Schulsozialarbeit

Land Hessen kündigt Projektförderung

Von Corinna Willführ 

Seit den 80er Jahren hat das Land Hessen Projekte der Schulsozialarbeit gefördert. Doch damit soll zum 31. Juli diesen Jahres Schluss sein. Die Vereinbarungen, die das Land unter anderem mit den Städten Kassel, Baunatal, Frankfurt, den Landkreisen Darm32stadt-Dieburg, Wiesbaden und Offenbach sowie Verbänden der Arbeiterwohlfahrt geschlossen hat, wurden gekündigt. Gegen diese Entscheidung wehren sich mittlerweile mehrere Tausend Unterzeichner einer Open-Petition im Internet. Ihr Ziel: die Zukunft der Schulsozialarbeit in Hessen zu sichern.

Schulsozialarbeit

Initiatoren der Petition sind die beiden emeritierten Professoren Dr. Wilma Aden-Grossmann (Universität Kassel) und Dr. Gerd Iben (Universität Frankfurt)  „Nach einer neuen Verordnung sollen die Schulen selbst entscheiden, ob sie aus der zusätzlichen Stundenzuweisung (für eine 105prozentige Lehrerversorgung im Haushalt 2015, Anm. der Redaktion) Schulsozialarbeit finanzieren wollen“, so die Initiatoren. Damit trete die Schulsozialarbeit in Konkurrenz mit anderen Aufgaben der Schulen. „Denn in der Regel wird das zusätzliche Budget für Förderunterricht, Differenzierung oder den Aufbau von schulischen Schwerpunkten benötigt.“ Was auf den ersten Blick als ein „Mehr“ erscheint, erweist sich auf den zweiten so als ein „Weniger“.

Denn die beiden Erziehungswissenschaftler und mit ihnen bislang mehr als 8000 Unterzeichner der Open-Petition im Netz befürchten, dass „angesichts der Tatsache, dass Schulen zum Beispiel durch Inklusion neue Aufgaben erhalten und außerdem dafür sorgen sollen, dass kein Unterricht ausfällt“ vorauszusehen ist, „dass für Schulsozialarbeit kein Geld mehr übrig bleibt.“

Bereits in 2009 befand es der Landeselternbeirat „untragbar“, dass Schulen Geldmittel, die sie „dringend für Lehrer benötigen“, für die Schulsozialarbeit „abzwacken“ mussten. Und das, obwohl an der Notwendigkeit, dass Jugendliche in der Schule einen Ansprechpartner finden, der nicht über ihre Noten entscheidet, wohl aber ihre Nöte versteht, kaum ein Zweifel bestand und immer noch besteht. So konstatierte Carsten Müller, 2010 Sozialdezernent des Landkreises Offenbach im Verbandsmagazin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (01/2010): Konfliktarten wie „Mobbing mit Handy-Aufnahmen“  seien „zu vielschichtig, um sie mit herkömmlichen Mitteln im Unterricht zu lösen.“

Immer für einen da

Nicht zuletzt, weil „der Schulsozialarbeiter neutral ist“. Oder wie es Tara Zirk, eine der Unterzeichnerin der OnlinePetition schreibt „Weil die SiS (Sozialarbeit in der Schule; in der Ernst-Reuter-Schule II ) immer für ein da ist man kann immer hin gehen und sie helfen einem immer egal ob persönliche Probleme oder schulisch.“

Beispielsweise, wenn man (nicht nur) durch Handy-Aufnahmen gemobbt wird, wenn man die Hausaufgaben nicht ordentlich machen kann, weil man nach dem Unterricht auf kleinere Geschwister aufpassen muss. Wenn die Freundin sich in denselben Klassenkameraden verliebt hat.

Für Eleonore Diez aus Rosbach, eine weitere Unterzeichnerin der Petition, könnten viele Aufgaben im sozialen und im Beratungsbereich an den Schulen nach der Kündigung durch das Land nicht mehr oder nicht mehr ausreichend wahrgenommen werden. Anders als ein Lehrer, der Leistungen beurteilen müsse, könne ein Schulsozialarbeiter auch zu „Problemschülern und Elternhäusern“ ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Noch eine dritte Stellungnahme. Dieter Martin aus Heidenrod kommentiert: „Schulsozialarbeit ist ein wichtiger Bestandteil im Bildungswesen, ohne diese Arbeit ist es nicht möglich, an Schulen eine sinnvolle, pädagogische Arbeit zu leisten, da die Ressourcen fehlen, sich um Schüler mit Problemen zu kümmern…. Diese Arbeit kann in unserer Gesellschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden.“

Eine Arbeit, die viele Erfolge nachweisen kann. So wurde in einer Längsschnittstudie, die zwischen 2005 und 2009 im Rahmen des Heidelberger Modellprojekts durchgeführt wurde, festgestellt, dass rund 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler glaubten, dass ihnen Schulsozialarbeiter bei Sorgen und Nöten helfen könnten. Noch eine weitere wichtige Zahl: Sogenannte „Außenseiter“, also isolierte Mitschüler, hätten mit Hilfe der Sozialpädagogen in die Klassengemeinschaft integriert werden können. Nachweisbar auch: An der Ernst-Reuter-Schule II konnte mit einer engagierten Schulsozialarbeit die Zahl der Schulabbrecher stark gesenkt werden.

„Der Rückzug des Landes kann nur als Abwertung dieser Erfolge und Anstrengungen aufgefasst werden“, so Aden-Grossmann. Die Fragezeichen, die der Paritätische Wohlfahrtsverband in 2010 noch bei dem landesweiten Ausbau der Schulsozialarbeit sah, könnten bald durch einen „Schlusspunkt“ ersetzt werden. Damit wäre die Schulsozialarbeit in Hessen, die vor fünf Jahren „einem vielfarbigen Teppich mit unterschiedlichen Mustern“ glich ein dunkler Fleck in der Schullandschaft.

Wer dem entgegenwirken möchte:  Die Petition steht noch bis 4. April im Netz unter https:///www.openpetition.de/petition/online/weiterfoerderung-von-schulsozialarbeit-in-hessen

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