Mord mit Fragezeichen

Welche Rolle spielte der Mieter?

Von Klaus Nissen

Der Fall schien einfach zu sein: Ein geldgieriger junger Mann erschlägt in Ilbenstadt den älteren Freund in dessen Haus (Foto) mit einem Tomahawk und raubt ihm 100 000 Euro – damit er sich ein dickes Auto kaufen kann. Doch am dritten Verhandlungstag tauchten  immer mehr Fragezeichen auf.

Mord mit Fragezeichen

Der 21-jährige Philipp H. betrat in Begleitung seiner Verteidigerin Friederike Vilmar den Saal. Erst dort nahm ihm ein Justizbediensteter die Handschellen ab. Fotos: Nissen.

Schon nach einer Nacht machte die Kripo den 21-jährigen Philipp H.  aus Weilrod am 8. April 2017 dingfest.  Am Tag nach der Ermordung des 40-jährigen Finanzmaklers Carsten B. schnappte ein Sondereinsatzkommando frühmorgens den jungen Mann. Er hatte sich in Wallmerod im Westerwald gerade von seiner schwangeren Freundin verabschiedet und war  in ein Taxi gestiegen – angeblich, um in Herne ein Auto zu kaufen. Die Polizisten schlugen die Scheiben des Taxis ein, zerrten Philipp H. heraus und fixierten ihn am Boden. Da lagen schon Geldscheine herum. Ein Friedberger Kripo-Beamter befragte ihn und fand im Zimmer der Freundin gleich danach eine Menge Geld und den Laptop des Ermordeten auf dem Kleiderschrank. Seitdem sitzt Philipp H. in Untersuchungshaft. Er ist mittlerweile Vater geworden.

Am dritten Prozesstag ging es am 8. Dezember 2018 aber nicht um Philipp H, sondern um den Mieter des ermordeten Carsten B. Der 28-jährige Simon F. (Name geändert) gehörte offenbar seit Kindesbeinen quasi zur großen Familie von Carsten B.. Simon und Carsten waren enge Freunde.  Ende 2016 zog Simon ins neue Wohnhaus von Carsten  B. am Ortsrand von Ilbenstadt ein. Von der Einliegerwohnung aus gibt es einen offenen Durchgang ins Haus, berichtete gestern Carsten B`s Bruder Michael (Name geändert). Simon und Carsten seien auch in Geld-Dingen miteinander vertraut gewesen und hätten im Keller ein gemeinsames Schließfach gehabt.

Die Männer wollten Bargeld tauschen

Der Mieter und Freund war nach eigenem Bekunden eingeweiht, dass sein Vermieter mit dem 21-jährigen Philipp. H. aus Weilrod einen Bargeldtausch plante. Demnach bot Philipp H. dem mit ihm ebenfalls befreundeten Carsten B. 120 000 Euro an und wollte dafür 100 000 Euro in Zweihunderter- und Hunderter-Noten zurück. Ihm sei das schon seltsam vorgekommen, gab Simon M. am zweiten Verhandlungstag zu Protokoll. Er wollte beim Geldtausch aufpassen, wurde aber weggeschickt. Als er zurückkehrte, lag sein Vermieter und Freund mit einem großen Loch im Kopf und fast komplett ausgeblutet auf einem Stuhl. Und das Geld war fort.

Beim Prozessauftakt erwarteten Fernsehkameras den Einzug des Angeklagten in den Gerichtssaal.

Einen Tag nach dem Mord habe Simon all das detailliert am Küchentisch der Familie B. erzählt, so Michael B., der Bruder des Opfers. „Er hat eine recht kalte Art gehabt“, sagte gestern der 39-Jährige. Er habe das Gefühl, dass Simon M. viel mehr wisse als er sage. Schockiert habe ihn auch, dass der Mieter in einem Anzug des Ermordeten zu dessen Beerdigung habe kommen wollen.  Er wisse ferner, dass der 28-Jährige ein paar Jahre im Gefängnis gesessen und Kontakt zu Hells-Angels gehabt habe. Deshalb sei er, Michael B.,  lieber für eine Weile nach Berlin gezogen. Alle im Saal spürten deutlich, dass die Ermordung seines Bruders dem 39-Jährigen sehr nahe gegangen war. Und dass er immer noch befürchtet, nicht alle Schuldigen seien in Haft. Das könnte man für eine Verschwörungstheorie halten oder als Verfolgungswahn einstufen. Doch wie passt es zusammen, dass der mit Familie B. befreundete Simon M. laut Michael B. mit der ganzen Familie im Oktober den Geburtstag des ermordeten Carsten B. feierte. Während gleichzeitig die Familie des Ermordeten versuchte, dem 28-Jährigen Simon die Einliegerwohnung im Mordhaus zu kündigen. Der wehre sich aber dagegen, berichtete Michael B., weil er angeblich 12000 Euro ins Haus investiert habe.

Anonymer Brief an die Verteidigerin

Nicht weniger seltsam ist auch der anonyme Brief, der am 1. Dezember in der Anwaltskanzlei der Verteidigerin Friederike Vilmar landete. Er wurde vor dem Landgericht verlesen. Simon M. habe freien Zugang zur Wohnung des Mordopfers, steht darin. Er habe sich von dessen Kleidung bedient. Er habe eigenmächtig den Tatort gereinigt und drei Geldverstecke im Hause unterhalten. Die Rechtsanwältin schaute auf die Nebenkläger-Bank mit den Eltern, den Brüdern und Schwestern von Carsten B. Sie sagte: „Wir haben die starke Vermutung, dass das aus dem Familienkreis kommt.“

So bleiben viele Fragen. Der Angeklagte Philipp H. sagte kein Wort zur Aufklärung. Im Gefängnis soll der 21-Jährige behauptet haben, Carsten B. sei von seinem Mitbewohner Simon M. umgebracht worden. Die Staatsanwaltschaft hält das für eine Schutzbehauptung. Aber sicherheitshalber will das Landgericht den 28-jährigen Mieter des Ermordeten noch einmal als Zeugen anhören. Die nächste öffentliche Sitzung beginnt am Freitag, 16. Dezember 2017 um 9 Uhr im Saal 207 des Landgerichts an der Gießener Ostanlage 15.

 

 

 

 

 

 

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