Neues Buch

Ge(h)ografie von Herbert Bremm

Eines Tages bricht er in Friedberg auf.  Geht mit dem Rucksack auf dem Rücken  nach Frankfurt, dann über Mainz, Bingen, Simmern immer weiter bis in sein Heimatdorf Briedel an der Mosel. So nähert sich Herbert Bremm dem eigenen Ursprung. Der Bericht darüber ist sachlich, witzig, manchmal melancholisch. Und philosophisch. Und lesenswert, weil man so eine Tour durchaus auf sich selbst beziehen kann.

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Der Mann ist vom Jahrgang 1953.  Ein eher stiller technischer Sachbearbeiter a.D., der irgendwann in Friedberg gelandet ist.  Als der Berufsalltag abbricht, geht Herbert Bremm einfach los.  Denn das Gehen hilft beim Denken, das wusste schon Jean-Jacques Rousseau: „Mein Körper muss gewissermaßen in Schwung geraten, um auch meinen Geist zum Schwingen zu bringen“.

Frankfurt ist noch eine halbe Tagesreise entfernt. Zunächst geht es bei Petterweil an einem Rübenfeld entlang. Fotos: Herbert Bremm

Das Gehen bringt auch Freiheit. Das tägliche Ritual des Aufstehens und  Kaffeekochens wiederholt er noch am ersten Tag. Doch dann lässt er den Autoschlüssel im Flur, hört sich die Verkehrsnachrichten gar nicht erst an. Friedberg verlässt er querbeet: „Ich kürze ab und überschreite den niedrigen Mauersockel,  der das Gelände einer Tankstelle einfasst. Jenseits der Ausfallstraße Richtung Autobahn eine zweite Tankstelle. Zapfsäulenreihen, abgestellte Fahrzeuge, eingehängte Tankschläuche, auch die sind für mich kein Hindernis.“

Immer weiter, am ersten Tag über Feldwege und Kartoffeläcker  nach Frankfurt. In kurzen Hauptsätzen beschreibt Herbert Bremm, was er sieht.  Eine Rinderherde fällt in Trab und stoppt kurz vor dem Elektrozaun.  Später dann die gelben Müllsäcke am Straßenrand und die Ampelanlagen von Frankfurt. „Ich renne haarscharf an Klingelknöpfen, Namensschildern, Briefkästen und Eingangstüren vorbei. An einer Trinkhalle werden Chips und Bierflaschen durch ein schmales Fenster gereicht.“ Die Werbebotschaften und Denkmal-Inschriften. Das sieht man sich alles nicht mehr bewusst an.

Brems Heimat – das Moseldorf Briedel, vom Aussichtspunkt Martinslay aus gesehen.

Auf Seite 59 überquert der Fußgänger die Autobahn. Und scannt  die unter ihm dahinrasenden Menschen. Den Wertpapier-Trader im Audi TT. Die 40-jährige Channel Development Managerin im weißen Toyota Avensis beschreibt er mit aktuellem Ziel und Lebenshaltung, dann den Fahrer um die 60 im silbergrauen Golf Diesel – „Wer ist das? — Das bin doch ich!“ ein Musterprüfer ohne Personalverantwortung  bei einem Automobilzulieferer. Auf dem Weg zum Büro, wie alle Werktage seit 30 Jahren.

Immer weiter, am Fluss entlang. Als ihn das Gebäude der Opel-Akademie zu einem Umweg zwingt, scannt Herbert Bremm die Gespräche und das Aussehen der Seminarteilnehmer. Später wird er auch in das Flugzeug springen, das 11 000 Meter über ihm nonstop von London nach Frankfurt unterwegs ist. Und er wird erzählen, in welchen Unterkünften  in Thailand die Fluggäste gebucht sind. Die Gedanken können alles. Auf einer Wanderung sind sie besonders frei.

Keiner bemerkt unterwegs, was mit dem Wanderer los ist.  Nur ein Rentner fragt: „Ei, se renne ja, als wolde se heude noch die Welt umrunde. Habbe se net vergesse abzebiesche!“ Als Herbert Bremm ihm von seinem  persönlichen Wetterau-Main-Rhein-Mosel-Stieg erzählt, bittet der Rentner: „Nemme se mich doch mit!“ Das geht natürlich nicht, schon wegen der „aale Knoche“.

Der Opa des Autors betrieb seine Landwirtschaft noch mit einem Kuhgespann. Tempora mutantur.

Erst auf Seite 93 erfahren die Leser, warum sich der Autor auf den Weg in sein Heimatdorf gemacht hat. Er wurde abgefunden. Der Arbeitgeber hat umstrukturiert. Immerhin wurde Bremm feierlich verabschiedet, dann ein letztes Mal durchs Drehkreuz. „Dein Abschied ging erschreckend reibungslos über die Bühne“, sagt er sich beim Gehen. „Kein Anruf, der dich tröstet:  Seitdem du weg bist, läuft nichts. Komm zurück, wir brauchen dich!“  Und das nach 30 Jahren. Das Gehen hilft auch nicht. „Ich habe das starke Gefühl,  was hinter mir liegt, waren verlorene Jahre. Ich kann auf nichts stolz sein. Niemals. Nichts. Depri am Rhein.“

Am nächsten Tag aber wieder Aussichten, Landschaften, Schnappschüsse von Momenten für die „Hängung ausgesuchter Exponate“.  Die Sonne leuchtet dem Jung-Rentner nach vorn. Wahr ist auch: „Eine Menge Ballast ist von mir abgefallen, seitdem ich mich nicht mehr mit Dingen beschäftigen muss, die nicht unbedingt die meinen sind.“ Und dann in die Nahe-Berge und bergauf durch den Soonwald im Hunsrück. Wo der Autor  einen jungen Kerl trifft, der das enge Moseltal verlässt und gar keine Lust hat, lange mit dem alten Typen zu reden.  Er hat ja noch eine Menge vor. Der Wanderer lässt sein junges Selbst ziehen und  trifft bald den eigenen Großvater, der in den frühen Dreißigern mit seiner Kuh den eisenbereiften Stellwagen aufs Feld führt.  Dann den Indianer-Trupp aus den frühen Sechzigern mit all den Kumpels, die zum Teil schon nicht mehr leben. Am Ende des fünften Tages erreicht er das seit Jahren schon nicht mehr bewohnte Häuschen der Mutter. Dreht den Schlüssel um. Und ganz schwach sind die vertrauten Gerüche noch zu spüren.  Aber: „Das Haus ist ein Museum. Ich werde mich fühlen wie ein sentimentaler Besucher, der noch freien Eintritt hat. Und dann, was werde ich dann tun?“

Herbert Bremm schreibt es auf. Macht ein 218 Seiten starkes Buch daraus. Es ist im Frühjahr 2017 im Self-Publishing bei epubli.de erschienen und für 9,90 Euro  im Buchhandel erhältlich. Der Titel: „Mein Wetterau-Main-Rhein-Mosel Steig. Eine  Ge(h)ografie“.  Man kann es in einem Rutsch lesen. Und dann selbst zu den eigenen Ursprüngen wandern.

Mehr über den Autor hier.

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