Offensive der IG Metall

Arbeiter wagen Tarifkonflikt

Von Klaus Nissen

Sie möchten nicht mehr jedes Jahr um den Inflationsausgleich  betteln – die  Hassia-Belegschaft will nach 23 Jahren wieder einen Tarifvertrag.  Die Facharbeiter der Verpackungsmaschinen-Fabrik im Wetterauer Ranstadt riefen am 14. September 2017 die IG Metall zur Hilfe.

Offensive der IG Metall

Der Otto hat es möglich gemacht. Er schaffte früher bei der Hassia am Heegweg – nun ist er in Rente, hat Zeit und die Schlüsselgewalt bei der Freiwilligen Feuerwehr. Deren Stützpunkt liegt neben dem Werkstor der Verpackungsmaschinenfabrik IMA Hassia. Am Donnerstag Schlag zwölf öffnete Otto für seine ehemaligen Kollegen die Fahrzeughalle. Geschützt vor Regen haben da gut 30 der 150 Hassia-Angestellten ihre Protest-Mittagspause verbracht. Die IG Metall sorgte für heiße Würste, Semmeln und Getränke. Der junge Gewerkschaftssekretär Mario Wolf hielt eine Ansprache: „Ihr braucht ein planbares und verlässliches Einkommen. Dafür müsst Ihr kämpfen!“ So eine Veranstaltung gab es hier seit Jahrzehnten nicht mehr, meinte ein älterer Hassia-Facharbeiter.

Gruppenbild mit Fahne vor dem Werkstor: Bei Hassia arbeiten vor allem Männer. Sie wollen mehr Geld. Es sei nicht einzusehen, dass man in Ranstadt weniger verdiene als die Kollegen in Baden-Württemberg. Links der Kundgebungs-Organisator und Gewerkschaftssekretär Mario Wolf Foto: Nissen

Was ist da los? Betriebsrat und Gewerkschaft fordern eine zweiprozentige Erhöhung der Löhne rückwirkend zum April, die ihnen der Hassia-Chef Dieter Thewes verweigere. Vor allem aber wolle man endlich wieder zum allgemeingültigen Metall-Tarifvertrag zurückkehren, sagte der stellvertretende Betriebsratschef Siegmar Frank. Die Schwester-Fabrik in Neuss sei im Tarif, die andere bei Schwäbisch-Hall kehre wohl in den Tarif zurück. Das wollen die Ranstädter auch.

Der 1955 gegründete Hersteller von Verpackungsmaschinen für Lebensmittel ist schon seit 1994 nicht mehr im Metall-Tarifvertrag. In der aktuellen Fassung sichert der einem Facharbeiter nach der Ausbildung ein Brutto-Grundgehalt von 2800 Euro zu. Ein Ingenieur kommt auf etwa 4270 Euro bei 35 Wochenstunden. Doch in Ranstadt bekomme man weniger, so ein Arbeiter. Man arbeite hier 40 Wochenstunden, und die jährlichen Tariferhöhungen seien den Hassia-Leuten immer nur verspätet gezahlt worden. Bei Hassia muss laut Mario Wolf jeder einzelne Beschäftigte sein Gehalt mit der Betriebsleitung aushandeln. In Wirklichkeit erledige das der Betriebsrat. Obwohl er es nicht darf. Dafür sei laut Betriebsverfassungsgesetz die Gewerkschaft zuständig.

Besonders hart war die letzte „Tarifrunde“ für die Hassia-Leute. Vor zwei Jahren verkaufte der Finanzinvestor Oystar die Ranstädter Fabrik an die italienische IMA-Gruppe, einen weltweiten Konzern mit 4500 Arbeitnehmern. Damit das klappte, mussten gut 70 Arbeitnehmer gehen. Und wer blieb, akzeptierte laut Gewerkschafter Wolf 80 „Minusstunden“ auf seinem Gleitzeitkonto. Im Gegenzug sollte die 2016 von den Tarifpartnern bundesweit ausgehandelte Gehaltserhöhung auch für Hassia-Leute gelten. Strittig bleiben aber zwei Prozent Gehalt, die Hassia nicht zahlen will. Wichtiger sei noch die Rückkehr in den Tarifvertrag, so der Vize-Betriebsratschef Frank bei der Protest-Mittagspause.

Das stehe nicht in seiner Macht, sagte der Hassia-Geschäftsführer Dieter Thewes auf Nachfrage. Er habe der Belegschaft erst vor einer Woche ein gutes Angebot gemacht: eine ansehnliche Einmalzahlung und – gekoppelt an den Geschäftserfolg – eine zweiprozentige Gehaltserhöhung ab Januar. Der Betriebsrat habe davon nichts wissen wollen, weil er nach eigener Aussage ja nicht über Gehälter verhandeln dürfe, so der Fabrikdirektor. Nun sei die Belegschaft verunsichert. Etwa die Hälfte habe ihm inzwischen mitgeteilt, dass sie die Einmalzahlung und die angebotene Gehaltserhöhung gerne annehmen würde.

Im übrigen sei er durchaus offen für ein Gespräch mit der IG Metall, sagte Dieter Thewes. Der Kundgebungs-Organisator Mario Wolf habe sich bisher nicht bei ihm gemeldet. Er hätte am Donnerstag einfach hereinkommen können.

Verpackungsmaschinen aus Ranstadt

Seit 62 Jahren werden bei Hassia Maschinen zur Lebensmittel-Verpackung entwickelt und hergestellt. In Ranstadt sind die ersten Joghurt-Zwillingsbecher mit der „Knickecke“ erfunden worden,  die das Abziehen der Deckelfolie erleichtert. Aktuell stellt man unter anderem Maschinen zur Produktion kleiner Portionspackungen für Marmelade oder Butter her. Auch Maschinen zur Abfüllung von flüssigen oder pastösen Lebensmitteln und Verschließ-Apparaturen werden in Ranstadt konzipiert. In Ranstadt sitzen Vertriebsleute und Techniker, die alte Hassia-Maschinen bei den Kunden reparieren und an den neuesten Stand der Technik anpassen. Aktuell gibt es viele Aufträge für das Unternehmen, so Geschäftsführer Dieter Thewes. Man suche laufend neue Mechaniker, Reisende und Ingenieure.

Das Unternehmen gehört seit 2015 zur IMA-Gruppe (Industria Macchine Automatiche) in Ozzano dell`Emiglia, deren Anteile an der Mailänder Börse gehandelt werden. Der Betrieb in Ranstadt machte laut Firmen-Auskunftei „Wer zu wem“ im Jahr 2014 rund 46 Millionen Euro Umsatz und verkaufte drei von vier Verpackungsmaschinen ins Ausland.

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