Pilzsaison

Wertvolle Organismen für den Wald

Von Corinna Willführ

Die Saison für Pilzsammler hat in diesem Jahr durch das feuchte und warme Wetter schon im August begonnen, rund drei Wochen früher als die gewohnte Schwammerl-Hauptlesezeit im September und Oktober. Doch die Suche nach Maronen, Steinpilzen oder Hexenröhrlingen als Bereicherung für den Speisezettel birgt für Unkundige Gefahren. Ein dramatischer Fall ging in der vergangenen Woche durch die Medien: Ein Familienvater und seine drei Kinder kamen nach dem Verzehr von Knollenblätterpilzen in einem Wald in Frankfurt-Fechenheim ins Krankenhaus. 227 Vergiftungsfälle zählte das Giftinformationszentrum Mainz von Januar bis August. Deshalb: Mindestens unbedingt bei der ersten Schwammerl-Suche mit einem Pilzexperten gehen – und bei allen weiteren ein Bestimmungsbuch mitnehmen und weitere wichtige Hinweise beachten.

Mehr als ein Nahrungsmittel

Hochtaunus. „Ist der essbar oder giftig?“ Eine Frage, die jeden Neuling, der sich auf Schwammerl-Suche begibt, ebenso umtreibt, wie manchen, der neben Steinpilz und Marone Neuentdeckungen für ein heimisches Fungi-Gericht machen möchte. Viel hundertmal hat Peter Gwiasda, die Frage „Ist der essbar oder giftig?“ bei seinen Führungen als Pilz-Experte schon gehört. Doch auch wenn diese, solange sie in heimischen Gefilden zu finden sind, seinen Speiseplan bereichern: Auch der Wehrheimer Experte mahnt: Keinesfalls Pilze, die man nicht kennt einfach in den Korb tun. Sowieso nicht in eine Plastiktüte. Bei allem Interesse an Pilzen als Nahrungsmittel, hat Peter Gwiasda darüber hinaus ein weitreichenderes: Das Bewusstsein für die Bedeutung der Pilze – nicht nur für das ökologische System Wald – zu schärfen.

Sehen sich zum Verwechseln ähnlich: der Steinpilz als „König der Speisepilze“ (links) und der Gallenröhrling in den Händen von Pilzexperte Peter Gwiasda. (Fotos: Willführ)

Pilze haben ein eigenes Reich in der Natur

Nimmt man nur ein einfaches Bestimmungsbuch zur Hand, gerät der Laie schon ins Straucheln bei der Vielzahl der Röhrlinge, der Lamellenpilze oder der Fungi, die zu den Porlingen oder Leistenpilzen gehören. Zumindest ist für die Erstbestimmung ein Blick auf den Hut hilfreich. Allein da zeigt sich schon, wie vielfältig die Lebewesen sind, denen heute „aufgrund phylogenetischer, biochemischer und anatomischer Befunde“ (Wikipedia) ein eigenes „Reich“ zugeordnet wurde – also zwischen Pflanzen und Tieren. Kann ein Fungi-Hut doch kugelig oder flach, trichterförmig oder genabelt sein. Reicht schon, um bei der Bestimmung verwirrt zu werden. Noch ohne auf die Lamellen geschaut zu haben, die angewachsen oder ausgebuchtet sein können. Oder die Stiele, deren Form von zylindrisch bis bauchig reicht.

Eine Schwammerl-Vielfalt, die nur der Schwammerl-Kenner auseinanderhalten kann: Ergebnis einer Pilzexkursion der Jugendorganisation „Bunditen“ des BUND Wehrheim mit Eltern.

Dann die die Verwechslungsgefahr: zwischen Steinpilz und Gallenröhrling beispielsweise. Beide sprießen gerne zwischen Juni und Oktober noch in Nachbarschaft. Beides sind sie Röhrlinge. Indes: Der eine, also der Steinpilz, gern auch Herrenpilz genannt, mit dem botanischen Namen Bolidus edulis, gehört zu den hochwertigsten Speisepilzen – und kostet entsprechend viel auf den heimischen Märkten. Viel: Für die Delikatesse zahlen Feinschmecker auch in einem guten Pilzjahr wie 2017 30 Euro pro Kilo. Der andere, also der Gallenröhrling, auch Bitterpilz, der Tylopilus felleus, verdirbt jedes Essen. Wenig tröstlich: Auch Maden und Würmer meiden ihn – wohl wegen seines beißenden Geruchs.

Für Peter Gwiasda indes erledigen sie alle ebenso wie ihre Artgenossen – weltweit wird die Zahl der Pilze mit mehr als eine Million Arten angenommen – einen unterschätzten Wert für (insbesondere) das Ökosystem Wald – und damit auch für einen wertvollen und schützenswerten Lebensraum des Menschen.

In Kommunikation mit Bäumen und Sträuchern

„Pilze“, sagt der Experte, „gehen so etwas wie einen Freundschaftsvertrag mit Bäumen und Sträuchern ein. Das müssen sie auch. Denn die Fungi haben keine Grünteile wie Blätter, können selbst also kein Chlorophyll produzieren.“ Dafür verfügen sie über ein oft kilometerlanges Netz an Fäden, ihren Myzelen.“ Sichtbar für den Schwammer-Sammler sind sie nicht. Für das ökologische Gleichgewicht im Forst aber unabdingbar. Denn über die Myzele verbinden die Pilze auch die Bäume in ihrer Umgebung. Beispielsweise Fichten. Melden die Organismen aus dem Untergrund „Alarm“ von Borkenkäfern, produzieren gefährdete Bäume mehr Harz zur Abwehr des für sie bedrohlichen Insekts.

Für Menschen extrem bedrohlich, gar tödlich, ist der Knollenblätterpilz, der dem Champignon ähnlich sieht. Was ihn von diesem unterscheidet: seine deutlich gerandete Knolle mit sichtbarer Scheide. Doch die steckt erst unter dem Waldboden in der Erde. Während bei anderen Pilzen, die man bei roh mi einer kleinen Probe nach ihrem Geschmack einordnen kann, um sie zugleich wieder auszuspucken, gilt für die Amanitae Finger weg, Zunge weg, Gaumen weg – egal ob narzissengelb, kegelhütig, weiß oder grün: Sie sind nicht einmal zum Probieren geeignet.

Ein Prachtexemplar des Parasol-Pilzes halten zwei „Bunditen“ in ihren Händen. Der Schirmpilz gehört zu den wohlschmeckenden Speisepilzen. Er wird gerne wie Schnitzel, in Ei und Paniermehl gewendet, in der Pfanne zubereitet.

„Und wie ist das mit den Fliegenpilzen?“ Auch diese Frage hat Peter Gwiasda bei Dutzenden Führungen immer wieder gehört. Nicht nur Kinder freuen sich, wenn sie ein oder gleich auch mehrere Exemplare entdecken. Der Fliegenpilz ist mit seiner roten Kappe und den weißen Flocken fast schon ein Gewächs aus dem Märchen. Doch es gibt ihn noch. Und da er ungenießbar ist, sollte man ihn zum Schutz des Ökosystems Wald unbedingt stehen lassen – so wie alle Pilze, die man nicht kennt. Und von denen, die man kennt, die Kleinsten und die Ältesten. Gibt es doch viele Organismen, die sie für ihren Weiterbestand oder ihr Absterben im natürlichen Kreislauf brauchen: vom Käfer bis zum Totholz, vom Wildschwein bis zum Menschen.

Beim Verdacht auf eine Pilzvergiftung: giftinfo.uni-mainz.de

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