Ausstellung im KuKuK

Schönheit des Alters

von Ursula Wöll

Die Ausstellungen der Kunsthalle ‚KuKuK‘ in Wettenberg-Wißmar enttäuschen nie. Jüngst sah ich dort einige Fotografien, deren Titel mich sofort fesselte: „Schönheit des Alters“ nennt Ilse-Marie Weiß ihre Aufnahmen von – alten Bäumen. Bei dieser Gattung gilt bekanntlich, je mehr Schrunden und Runzeln, desto  reizvoller und schützenswerter. Sobald einer dieser Methusalems wackelt, stützt man ihn sorgfältig ab. Sie ahnen es bereits, dass ich auf die Frage zusteuere, ob wir auch alte Menschen als ebenso reizvoll und schön empfinden. Ob wir also  bei ihnen ebenfalls die „Schönheit des Alters“ bewundern. Ja, was wir überhaupt unter ‚Schönheit‘ verstehen.

Lebenslange Schönheit

Die nackte Alte um 1520 von Daniel Munch geschaffen, dem letzten großen spätgotischen Bildhauer Ulms.

Ist die alte Frau, die ihren abgezehrten Körper wohlgefällig in einem (abgebrochenen) Handspiegel betrachtet, ein wenig töricht? Oder doch nachahmenswert, weil sie sich selbst akzeptiert? Die Statuette „Nackte Alte“ aus Buchsbaumholz wurde 1535 von Daniel Mauch geschaffen und befindet sich in der Sammlung des renommierten Frankfurter  Liebiegmuseums.

 

Eines steht jedenfalls fest: Alles was lebt ist vergänglich und wird mehr oder minder schnell alt. Auch wir Menschen müssen sterben und verändern auf dem Weg zum Grab unser Aussehen, am deutlichsten im Alter. Unsere Schönheit nimmt in den einzelnen Lebensphasen unterschiedliche Formen an, bekommt  Schrunden und Runzeln. Doch verliert sie sich nicht. Zumindest stellte man „früher“ eine solche lebenslange Schönheit nicht infrage. Ist das Leben doch ein Kontinuum, zu dem auch das Alter gehört. Zwar bildeten die Künstler, so wie heute, junge Menschen mit rosiger glatter Haut häufiger ab, vielleicht weil sie im Auftrag der Kirche immer neu Maria mit dem Kind darstellten. Daneben findet man jedoch viele wundervolle Porträts alter Menschen und sogar ungeschönte Aktdarstellungen, im Gegensatz zu heute also wahrheitsgetreue. Der alte Körper war kein Tabu, die Neugier der Renaissance machte nicht halt vor ihm. Peter Vischer d.J.etwa gruppierte 1515 die drei Parzen nackt um den nackten Herkules.

Nicht kraftstrotzend wie in Kassel, sondern betagt und daher mit einem alten Körper liegt dieser auf seinem Löwenfell. Die Schicksalsgöttin, die seinen Lebensfaden spinnt, ist jugendlich dargestellt. Diejenige, die die Länge des Fadens und damit die Lebenszeit zuteilt, ist bereits im mittleren Alter. Die Schicksalsgöttin, die den Lebensfaden schließlich durchtrennen wird, hat den Körper einer alten Frau, das Messer sehen wir vor ihrem Hängebusen. Dass ein Hängebusen weniger ästhetisch, ja peinlich sein könnte, kam dem Künstler und seinen Zeitgenossen gottseidank nicht in den Sinn. Im Verlauf des Lebens  verändern sich eben Körper und Geist. Warum sollten also nur die Körper der Jungen als schön definiert werden?  Warum nicht auch diejenigen, die ihre Kraft eingebüßt haben und „abgestützt“ werden müssen?

Wer alt ist, ist Sand im Getriebe

Unser Werturteil über Schönheit im Alter ist von der jeweiligen Zeit und Kultur abhängig, in der wir leben. Nicht nur in unserer Geschichte wurden alte Menschen hoch geschätzt, auch in gegenwärtigen außereuropäischen Kulturen ist dies heute noch der Fall. Aus dieser Wertschätzung folgt, dass auch ihr Aussehen als schön empfunden wird. Nach einer Phase des Jugendwahns hat heute die Werbung erkannt, dass die Alten immer zahlreicher und zahlkräftiger werden. So werden die Darstellungen alter Menschen nun wieder zahlreicher. Doch sind die meisten dieser Abbildungen geglättet und auf Jugendlichkeit getrimmt. Wer sie als alter Mensch mit der eigenen Realität vergleicht, kann wahrlich Komplexe bekommen und sich selbst als unschön empfinden. Man will die Alten als Konsumenten gewinnen, scheut sich aber, sie realistisch abzubilden und setzt ein falsches Leitbild in die Welt. Faltige Haut, wie sie alle Alten aufweisen, findet man denn doch nicht so toll. Wo kämen wir denn hin, wenn wir in unserer Ellenbogengesellschaft das Schwache und weniger Robuste schön finden würden! Denn wer alt ist, bewegt sich langsamer, stellt sich damit quer zur gesellschaftlichen Hektik, ist Sand im Getriebe. Logisch, dass er oder sie zur Seite geschoben wird. Wenn wir den Schönheitsbegriff neu definieren wollen, dass er die Alten nicht ausklammert, müssen wir also zugleich andere Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens neu überdenken. Vor allem das Prinzip „Der Stärkere gewinnt“ gehört auf den Prüfstand. Daraus würde ein achtsamerer Umgang mit Schwächeren folgen.

Und schon wäre die Zahl der verbissenen Gesichter reduziert. Denn hässlich wird eine Person nicht durch das Altern, sondern durch das Abtöten ihrer Gefühle und ihrer Neugier. Das einzige, was ein Gesicht unschön macht, sind also permanent herabgezogene Mundwinkel. Geben wir daher ein gutes Beispiel  und lächeln öfter unser Gegenüber an, auch wenn uns die Person unbekannt ist. Sprechen wir im Zug ein paar Worte oder auch in der Schlange vor der Kasse. Sie dürfen ruhig vom Wetter handeln. So tragen wir ein wenig dazu bei, unsere kühle Gesellschaft etwas wärmer und schöner zu machen. Zu Zeiten von Matthias Claudius war das noch gelebter Alltag. In seinem Gedicht von 1779 „Der Mond ist aufgegangen“ bezieht er den kranken, also wahrscheinlich alten Nachbarn in seine Achtsamkeit ein. Es endet mit der Bitte: „Und lass‘ uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.“

„Fotografie Subjektiv“ bis 22.10.2017, KuKuK-Kunsthalle, Goethestr. 4b, Wettenberg-Wissmar. Öffnungszeiten unter www.kukuk-wettenberg.de

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