Pogromnacht

Der dünne Lack der Zivilisation

von Ursula Wöll

Meine Mutter, damals Dienstmädchen in Giessen, hat zugeschaut am 9. November 1938. Ich kann sie leider nicht mehr befragen, aber ich erinnere ihre wenigen Sätze so, dass die Zuschauermenge vor der brennenden Synagoge betreten schwieg. Also noch kein zustimmendes Hurra-Gegröhle, noch befremdete eine derart exzessive Barbarei die Menschen. Nicht nur in Giessen, nicht nur in Hessen, sondern deutschlandweit steckten die Nazis Synagogen an, verhafteten Juden und zerstörten viele ihrer Geschäfte. Schon am 7. November brannte die Kasseler Synagoge. Vor nur 79 Jahren, nicht etwa im als finster beleumundeten Mittelalter. Wenig später bereits bejubelten viele die Ankündigung des totalen Kriegs. Der Lack der Zivilisation ist dünn und blättert schnell. Wir alle sind nicht gefeit davor. Deshalb ist es gut, jedes Jahr neu an die Pogromnacht von 1938 zu erinnern. (Foto: Bundesarchiv/Wikipedia)

Das Milgram-Experiment

Selbst nimmt man sich gerne aus, stellt sich die bösen Rassisten mit Reißzähnen, quasi als Monster vor. Doch nicht nur ichschwache Menschen sind anfällig für Intoleranz. Welch Glück, dass unser Grundgesetz heute die humanistischen Werte hochhält und  festschreibt. Noch spielt sich unser Zusammenleben im Prinzip zivilisiert ab, nur wenige sind bislang so fanatisch, etwa Asylbewerberheime anzustecken. Aber Hand aufs Herz, Menschen abzuwerten, die sich anders präsentieren, das kennen wir doch alle. Wir ordnen sie in eine Hierarchie, an deren Spitze natürlich wir selbst stehen. Wenn das dann noch durch Autoritäten bestärkt wird, fühlen wir uns desto sicherer in unserem Vor-Urteil. Das berühmte Milgram-Experiment hat das bewiesen. 1961 suchte der amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram seine Versuchspersonen rein nach dem Zufallsprinzip aus. Es waren also Menschen „wie du und ich“. Sie sollten den „Schülern“ bei falschen Antworten Stromstöße verpassen und diese bei jeder fehlerhaften Antwort erhöhen. Natürlich waren die Stöße nur simuliert, was die Versuchspersonen nicht wussten. Die meisten von ihnen waren gehorsam, obwohl sie die Schmerzensrufe ihrer Opfer hörten. War doch die anordnende Autorität ein Professor im weißen Kittel oder ähnlich respektabel. Hier wurde „nur“ der blinde Gehorsam getestet,  viel stärker wird die Härte gegen andere ausfallen, wenn noch eigene Interessen und Gefühle ins Spiel kommen. Das Experiment ist häufig wiederholt worden, auch in Europa, immer mit dem Resultat: Die Befehle wurden ausgeführt, obwohl eine Weigerung keinerlei Nachteile gebracht hätte.

Zivilcourage

Die stummen Zuschauer der historischen Synagogenbrände mögen aus Angst geschwiegen haben. Nach 5 Jahren NS-Staat war klar, dass die Nazis Proteste und Kritik ahndeten. So weit darf es nie wieder kommen und deshalb müssen die Werte unserer Demokratie gelebt werden, damit sie nicht sterben. Dazu gehört manchmal auch Mut und Ichstärke. Wenn Schwächere oder Minderheiten diskriminiert werden, darf ich nicht weggesehen. Schon Kinder sollten lernen, wie wichtig Zivilcourage und Einfühlung in andere sind. Und wie wichtig die Achtung vor anderen Kulturen. Das schließt nicht aus, dass ich meine Heimatregion, ihre Bräuche, Düfte und Farben liebe. Denn andere Lebensweisen in unserer Mitte zerstören das nicht, sondern bereichern unser regionales Erbe.

Informationen über die Pogromnacht in Hessen gibt die Broschüre der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, ihr Text steht unter hlz.hessen.de

Gedenkveranstaltungen am 9. November

Giessen, 17 Uhr Gedenkstein vor der Kongresshalle

Butzbach, 18 Uhr Gedenkstein am Hallenbad

Wetzlar, 17 Uhr Gedenkstein Pfannenstielgasse

Bad Nauheim, 16 Uhr Gemeindesaal der Wilhelmskirche. Veranstalter ist die Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit.

Friedberg  12.11.,  ca. 11 Uhr (nach Gottesdienst) Synagogenplatz, Judengasse

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