Niele Toroni

Die Kunst der Pinselabdrücke

Von Ursula Wöll

Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen vergibt alle fünf Jahre den mit 5200 Euro dotierten Rubenspreis. Am 2. Juli 2017 wurde er nun an Niele Toroni verliehen, einen 80jährigen, im Tessin geborenen Künstler, der heute in Paris lebt. Die von ihm selbst konzipierte Ausstellung seiner „Werke“ läuft bis zum 15. Oktober. Über sie ist schnell berichtet, denn seit 50 Jahren malt der Künstler dasselbe Motiv, und zwar mit einem Pinsel Nr. 50 gesetzte rechteckige Tupfer in Abständen von exakt 30 cm. Nur der Malgrund wechselt,:mal ist es Papier, mal sind es die weißen Museumswände. Der Titel ist ebenfalls immer derselbe; „Pinselabdrücke Nr. 50, wiederholt in regelmäßigen Abständen von 30 cm“ .

Geniales Alleinstellungsmerkmal

Toroni betont indes, dass jeder Tupfer bei genauem Hinsehen etwas verschieden aussieht: „Ich bin ja keine Maschine!“  Als „minimalistische Kunst“ wird Toronis Tun etikettiert. Manche/r BesucherIn sieht jedoch schlicht eine geniale Masche in dem Konzept, denn nur mit einem absoluten  Alleinstellungsmerkmal findet heute ein Künstler Beachtung im Kunstbetrieb. Aber das laut zu sagen, traut sich kaum jemand, um nicht als BanausIn zu gelten. Ich setze mich mutig dieser Gefahr aus.

Natürlich wandeln sich die künstlerischen Ausdrucksformen im Lauf der Zeit. Für meinen Begriff drückt Kunst den Zeitgeist aus, reflektiert ihn aber auch durch neue Themen oder Formen. Sie ist ein Mittel der Erkenntnis über den Weg des ästhetischen Empfindens. Niemand malt heute noch so barock opulent und geschichtenerzählend wie der 1577 in Siegen geborene Peter Paul Rubens (daher der Rubens-Preis). Auch aus Protest entstand immer wieder Neues. So wandten sich die Dadaisten radikal gegen bisherige Normen. Mit Collagen oder Assemblagen zertrümmerten sie hergebrachte Selbstverständlichkeiten wie die Perspektive. Man denke nur an Hannah Höch. Das geschah als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, der durch die etablierte Kultur nicht verhindert worden war. Doch bei Höch oder Heartfield   sind immer noch inhaltliche Aussagen erkennbar, mit denen sie Banker oder Generäle  als Verursacher der Schlächterei kritisierten. Nach dem Zweiten Weltkrieg prangerten viele Künstler den erneuten Zivilisationsbruch an, indem sie abstrakt malten. Der Missbrauch der gegenständlichen Kunst für Naziziele sollte so demaskiert werden. Die abstrakten Bilder boten jedoch immer noch ein ästhetisches Vergnügen.

„Ich bin ein Handwerker“

Will Toroni die Kälte und Schnörkellosigkeit unserer aktuellen westlichen Gesellschaft kritisieren? In ihr gibt es keine Geheimnisse mehr, alles ist unter Asphalt begraben, begradigt, ordentlich und vereinzelt, wer aus der Reihe tanzt, fällt auf. Eine große Leere herrscht auf intellektueller und emotionaler Ebene, einzig die Technik macht Fortschritte und führt uns durch ihre inhumane Anwendung an den Abgrund. Doch Andeutungen Toronis, seine immer gleichen „Werke“ so als Metapher für unsere Zeit zu interpretieren, sind nicht bekannt. Er möchte im Gegenteil, dass ihnen gar kein Sinn unterlegt wird: „Ich bin ein Handwerker, der seine Arbeit erledigt.“ Dafür hatte er auch in Siegen einen Gesellen dabei, der mit Leiter und Zirkel die 30cm-Abstände der vom Meister gesetzten Punkte markierte.

Anything goes, und ob Toroni nun will oder nicht, seine minimalistische Kunst ist Ausdruck unserer Zeit, die trotz der immensen, durch die Werbung über uns ausgekippten Bilderfluten immer sinnentleerter und oberflächlicher wird. Und vielleicht werden wir durch seine „Nicht-Bilder“ ja überhaupt erst auf diese Bilderfluten aufmerksam gemacht. So wie John Cage ein Stück voller Pausen „komponierte“, das die ZuhörerInnen zum genauen Hinhören erzieht.

Da bin ich also doch noch vom Saulus zum Paulus konvertiert. Vielleicht hat die Kunst Toronis auch etwas von „Leutverarschung“, aber durch ihre Provokation regt sie auch Gedanken und Phantasie an und fördert allerhand mehr oder minder gute Interpretationen zutage. Auch hier gilt: Anything goes.

Infos über Vorträge und Katalog: mfg-siegen.de

Lange Nacht der Museen in Siegen am 19. Juli 2017

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