Omas gegen rechts

Alt sein heißt nicht stumm sein

von Ursula Wöll

Endlich! Die Alten werden aktiv! Und zwar für die Demokratie, die ja bekanntlich von der Beteiligung aller BürgerInnen lebt. Die Wiener Bewegung „Omas gegen rechts“ schwappt nach Deutschland über. In Berlin, Hamburg und Frankfurt sollen schon Ableger existieren. Zumindest aber in Wien werden die Omas (und auch etliche Opas) am ‚Internationalen Tag des Flüchtlings‘, dem 20. Juni, wieder lautstark auf die Straße gehen und diesmal für eine humane Flüchtlingspolitik demonstrieren. Erkennungszeichen der zivilgesellschaftlich engagierten Alten: Eine rote Strickmütze. Ob die vielleicht künftig auch in Mittelhessen modern wird?

Nicht zum „alten Eisen“ werfen lassen

Gerade überlege ich, warum in Sachen Pflegenotstand die HeimbewohnerInnen selbst so ruhig sind. Könnten sie etwa doch alle vor dem Essen mit ihren Löffeln auf den Tellern klappern oder anschließend mit dem Geschirr auf der Straße vor ihrem Heim ein wenig Lärm für die Forderung nach mehr Pflegepersonal machen, so wie es in Südamerika bei Protesten üblich ist. Ich erkläre mir diese Passivität damit, dass die Alten und besonders alte Frauen keinen gesellschaftlichen Status besitzen, zum ‚alten Eisen‘ geworfen werden. Sie selbst haben diese Geringschätzung verinnerlicht und den allseits propagierten Jugendwahn übernommen. Schon das ‚Kompliment‘, dass jemand viel jünger aussieht als sie oder er ist, zeugt davon. Als gäbe es keine Schönheit des Alters.

Ursula Wöll

Außerdem ist die autoritätsfreie Erziehung eine ziemlich neue Erfindung. Ich gehöre ja selbst zur Oma-Generation und weiß, wie sehr unsere Erziehung auf das Gehorchen und das passive Hinnehmen abgestellt war. Wer nicht das Glück hatte, durch die Studentenrevolte oder eine Gewerkschaft das Aufbegehren gegen schlechte Zustände gelernt zu haben, traut sich meist nicht, laut für seine Rechte zu protestieren. Daher ist vor allem die alte Frau als öffentliche politische Kraft nicht in unserem kollektiven Bewusstsein gespeichert. Und wie als Antwort auf diese Überlegungen höre ich da die frohe Botschaft im Radio: Das war gestern! In Wien gibt es die „Omas gegen rechts“! Schon seit November 2017, initiiert vor allem von Monika Salzer, 70 Jahre alt.

Omas erheben ihre Stimme

Sie beschreibt die Gruppierung so: Ältere Frauen, sogenannte Omas, erheben „ihre Stimme zu den gefährlichen Problemen und Fragestellungen der heutigen Zeit“. Es geht ihnen „um die Erhaltung der Demokratie in einem gemeinsamen Europa“ und „um den Respekt und die Achtung gegenüber anderen MitbürgerInnen, unabhängig von deren Religion oder ethnischen Zugehörigkeit“. Ältere haben ja mehr Zeit, sich politisch zu engagieren. Die „Omas gegen Rechts“ wollen sich nicht von ihren Enkeln fragen lassen, was sie gegen Fehlentwicklungen getan haben. Deshalb protestieren sie nicht nur gegen den Pflegenotstand, sondern auch für eine bessere Bildungspolitik.

Mit ihren gestrickten Mützen in Rottönen fallen sie bei Protestveranstaltungen auf und haben ein entsprechendes Medienecho. Im Internet findet man sogar die einfache Strickanleitung: Mit Nadeln der Stärke 5 oder mehr strickt man für das Bündchen etwa 8 cm in 2 rechts, 2 links, danach  in glatt rechts weiter. Gestrickt wird also nur ein Rechteck, das dann zusammengenäht wird. Die „Ohren“ entstehen beim Aufsetzen von selbst. Mein Strickzeug hatte ich seit langem verbannt. Nun werde ich es suchen und die Kunst wieder einüben. Gemeinsam macht das allerdings mehr Spaß. Wer mitmachen will, kann mir eine mail schreiben: ursula_woell@t-online.de. Vielleicht schaffen wir es, nach dem Stricken noch ein Plakat zu malen und als „Omas gegen Rechts“ am Antikriegstag, dem 1. September, auf einer Veranstaltung  „aufzutreten“.

omasgegenrechts.com

4 Gedanken zu „Omas gegen rechts“

  1. Recht hat sie, die Oma Ursula Wöll!
    Die Generation, die noch im Krieg zur Welt kam, gezeugt in der Zeit der Kesselschlacht von Stalingrad, und die Generation des Wirtschaftswunders muss aufstehen und ihr gesellschaftliches Potential nutzen. Wählen allein bringt nicht viel – laut müssen wir sein, wir müssen stören und lästig werden.
    Und noch was: Ich bitte die Opas nicht zu vergessen. „Oma und Opa gegen Rechts“ lautet die korrekte Botschaft.
    Ich bin gern dabei.
    Freundliche Grüße von Peter Gwiasda

  2. Stimmt so, jedoch sollten auch die ‚Opas‘ mitmachen und nicht nur gegen, sondern vor allem FÜR die vielen Angelegenheiten sein, die gerade heute noch zu regeln sind. Es geht darum, dass wir Alten als Autoritäten (nicht zu verwechseln mit Autoritären) den Jungen ein VORBILD sind im Wahrnehmen unserer Rechte und auch Pflichten bei der Gestaltung unserer Gesellschaft.

    1. Nachsatz: Das EUROPAMAGAZIN des ARD berichtet am 05.August 2018 um 12.45 Uhr über die Wiener Gruppe
      ‚Omas gegen rechts‘.

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