Peter Hartung ist tot

Nachruf auf Peter Hartung

Seinen 70.Geburtstag, den 6. Februar 2019, hat Peter Hartung nicht mehr erlebt. Der ehemalige Kreistagsabgeordnete der Grünen starb am 26. Dezember 2018. Seine Lebensgefährtin Waltraud Merz nimmt mit dem Satz „Er war ein Querdenker mit Leidenschaft“ in einer Todesanzeige von ihm Abschied. Dem schließt sich das Team der Landbote-Redaktion an. Denn Peter Hartung hat auch mit seinen kontroversem Kommentaren zu den Beiträgen auf dem Neuen Landboten die Diskussion gesucht, den Austausch, auch die Kontroverse, gar den Streit – als Zeichen eines demokratischen Systems, das Unterschiede aushalten muss, um an ihnen zu wachsen.

Dabei ging er weit über das Thema Umweltschutz hinaus. So schrieb Peter Hartung in einem Kommentar vom Mai 2016 zu dem Holocaust-Denkmal in Bad Nauheim: „Es ist ein berührendes und zugleich irritierendes Denkmal. Der einsame Mantel auf der Parkbank am Kurpark. Das Denkmal und der Mantel lösen Gedanken und Fragen aus: Die Bad Nauheimer Juden mussten sehr viel mehr zurücklassen, als ihren Mantel. Es sei erinnert an die rechtliche und faktische Enteignung jüdischen Eigentums in Bad Nauheim, ihre Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben der Stadt. Es sei erinnert an das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1933, an den Erlass des „Reichsbürgergesetzes“ 1935, das Pogrom der „Reichskristallnacht“ 1938, unmittelbar darauf folgend die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Das Vermögen emigrierter und deportierter Juden „verfiel dem Reich“ – ein weiteres Indiz, wonach der endgültige „Führerbefehl“ zur Vernichtung der Juden in just diesen Zeitraum fällt: Da schon die Ausrottung beschlossene Sache war, stand der Enteignung nun definitiv nichts mehr im Wege.“

Peter Hartung im Jahre 2009, kurz vor seinem Wiedereinzug in den Wetterauer Kreistag. Foto: Wetteraukreis

An Peter Hartung schieden sich die Geister: Vielen Niddaern ging der Gewerkschaftsangestellte aus Ranstadt in den Neunzigerjahren auf die Nerven. Der gebürtige Norddeutsche war Stimme und Gesicht der „Bürgerinitiative für gute Luft in Nidda und Umgebung“. Immer wieder prangerte er die Ausdünstungen, Lärm und Werksverkehr der Spanplattenfabrik Hornitex an. Peter Hartung machte öffentlich Druck, damit die Aufsichtsbehörden des Landes die Hornitex-Emissionen genau untersuchten. In zahlreichen Schreiben, in Veranstaltungen und Anhörungen hielt er das Thema auf der Agenda. Das Management der Spanplattenfabrik stand bis zur Schließung im Sommer 2011 stets unter hohem Rechtfertigungsdruck. Einmal kam es sogar zu einer Demonstration der Hornitex-Belegschaft gegen Peter Hartung. Er selbst stellte sich auf dem Niddaer Martplatz an den Rand der Kundgebung und ließ die Anfeindungen über sich ergehen.

Peter Hartung war an der Elbe aufgewachsen. Der Nachkomme einer Flüchtlingsfamilie hatte in Hamburg Sozial- und Betriebswissenschaften studiert und als Schiffsmakler gearbeitet. 1991 zog er mit seiner Lebensgefährtin Waltraud Merz zuerst nach Offenbach, dann aber bald nach Ranstadt und später nach Geiß-Nidda. Er arbeitete in der Vorstandsverwaltung der IG Metall in Frankfurt. Und bald machte er in Nidda Umweltpolitik. 

Den Umweltpreis bekam er nicht

Im Stadtparlament hielt Hartung bis Ende 2003 in der Grünen-Fraktion die Stellung. Im Kreistag machte Peter Hartung von 1999 bis 2006 und noch einmal von 2009 bis 2011 Umweltpolitik – unter anderem warnte er vor der Installation einer Altholz-Verbrennungsanlage, die in Nidda erbaut werden sollte. In einer dreitägigen Anhörung brachte er so viele Gegenargumente zu Gehör, dass die Stadtverordneten es 2004 schließlich ablehnten. Hartung war damals für den Wetterauer Umweltpreis vorgeschlagen – doch der Kreisausschuss lehnte ihn schließlich als Preisträger ab.

Peter Hartung „war ein echter Greenpeacer“, meint heute der Niddaer Grünen-Stadtverordnete Marcus Stadler. Auch Michael Rückl, Sylvia Klein und andere ehemalige Parteifreunde (Hartung hatte die Grünen 2013 verlassen) rühmen die Beharrlichkeit des 1949 bei Elmshorn geborenen Mannes. „Er ist auch mal nachts ans Werksgelände gegangen und hat Bodenproben genommen“, sagt Marcus Stadler. „Er hatte kein Problem damit, sich wochenlang in ein Thema einzugraben.“  Michael Rückl: „Er ist den Menschen auf die Nerven gegangen. Aber er hat auch eine Menge für Nidda erreicht“. Auch an Hartungs Widerstand scheiterte die auf dem Hornitex-Gelände geplante Bahnschotter-Aufbereitungsanlage. Zuletzt beriet Hartung die 2018 als Verein gegründete „Bürgerinitiative für Lebensqualität in Nidda“ (Binle). Er begleitete die von Gerhard Wolf im vorigen April eingereichte Normenkontrollklage gegen die Ausweisung eines Industriegebiets auf dem Hornitex-Gelände. Sie liegt derzeit vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel zur Entscheidung an. Den Sozialdemokraten Gerhard Wolf beeindruckte, dass Peter Hartung „komplexe Sachverhalte blitzschnell erfassen konnte – und seine Beharrlichkeit. Es kennzeichnete ihn, dass er an Sachen drangeblieben ist.“ Hartung sei ein Einzelkämpfer gewesen, der die Ergebnisse seiner Recherchen und seiner politischen Arbeit den Mitstreitern zukommen ließ. Denn gegen die Industrieanlagen zwischen Nidda und Geiß-Nidda hätten auch noch etliche weitere Bürger engagiert.

Wenn ihn etwas störte, musste er es aussprechen

„Er war ein Kämpfer, der nicht aufgeben konnte“, sagt Hartungs Lebensgefährtin Waltraud Merz. Wenn ihn etwas störte, musste er seine Meinung dazu äußern. Das tat er beispielsweise 2017 mit einer ausführlichen Kritik an der durch einen Unterschlagungsfall gebeutelten Sparkasse Oberhessen. 2010 musste Hartung mit einer vierstelligen Geldstrafe dafür büßen, dass er sich per Fake-Pressemitteilung über die FDP lustig gemacht hatte.

Bei seinem Arbeitgeber sammelte Peter Hartung mit seinem starken Umwelt-Engagement keine Karriere-Pluspunkte. Zuletzt habe er dort in der Poststelle gearbeitet, berichtet Michael Rückl. Hartung erkrankte, 2012 ging er in den Ruhestand. Auf seinem Facebook-Konto tauchten neben politischen Statements immer mehr Natur-Fotos und Nachrichten über Schiffe auf, die ihn stark interessierten. Die Natur und die Schiffahrt – das waren Hartungs emotionale Anker, sagt Waltraud Merz. Sein letzter Beitrag zeigte am 8. Dezember ein Lotsenschiff vor starkem Seegang an der französischen Westküste. Peter Hartung starb am 26. Dezember im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus, gut einen Monat vor seinem 70. Geburtstag. Er wird am kommenden Freitag, 11. Januar, ab 10.30 Uhr auf dem Offenbacher Waldfriedhof an der Friedhofstraße begraben.

Die Jugend Peter Hartungs erzählt auch ein Stück der bundesdeutschen Protestbewegung im 20. Jahrhundert. Mehr darüber hier: http://landbote.info/wp-admin/post.php?post=12833&action=edit

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