Massenmord der SS

Zwangsarbeiterinnen erschossen

Von Corinna Willführ

hirzenhainAn die Erschießung von 87 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern durch SS-Truppen nahe der Gemeinde Hirzenhain erinnert der Kreistag des Wetteraukreises am Vorabend ihrer Ermordung vor 70 Jahren am 26. März 1945. Die öffentliche Veranstaltung beginnt am Mittwoch, 25. März 2015, um 19 Uhr im Kreishaus in Friedberg.

Todesschüsse am Waldrand

„Warum? Ich verstehe einfach nicht warum?“ Es ist 20 Jahre her, dass eine Hirzenhainerin zum 50. Jahrestag des Gedenkens an den Tod der Zwangsarbeiterinnen diese Frage stellte. Eine Frage, die bis heute unbeantwortet blieb.  Denn von den SS-Schergen, die vom Gestapo-Quartier in der Klappergasse in Frankfurt marodierend durch den Vogelsberg zogen, hat sich niemals einer gemeldet, der an den Morden von Hirzenhain beteiligt war. Auch nach 70 Jahren nicht. So bleibt das „blanke Entsetzen“ über die Tötung der Frauen und Männer am Morgen des 26. März am Waldrand der Vogelsberg-Gemeinde Hirzenhain.

Für Michael Keller, Autor des Buches , „Das mit den Russenweibern ist erledigt – Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Gestapo-KZ, Massenmord und einer SS-Kampfgruppe und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit am Tatort Hirzenhain wie auf dem Kriegsgräberfriedhof im Kloster Arnsburg 1943-1996“, und heute Bürgermeister der Stadt Friedberg, war die Ermordung der Zwangsarbeiterinnen in Hirzenhain „die mörderische Konsequenz von rassistischem Denken“. Ein Denken, eine Haltung, die „nicht einmalig, nicht zufällig und keine Ausnahme war“, so Keller, sondern im Zusammenhang mit dem Verfall des sogenannten Dritten Reiches als „als der Rettung einerseits und dem massenhaften Tod andererseits“ gesehen werden muss.

Für Keller waren und sind bis heute die Todesschüsse am Waldrand von Hirzenhain nach Glashütten nicht nur von regionaler, sondern auch von „europäischer Bedeutung“. Denn die Opfer stammen aus Polen, Russland, aus Frankreich und Luxemburg. In der Gedenkveranstaltung hält Michael Keller einen Vortrag  unter dem Titel „Überleben zwischen Massenmord, Fanatismus und Befreiung in den letzten Tagen des Dritten Reiches in der Wetterau“.

Am Sandsteinkreuz unweit der Straße von Hirzenhain nach hirzenhain3Glashütten steht am 17. März 2015 noch ein Gesteck aus den Weihnachtstagen. Auf den Sockeln neben dem Kreuz liegen Steine, Steine, wie sie Menschen jüdischen Glaubens auf die Gräber ihrer Toten legen.

Bereits am 23. März 1945 standen die Truppen der 3. US-Armee vor Wiesbaden, einen Tag später bereits in den südlichen Stadtteilen Frankfurts. Tage, für die schon die Pläne für den Rückzug des Stabs um den SS-Oberführer Dr. Trummler fest standen. Im „Alarmfall“ sollten sie sich in das Arbeitserziehungslager Hirzenhain zurückziehen. Einen Tag zuvor hatte der Chef der hirzenhain2Frankfurter Gestapo, Reinhard Breder, von Trummler den Befehl erhalten, das Lager innerhalb eines Tages zu räumen, um mit seinen circa 60 Männern umfassenden Stab in Hirzenhain Quartier beziehen zu können. Sein Adjudant, der Kriminalkommissar Anton Wrede übernahm noch am Abend des 23. März das Kommando in dem ehemaligen Arbeitserziehungslager. Bereits in der Nacht kamen 49 Frauen aus der Gestapo-Haft in Frankfurt mit einem Zug in Hirzenhain an.  „Das Lager war längst nicht mehr für die Aufnahme von Häftlingen vorgesehen, so dass es am Abend des 24. März zwischen Anton Wrede und dem vorübergehend anwesenden Reinhard Breder zu einer Entscheidung über den Verbleib der Neuankömmlinge und der noch im Lager befindlichen Frauen gekommen sein muss“, heißt es auf Wikipedia.

Die Entscheidung fiel: Zuerst sollten die Frauen aus dem Frankfurter Gestapolager getötet werden, dann aus dem Arbeitslager Hirzenhain ausgewählten Häftlinge. Im Morgengrauen des 25. Auf den 26. März erschossen SS-Schergen 81 Männer und sechs Frauen – ihre Leichen wurden in einer am Nachmittag ausgehobenen Grube am Waldrand rund 800 Meter vom Ortskern verscharrt.

Als „unbekannte Kriegstote“ fanden die Getöteten nach mehrfacher hirzenhain4Umbettung 1960 ihre letzte Ruhe in der Kriegsgräberstätte des Klosters Arnsburg bei Lich. Unter den Ermordeten konnte damals einzig Emilie Schmitz als „Gestapo-Gefangene ermordet am 26. März 1945 bei Hirzenhain“ namentlich identifiziert werden. In dem Kreuzgang des 1197 gegründeten Zisterzienerklosters ruhen heute 450 Kriegsopfer aus den ehemaligen Kreisen Büdingen, Gießen und Alsfeld. Deutsche Soldaten neben Kriegsgefangenen aus Polen, Rumänien und Russland – unter ihnen auch die 87 Opfer aus Hirzenhain.

Dass die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers in der Vogelsberg-Gemeinde umgestaltet wurde, ist nicht zuletzt ein Verdienst von Karl Starzacher, dem Landesvorsitzenden des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Der Staatsminister a.D., wird zu der Veranstaltung am Mittwoch im Kreishaus in Friedberg ein Grußwort sprechen.

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