Rechte Reden in Friedberg

Ex-Noie Werte-Musiker spricht bei AfD

Als quasi uniformierter Block in schwarzen Jacken mit neongelben Warnwesten marschierte am 27. April 2019 eine Abordnung der rechten Gewerkschaftsgruppe „Zentrum Automobil“ bei der AfD-Kundgebung vor dem Friedberger Landratsamt auf. Die AfD ließ dort Oliver Hilburger reden, dem sie laut Presseberichten den Partei-Eintritt verwehrt hatte: Hilburger war bis 2008 Gitarrist der Neonazi-Band „Noie Werte“.

Rechte Reden in Friedberg

„Diesel ist super“ hatte die Wetterauer AfD als Motto der Kundgebung zur Europawahl auf ihrer Facebook-Seite ausgegeben. Drei düster dreinblickende Männer hielten den Autofahrern an der Kaiserstraße mehr als eine Stunde lang ein Transparent engegen. Dessen Botschaft: „Gegen Dieselfahrverbote und Enteignung der Bürger“. Es nahm außer den etwa 50 AfD-Sympathisanten auf dem Europaplatz allerdings kaum ein Bürger davon sichtbar Notiz. Nur eine Frau rief vom Bürgersteig aus immer wieder: „AfD raus aus der Stadt“ – sie kam damit gegen die Lautsprecheranlage nicht an. Trotzdem gingen mehrere der etwa zwölf aus dem Stuttgarter Raum angereisten Männer zu ihr. „Oma, geh nach Hause“, rief ihr einer zu. Ein anderer warf der Passantin einen kleinen Gegenstand vor die Füße und rief ihr in verächtlichem Tonfall auf Schwäbisch etwas zu. Am anderen Ende des Europaplatzes bewachten zwei Polizeibeamte eine kleine Gruppe junger Leute aus dem linken Lager. Sie begnügten sich, den AfD-Rednern mit Rockmusik aus einem Rucksack heraus zu entgegnen .

In Reihe und quasi uniformiert traten Vertreter der rechten Gewerkschaft „Zentrum Automobil“ bei der AfD-Kundgebung auf. Einer von ihnen ershien im Schotten-Look mit Dudelsack. Foto: Nissen

Auf der mobilen Bühne sprach unter anderen die aus dem Main-Taunus-Kreis kommende AfD-Europakandidatin Christine Anderson. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie in ein von ihr verachtetes Parlament strebt: „Es ist an der allerhöchsten Zeit, dass diese EU demontiert wird – packen wir es an!“ rief sie zum Schluss ihrer langen Rede. Das Volk solle möglichst viele „Böcke“ nach Brüssel schicken, um den Rasen dort kurz zu halten.

Schräge Botschaften

Auch in der Einladung zur Kundgebung auf der Facebook-Seite der Wetterauer AfD waren Ressentiments gegen die EU zu lesen. Ohne Belege zu nennen, heißt es da: „Es gibt viele Beispiele, wie die EU auch hier in der Wetterau negativ das Leben beeinflusst.“ Europa sei über tausend Jahre alt, die EU nur 60. Und: „Die EU ist ein Konstrukt durchsetzt durch 44 000 Parlamentarier!!!“ Schräg war auch die eine oder andere Gestalt, die sich auf dem Platz rund um die Skulptur der Europa mit dem Stier tummelte. Ein Mann hielt ein Schild mit einzelnen Betriffs-Paaren hoch: „Sicherheit – immer gefährlicher“ oder: „Gleichberechtigung – Kopftuchpflicht“. Unter seinem bodenlangen schwarzen Kapuzenmantel trug er ein T-Shirt mit den Konterfeis von Andrea Nahles, Claudia Roth und Angela Merkel und der Botschaft: „Moslemischer IS-Kämpfer – wer oder was bist du?“ Ein älterer Mann verteilte Handzettel mit „Gottes Liebes-Angebot“. Wer dieses Angebot nicht annehme, heißt es darin, werde „ewig verloren, in Dunkelheit Qual und Gottesferne sein, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Als eine junge Frau aus dem Antifa-Lager am Rande der AfD-Demo mit dem Gottes-Botschafter reden wollte, beschimpfte er sie.

Oliver Hilburger hat nach Presseberichen sehr gute Kontakte in die rechtsextreme Szene. Am 27. April 2019 machte er in Friedberg Wahlkampf für die AfD. Foto: Nissen

Sechs dunkel gekleidete Männer mit Warnwesten und grünen Flaggen der rechten Gewerkschaft „Zentrum“ flankierten in einer Reihe die Rede ihres Anführers Oliver Hilburger. Der 49-jährige stellte sich als Sprecher einer sechsköpfigen Betriebsratsgruppe der Mercedes Benz AG vor. Er schimpfte über willkürliche Schadstoff-Grenzwerte, über Fahrverbote und das „Dogma der Elektromobilität“. Im Internet bezeichnet bezeichnet der gewerkschaftsnahe Blog „Labournet“ Hilburgers Gruppe als „neofaschistische Betriebsorganisation“. Hilburger spielte bis 2009 viele Jahre als Gitarrist der Neonazi-Band „Noie Werte“, deren Musik im Jahr 2001 die Nazi-Terrorgruppe NSU nach Presseberichten auf einem Bekennervideo abspielt haben soll. Laut „Focus“ galt die Band „Noie Werte“ als Wegbereiterin für das ultra-rassistische „Blood and Honour“ Netzwerk. Hilburger habe Kontakte zu NSU-Unterstützern gehabt.

Jetzt versuchen Hilburger und die „Zentrum“-Gruppe, in Metallbetrieben gegen die dortigen Gewerkschaftsvertreter Politik zu machen. Es gebe auch eine Betriebsgruppe bei Opel in Rüsselsheim, meldet die Facebookseite von „Zentrum Automobil“. Hilburger sprach auf einer Pegida-Kundgebung in Dresden und arbeitet nach Presseberichten mit dem rechten Netzwerk „Ein Prozent“ zusammen. Laut Wikipedia trat Hilburger im Dezember 2017 neben Jürgen Elsässer, Björn Höcke, Pegida-Gründer Lutz Bachmann und dem Identitären-Chef Martin Sellner bei einem Kongress der Neuen Rechten auf. Daraufhin warnte die IG Metall vor einer Unterwanderung der Betriebsräte durch rechte Gruppierungen.

EU-Freunde: Wähler sollen Blockade verhindern
AfD-Gegner warben am anderen Ende der Kaiserstraße mit Europa-Flaggen dafür, bei der Eu-Wahl am 26. Mai 2019 eine Blockade-Fraktion rechtspopulistischer Parteienvertreter zu verhindern. Foto: Nissen

Parallel zur AfD-Kundgebung warben etwa gleich viele Menschen vor der Friedberger Burg für eine Stärkung des EU-Parlaments. Es sei das einzige direkt gewählte Gremium auf europäischer Ebene, so Jetty Sabandar vom Karbener Ausländerbeirat. Man müsse verhindern, so die Bad Vilbeler Ausländerbeirats-Vorsitzende Isil Yönter, dass rechtsextreme EU-Abgeordnete das Europäische Parlament blockieren. Bei der Kundgebung wurde für zwei gleichzeitig stattfindende Veranstaltungen der Pro-Europa-Bewegung geworben: Am 10. Mai um 19 Uhr sprechen die Europa-Aggeordneten Thomas Mann (CDU), Udo Bullmann (SPD) und der Grünen-Europakandidat Jan Ovelgönne auf Einladung der Europa-Union und des Netzwerks „Wetterau im Wandel“ in der Bad Nauheimer Wilhelmskirche. Zuvor gibt es ein Referat des Wirtschaftsprofessors Niko Paech. Gleichzeitig lädt die Antifa-BI zu einer Diskussion in die Alte Feuerwache an der Johannisstraße 5 in Bad Nauheim. Die These des Abends: Wenn zu viele Rechtsextreme ins EU-Parlament kommen, sind die Erasmus-Stipendien, der Kampf gegen den Klimawandel und die Menschenrechte in Gefahr. ]


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