Rewe-Logistikzentrum

Zuckererbsen statt Hochregallager

Von  Klaus Nissen

In der Abendsonne zücken knapp 20 Echzeller und Wölfersheimer am Montag die Hacken und Pflanzeisen: Auf dem Gelände des künftigen Rewe-Logistikzentrums bei Berstadt säen sie Radieschen, rote Bete und Zuckererbsen in die fruchtbare Schwarzerde. Der Biobauer Werner Ruf hilft ihnen beim Gärtnern – und erklärt, warum er das Rewe-Logistikzentrum als Gefahr für seine berufliche Existenz sieht.

Protestgärtnern gegen Rewe-Logistikzentrum

Hüfthoch zieht sich ein Wall aus Erdklumpen um den Rübenacker zwischen der A45, der Bundesstraße 455 und der Kreisstraße 181 von Berstadt nach Echzell. Nein – das ist noch nicht der Baubeginn für das Rewe-Logistikzentrum. Aber ein Vorbote. Archäologen haben mit dem Bagger die Krume einen halben Meter tief und gut drei Meter breit abgezogen. Sie suchen Bodenverfärbungen, Pfostenlöcher und andere Reste alter Siedlungen. Denn geomagnetische Untersuchungen haben ihnen gezeigt, dass hier etwas sein könnte. Angeblich seien schon Relikte aus der Jungsteinzeit aufgetaucht, heißt es nebenan beim ersten Pflanz-Treffen auf dem neuen „Selbst-Erntefeld“ des Bio-Rosenanbauers Werner Ruf.

Martina Kuhn, Christa Degkwitz und Anette Breit zeigen, wie es auf ihrem Protest-Acker in naher Zukunft aussehen soll. Das Hochregallager von Rewe werde 100 000 Quadratmeter groß und mehr als 30 Meter hoch, sagt Dekgwitz. „Fast so hoch wie der Echzeller Kirchturm“. Foto: Nissen

Gemeinsam mit der Initiative „Bürger für Boden“ zieht der Steinfurther Agronom das Projekt durch. Einen Teil seines drei Hektar großen Rosenfeldes stellt er in dieser Saison zum politischen Gärtnern zur Verfügung. Wer mag, kann noch hinzu stoßen, sagt Anette Breit von der Bürgerinitiative. Jeden zweiten Montag –  das nächste Mal also am 4. Juni 2018,  kommt Werner Ruf um 19 Uhr aufs Feld und hilft den Mitmachern beim Ackern. Für 50 Euro bekommen sie einen fünf Meter langen Streifen, auf den acht Pflanzstreifen passen. In vier Reihen hat Werner Ruf schon Kartoffeln und Karotten gesät, die der Weckesheimer Pappelhof stiftete. Die anderen vier Reihen können die Protest-Gärtner mit Blumen oder Gemüse eigener Wahl bepflanzen, das sie später zum eigenen Verzehr ernten können.Martina Kuhn ist  von der Arbeit in hellen Büro-Klamotten direkt zum Feld gefahren. Ein gebogener Bambuszweig mit ihrem Namen kennzeichnet ihr Pflanzstück, in dem sie an diesem Abend Rote Bete und Zuckererbsen setzt. Das Saatgut stiftete der anthroposophische  Zuchtbetrieb in Bingenheim. „Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen ein Logistikzentrum“, sagt die junge Frau aus Echzell. In der Zeitung las sie von dieser „coolen  Aktion“ und entschloss sich zum Mitmachen.  „Da lernt man etwas über Garten- und Ackerbau. Ich werde auch meine Kinder mitbringen.“ Ab kommenden Sonntag wollen die Protest-Gärtner vor Ort alle zwei Wochen nachmittags ackern und Neugierige mit Kaffee und Kuchen empfangen. Viele der ersten Protest-Gärtner kommen aus Echzell, einige aus Wölfersheim. Und aus Assenheim istIngo Abendroth angereist, der trotz seiner 80 Jahre emsig und gut gelaunt die Hacke schwingt. Ihm gefalle das Projekt, sagt der Rentner.

Eine Fläche von zwei Ikea-Filialen

Warum das alles? Das Problem der Landversiegelung „muss noch mehr ins Bewusstsein der Menschen“, findet Martina Kuhn. Die Erde sei hier viel zu fruchtbar, um sie zu versiegeln, sagt Christa Degkwitz von den Echzeller Grünen. „Wir brauchen einen Schutzstatus für diesen Boden. Das war hier ein Vorranggebiet für Landwirtschaft. Nun kommt ein Konzern daher, und alles ist anders.“ Man müsse diskutieren, ob große Firmen so viel Macht entfalten dürfen. Anette Breit hat ausgerechnet, dass die 300 000 Quadratmeter des künftigen Logistikzentrums die Fläche von vier Kreuzfahrtschiffen oder zwei Ikea-Filialen ausmachen. Wenn Rewe an der Autobahn-Auffahrt Wölfersheim bauen dürfe, dann sei das zehn Hektar große Hochregallager nur der Anfang für weitere Gewerbebauten.

Werner Ruf zeigt auf die Maschine, die am Feldrand die ersten Probebohrungen für den Bau des Rewe-Logistikzentrums macht. Der 1964 geborene Landwirt aus Steinfurth zieht in dritter Generation Rosen. Er ist einer von bundesweit nur zwei Bio-Rosenanbauern. Foto: Nissen

Werner Ruf zeigt den Polit-Gärtnern derweil, wie man die Saat einsetzt. Erst kurz vor Sonnenuntergang lässt er sich ausfragen. „Ich hab noch einen Pachtvertrag bis Ende November 2019“, sagt der Rosen-Anbauer aus Steinfurth. Der Besitzer seines gepachteten Ackers wolle den Boden an die Gemeinde Wölfersheim verkaufen. Sie bemüht sich gerade, das Gelände des künftigen Rewe-Warenlagers zu kaufen, um es dann an den Supermarktkonzern weiterzureichen. Kommenden Herbst solle die Erschließung beginnen, heißt es in den vorigen Dezember veröffentlichten Planungsunterlagen. Er brauche aber drei Jahre, um seine Rosenstöcke verkaufsfertig aufzuziehen, sagt Werner Ruf. Er habe einen Brief bekommen, dass man ihm noch im Frühjahr einen anderen Acker anbieten werde. Doch der würde ihm jetzt nicht nutzen. „Es ist mehr oder weniger eine Enteignung“, findet der Rosen-Anbauer. Er könne nicht kurzfristig ein Drittel seiner gesamten Betriebsfläche abgeben, ohne in eine berufliche Schieflage zu geraten.

Gemeinde kauft die Äcker auf

Wird tatsächlich schon dieses Jahr gebaut?  Das ist unwahrscheinlich.  Die Gemeinde Wölfersheim versucht, möglichst viele Äcker auf dem Gelände zu kaufen. Die Gemeinde zahle dafür viel Geld,  berichten die Wölfersheimer Grünen. Fraktionschef Michael Rückl:  „Wir sehen dort Preise, die teilweise hundert Prozent über dem liegen, was die aktuellen Bodenrichtwerte des Landes hergeben. “ Im Umlegungsverfahren müsse die Gemeinde offenbar als Käuferin aktiv werden. Den Eigentümern bleibe die Not der Gemeinde nicht verborgen. So komme es zu überhöhten Preisen.   „Die SPD als die Mehrheitsfraktion im Parlament macht sich inzwischen zum Büttel der Interessen von Rewe“, schimpft Rückl.

Noch nicht begonnen hat die Offenlage für den Bebauungsplan. Voraussichtlich im Sommer können Bürger und Organisationen Argumente für oder gegen das Projekt einreichen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat eine Verwaltungsklage gegen den Bau des Logistikzentrums erhoben. Und die „Bürger für Boden“ sammeln auf ihrer gleichnamigen Facebook-Seite Mitstreiter. Dort informiert die Initiative auch über den Fortgang des Gärtner-Projekts an der früheren Römerstraße zwischen Berstadt und Echzell.

2 Gedanken zu „Rewe-Logistikzentrum“

  1. Dieser Fall erinnert mich an den Plan der Stadt Wetzlar, ein weiteres Gewerbegebiet auf Naturgelände einzurichten. Die beiden Bürgerinitiativen sollten sich einmal kontaktieren (kontakt über naturschutz-wz-muen@gmx.de). Mein Dank geht besonders an Herrn Werner Ruf. Man wünschte sich Politiker, die ebenfalls ein bischen weiter und nicht nur bis zur nächsten Wahl denken. An Aufklärung mangelt es ja nicht mehr. Es ist bekannt, dass der Treibhauseffekt unsere Lebensgrundlagen kaputt machen wird, wenn weiter dem Gott „Wachstum“ so blind geopfert wird. Es geht mir also nicht nur um die Existenz einzelner Landwirte. Die Zubetonierung so fruchtbaren Ackerlandes sehe ich als Puzzelestück, als Beitrag zu einer globalen Betonwüste.
    Liebe Grüße, U. W.

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