Mord in Ilbenstadt

Unreifer Bursche – oder eiskalter Killer?

Von Klaus Nissen

Wie ist jemand gestrickt, der seinen Freund mit einem Tomahawk erschlägt und beraubt? Hat er eine rabenschwarze Seele? Der Psychiater stufte den 21-jährigen Angeklagten Philipp H.  als gefühlsarme, aber reife Persönlichkeit ein. Das kann  ihm viele zusätzliche Gefängnisjahre einbringen. Im Prozess wurde auch deutlich, wie erschreckend einfach es ist, den Menschen viel Geld aus der Tasche zu ziehen.

Mord in Ilbenstadt

Am 8.  April 2017 schnappte ein Einsatzkommando den jungen Mann. Philipp H. hatte noch den Laptop des am Vortag ermordeten Carsten B. bei sich. Und knapp 100 000 Euro, die ebenfalls dem 40-jährigen Finanzmakler aus Ilbenstadt gehört haben sollen. Das Opfer und der mutmaßliche Täter waren seit Jahren befreundet und in undurchsichtigen Geldgeschäften miteinander verbunden. Als Philipp H. wusste, dass gerade viel Bargeld im Wohnhaus des Finanzmaklers war, erschlug er ihn laut Anklage mit einem Indianerbeil.

In diesen Haus am Ortsrand von Ilbenstadt wurde der Finanzmakler Carsten B. ermordet. Foto: Nissen

Seit November 2017 wird der Fall im Saal 207 des Gießener Landgerichts verhandelt. Stundenlang sitzt der junge Mann vis a vis vor den als Nebenkläger auftretenden Eltern und Geschwistern des Ermordeten. Kein Blick geht zu ihnen hinüber, auch die eigene Mutter im Zuschauerraum schaut der Angeklagte nicht an. Mit gesenktem Kopf schreibt er Papiere voll, während Juristen und Psychiater versuchen, sich einen Reim auf diesen Menschen zu machen. Philipp H. redet fast nie. Er bestreitet den Mord. Auf seinem schwarzen Kapuzenpulli steht: „Helden sterben nie“.

Er habe trotz seiner Jugend eine klare Zielsetzung, sagte Anfang Februar 2018  der Psychiater Rolf Pfeifer: „Er will möglichst früh so viel Geld verdienen, dass er nicht mehr arbeiten muss.“ Nach der Verhaftung fragte der Psychiater den Tatverdächtigen aus. Der habe aber nicht viel von sich preisgegeben. Nur, dass er von seinem Stiefvater erniedrigt und sexuell missbraucht worden sei. Später machte Philipp H. die Mittlere Reife, scheiterte aber in der Mechatroniker-Lehre. „Er sagte da von Anfang an, er wolle nicht der blöde Stift sein, der immer die Halle ausfegen muss.“ Der Psychiater vermutet: Dieses übertriebene Selbstbewusstsein habe sich Philipp H. wohl zugelegt, um die Demütigungen aus seiner Jugend zu verdrängen. Er habe wenig Mitgefühl für andere, sei aber nicht dumm und unreif, „sondern cool und schlagfertig“, meint der Psychiater. Wenn die Richter ihm folgen, wäre der Angeklagte nicht nach Jugendstrafrecht zu behandeln. Bei Mord aus Habgier droht dem Vater einer kleinen Tochter lebenslange Haft.

Philipp H. mit seiner Verteidigerin Friederike Vilmar. Er soll den Ilbenstädter Carsten B. mit einem Tomahawk erschlagen haben. Foto: Nissen

Um ihm das zu ersparen, zeichneten die beiden Verteidiger ein anderes Bild von Philipp H.. Er habe seiner Mutter bei der Scheidung vom gewalttätigen Stiefvater geholfen. Und dass er mit Ami-Schlitten herumfahre und viel Geld habe, sei letztlich Show. Das Auto sei fast schrottreif,  so der Anwalt Hans-Jürgen Kost-Stenger. „Es gab nur Pizzakartons – kein Kaviar. Es gab keine Villa in Monte Carlo, sondern ein Zimmer bei der Mutter und bei der Freundin unterm Dach.“ Philipp H. war sichtlich erzürnt, dass der eigene Verteidiger ihn derart klein machte. Vielleicht verstand er nicht, dass nur dieses Unreife-Zeugnis ihm noch eine mildere Jugendstrafe einbringen kann.

Am Prozesstag zuvor lernten die Zuschauer auch: dass man nur viel Bares in der Tasche haben und eine schlichte Geschichte erzählen muss, um ans Ersparte anderer Leute zu kommen. Schon Jahre vor dem Mord sei Philipp H. stets mit dickem Portemonnaie herumgelaufen, berichteten Zeugen. Wer ihn nach der Herkunft des Geldes fragte, bekam etwas von Börsengeschäften zu hören. Und dass eine schweizerische Bank pro Monat (!) zehn Prozent Zinsen auf Kapitaleinlagen zahle. Die Mutter von Philipp H. gab dem Filius 36 000 Euro zur wundersamen Vermehrung.  „Es hörte sich gut an“, sagte auch eine 44-jährige Kollegin der Mutter. Ende 2016 gab sie ihm mehr als 10 000 Euro. Davon habe ihr Philipp H. monatlich 200 zurückgezahlt. Das beeindruckte den 55-jährigen Ehemann der Darlehens-Geberin.  Der Kraftfahrer vertraute Philipp H. 20 000 Euro an. In bar, ohne Vertrag.

Genauso naiv war der Bankberater von  Philipp H.. Man sei sich sympathisch gewesen,  sagte der 36-Jährige als Zeuge. Philipp H. habe ihn bei einem Autokauf selbstlos beraten und dann beiläufig von seiner schweizerischen Geldquelle erzählt. Sieben Prozent pro Monat – dieses Aussicht verdrängte sogar beim Finanzfachmann alle Zweifel. Der Banker vertraute  Philipp H. 15 000 Euro an. Doch nur einmal bekam er die monatliche Zinszahlung in Höhe von 730 Euro. „Irgendwann war ich beunruhigt“, so der 36-Jährige vor Gericht. Das Geld ist jetzt weg.

Der vielschichtige Mordfall wird das Gießener Landgericht noch bis in den April hinein beschäftigen.  Am 23. Februar 2018 geht es weiter.

Weitere Aspekte des Mordfalls beschrieb der Neue Landbote hier.

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