Pogromnacht

Vor 80 Jahren brannten die Synagogen

Gedenkstein in Gießen.

von Ursula Wöll

Um den 9. November 1938 wurden von den Nazis überall in Deutschland Synagogen und Geschäfte jüdischer Besitzer zerstört. Das geschah vor genau 80 Jahren und nicht etwa in dem zu Unrecht als finster gescholtenen Mittelalter. Nachdem bereits am 7. November 1938 die Kasseler Synagoge brannte, tobte sich der Fanatismus in Mittelhessen am 10. November aus. Da wurden die Synagoge in Marburg, die liberale und die orthodoxe Synagoge in Giessen und die Synagoge in Friedberg angesteckt. Auch die Synagogen in Bad Nauheim und in Herborn wurden zerstört. Die Feuerwehren wässerten nur die Nachbarhäuser, damit der Brand auf die Sakralgebäude beschränkt blieb.

Zentral gesteuerte Aktion

Die Nazis wollten glauben machen, dass die Brände spontan von der Bevölkerung gelegt wurden, als Reaktion auf die Ermordung eines Diplomaten in Paris. Die Gleichzeitigkeit an allen Orten belegt, dass die barbarischen Verbrechen von Berlin gesteuert waren. Die Brände zogen eine große Menge Leute an, die das Ungeheuerliche mitansahen, aber aus Angst schwiegen. Auch meine Mutter, die in der Nähe als Dienstmädchen arbeitete, sah zu, wie die liberale Synagoge in Giessen brannte. Sie erzählte mir vor Jahren, dass

Die liberale Synagoge in Gießen vor ihrer Zerstörung. (Foto: Stadtarchiv)

hinter ihr ein Mann leise sein Missfallen geäußert habe. Ich kann sie leider nicht mehr befragen, und nur diese Einzelheit ist mir in Erinnerung geblieben, da auch leise Kritik damals Mut erforderte. Während die orthodoxe Synagoge in der Steinstraße stand, befand sich das liberale Gotteshaus auf dem Platz der heutigen Kongresshalle gegenüber dem Stadttheater. Ein Gedenkstein erinnert heute daran. Hier finden die jährlichen Gedenkveranstaltungen statt. In diesem Jahr lädt der Giessener Magistrat für den 8. November um 17 Uhr ein, die Pogrome zu erinnern. SchülerInnen der Herderschule werden das Gedenken durch Lesungen mitgestalten.

Wozu immer wieder erinnern?

Bald werden die letzten ZeitzeugInnen verstorben sein, nur noch Bücher können an die schrecklichen Jahre erinnern. Die Pogromnacht, in der auch jüdische Geschäfte geplündert und Menschen geschlagen und verhaftet wurden, bildete den Auftakt zur systematischen Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit in den besetzten Ländern. Eine unbegreifbare, unfassbare Zeit. Aber die Mörder von Millionen Menschen waren keineswegs perverse Monster. Sie sahen ordentlich aus, auch in Zivilkleidung, und sie hatten ihre Frauen, Kinder und Hunde gern. Und deshalb kann ein solcher „Zivilisationsbruch“ auch noch einmal passieren. Die Erinnerung daran kann uns für Hass auf Minderheiten gleich welcher Art immun machen. Denn vor dem Mechanismus „nach oben buckeln und nach unten auf die Schwachen treten“ sind wir alle nicht gefeit. Wer die Historie nicht verdrängt und das millionenfache Leid nachfühlt, erkennt besser, wenn Minderheiten als Hass-Objekte aufgebaut werden. Auf sie sollen wir unsere Aggression und unseren Frust lenken, uns groß fühlen, weil wir andere unter uns stellen.

Eine Nacht im November

Deshalb ist die nun 20 Jahre alte ‚Arbeitsstelle Holocaust-Literatur‘ an der Giessener Universität wichtig. Sie wird von Professor Sascha Feuchert geleitet. Zusammen mit Markus Roth und Christiane Weber hat er das schon 1939 in England erschienene Buch von Konrad Heiden „Eine Nacht im November 1938: Ein zeitgenössischer Bericht“  erstmals 2013 auf deutsch herausgegeben. Es erscheint nun im Wallstein-Verlag in der 4. Auflage (19,90 Euro), weil es neben seinem wichtigen Inhalt glänzend geschrieben ist. Außerdem wird die universitäre Arbeitsstelle eine Wanderausstellung über den Vernichtungsort Malyj Trostenez zeigen, und zwar vom 4. Dezember bis 17. Januar 2018 in der Kongresshalle. Volker Bouffier wird bei der Eröffnung anwesend sein. Die Ausstellung informiert über die Ermordung von 60 000 Menschen an diesem weißrussischen Ort, der heute ein Vorort von Minsk ist. Infos über das Begleitprogramm gibt es unter holocaustliteratur.de

Gedenken in Friedberg

In Friedberg gibt es 2018 drei Veranstaltungen zum Gedenken an die Pogromnacht: Hans- Helmut Hoos hält am Dienstag, 6.11, um 18 Uhr im Junity einen Vortrag über die Verfolgung der Friedberger Juden von 1933 – 1942. Der Vortrag ist die Vorbereitung auf den Spaziergang am Freitag, 9.11. Treffpunkt ist um 19 Uhr das Burgtor. Nach einem kurzen Einführungsvortrag folgt ein Gedenkspaziergang, den junge Menschen aus Friedberg organisieren. Es wird über wichtige historische Orte aufgeklärt und es werden dazu Zeitzeugenbeiträge/Gedichte vorgetragen. Im Anschluss ist eine Gedenkminute an der ehemaligen. Friedberger Synagoge geplant. Am Donnerstag, 13.Dezember, ist schließlich um 18 Uhr der Film „Erhobenen Hauptes“ im Junity Friedberg zu sehen. Der Film wird von zwei Personen aus dem Filmteam begleitet. Diese stehen im Anschluss für Fragen und Diskussionen zur Verfügung. Der 95-minütige isralisch-deutsche Film erzählt die Lebensgeschichten von fünf Personen die zwei Dinge teilen: Sie alle sind als Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen und wurden als Juden und Jüdinnen ab 1933 von den Nazis verfolgt – und sie alle leben im gemeinschaftlich-sozialistisch organisierten Kibbuz Ma’abrot in Israel.Die Veranstaltungen werden von Demokratie Leben im Wetteraukreis unterstützt.

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