhalten. Es ist mit Rauputz versehen, sechseckig und hat 42 Schwalbennester. „Bis zu 54 Nester wären möglich“, erklärt Oliver Wegener seinem Gast, „von einstöckig bis dreistöckig. Beim quadratischen Haus bis zu 70 Nester.“ Fünf Modelle für Mehlschwalben hat er mittlerweile entwickelt. Auch Häuser für Mauersegler oder Haussperlinge sind möglich mit innenliegenden Kästen, sogar kombiniert mit Fledermausquartieren.

Schwalbenhäuser für ganz Europa: Naturschutzdezernentin Dr. Christiane Schmahl informiert sich bei Oliver Wegener (l.) und seinen beiden Mitarbeitern John Taffner und Tobias Diehl (r.) in Krofdorf-Gleiberg. Gleichzeitig stellt sie den neuen Informations-Flyer „Schwalben willkommen“ vor. (Foto: Landkreis Gießen)

Die Nachfrage nach den Wettenberger Schwalbenhäusern reicht weit über die deutschen Grenzen hinaus. Bis ins südschwedische Sölvesborg hat er sie bereits geliefert. Dort hat er es sogar auf die Titelseite der lokalen Tageszeitung geschafft. Das südlichste Haus steht fast 1000 Kilometer entfernt in der italienischen Schweiz, eines südlich von Paris. Der Transport ist immer eine breite Angelegenheit, da die Konstruktionen 2,50 auf 2,50 Meter groß sind. „Breiter dürfte ich ohne Sondergenehmigung gar nicht unterwegs sein.“ Wer sich ein komplett „bezugsfertiges“ Schwalbenhaus zulegen möchte, muss je nach Ausstattung mit rund 10.000 Euro rechnen.

Als überzeugter Naturschützer weiß Wegener, dass er ein sinnvolles Produkt verkauft. „Bestehende Kolonien sollte man schützen oder erweitern. Ein Schwalbenhaus ist eine tolle Ergänzung oder auch als Ausgleichsmaßnahme ideal.“ Naturschutzdezernentin Schmahl ist sehr angetan von dem kleinen Unternehmen, das ihr Ziel unterstützt, den Schutz der Schwalben zu fördern. Viele wüssten nicht Bescheid über die Bedeutung von Schwalben. „Sie gehören zu den beliebtesten Vögeln und trotzdem werden ihre Nester oft abgeschlagen“, erklärt sie.

Einerseits begeistern sie durch ihre kühnen Flugkünste. Andererseits sind Schwalbennester heutzutage vielen Haus- und Stallbesitzern ein Dorn im Auge, weil der Vogelkot Fassaden verschmutzen kann. Wer die Vögel vergrämt und Nester abschlägt, kann allerdings ins Visier von Vogel- und Artenschützern geraten. „Denn die mutwillige Zerstörung von Mehlschwalbennestern stellt einen eklatanten Verstoß gegen artenschutzrechtliche Bestimmungen dar und kann mit einer empfindlichen Geldbuße geahndet werden“, erläutert die Dezernentin. Um Hausbauer und -eigentümer, Architekten oder interessierte Bürgerinnen und Bürger besser aufklären zu können, hat der Landkreis Gießen den sechsseitigen Informations-Flyer „Schwalben willkommen“ erstellt. „Darin erklären wir, welche Schwalbenarten es gibt und geben Tipps zur Unterstützung der Vögel“, sagt Christiane Schmahl. Zum Beispiel wird erklärt, dass man keine Fassadenfarben mit „Lotuseffekt“ einsetzen sollte, weil die Nester dann nicht mehr an der Fassade halten. Denn leider gehören Schwalben mittlerweile auch zu den Vögeln, deren Zahl zurückgeht.

Bei Fragen zum Umgang mit Schwalben und zum neuen Informations-Flyer hilft Heike Schöße vom Fachdienst Naturschutz. Sie ist zu erreichen unter Telefon 0641 9390-1459 oder per E-Mail an heike.schoesse@lkgi.de.

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