Krimi

 Niemand kränkt mich ungestraft

Von Martin Wagner

An dieser Stelle wagt der Neue Landbote ein literarisches Experiment: Er veröffentlicht einen Kurzkrimi. Die Geschichte spielt in Krofdorf-Gleiberg, ist aber kein typischer Regionalkrimi. Der Autor Martin Wagner wuchs hier auf, lebt aber seitJahrzehnten in Köln. Der freiberufliche Fernsehregisseur hat mit der Geschichte über einen verschwundenen Schüler Anfang 2017 einen Literaturpreis der Gießener Allgemeinen gewonnen. Inzwischen schreibt der 59-järige Jung-Autor seinen dritten Kriminalroman. Das erste längere Werk „Im See“ ist als E-Book bei Amazon erschienen. „Niemand kränkt mich ungestraft“ können die Landbote-Leser an dieser Stelle für einen geringen Betrag über Laterpay lesen.

Niemand kränkt mich ungestraft

Als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte, stellte er den Band mit Erzählungen von EdgarAllan Poe in die Vitrine zurück. Zärtlich strichen seine Finger über die matt glänzenden Buchstaben auf dem Ledereinband, der im Laufe der vielen Jahre brüchig geworden war. Dieser Anblick löste eine tiefe Melancholie in ihm aus, aber er erfüllte ihn auch mit Stolz. Das Buch war eine seltene Erstausgabe. Sein größter Schatz. Schon immer hatte er alte, wertvolle Dinge geliebt. Und so erschien es ihm selbst nur folgerichtig, dass er jetzt
Leiter des Amtes für Denkmalschutz war. „Nemo me impune lacessit…niemand kränkt mich ungestraft…“, zitierte er lautlos – und mit einem Bedauern schloss er die Glastür, als das Klingeln des Telefons unerbittlich in seine Tagträumereien eindrang.

Mit einem Seufzen hob er den Hörer ab. Er ahnte schon, um was es ging, bevor es seine Sekretärin im Vorzimmer aussprach. „Dr. Schmidt? Frau Berger ist wieder am Apparat“, sagte sie. Er schwieg.
„Sie ruft noch einmal wegen der Genehmigung an.“ Er sagte noch immer nichts. „Sie will sich nicht damit abfinden“, fuhr seine Se-
kretärin fort. ‚Sie will sich nicht damit abfinden…’, dachte er.
Das war so typisch. So typisch sie. Allein schon, damit sie diesmal nicht ihren Kopf durchsetzen konnte, hätte er ihre Bitte abgelehnt. Allein schon deswegen!

Aber eigentlich war es ja gar keine Bitte, es war ein offizieller „Antrag auf Öffnung des zugemauerten, vermutlichen Eingangs zum Tunnel zwischen der Burg Gleiberg und der Burg Vetzberg“, unter-
zeichnet von Ute Berger, Vorsitzende des Burgenvereins im Kreis Gießen. Was für eine Geschichte! Immer noch spukte die
Legende, dass es einmal in grauer Vorzeit einen Gang zwischen den Burgen Gleiberg und Vetzberg gegeben habe, in den Köpfen der Leute herum. Jede wirkliche oder vermutete Besonderheit in den
Mauern der Burg Gleiberg rief irgendwelche Phantasten auf den Plan, die hinter unregelmäßig verbauten Steinen gleich den Zugang zu diesem ominösen Tunnel vermuteten. Und tatsächlich kon-
zentrierten sich in den letzten Jahren die meisten Bemühungen dieser seltsamen Forscher, die bei anderer Gelegenheit wahrscheinlich UFOs nachjagten, auf ein Stück Mauer im hinteren Teil der Burg, das ein wenig in Torform gemauert war. Er lachte bitter auf. „Was soll ich ihr sagen? Soll ich durchstellen?“, fragte seine Sekretärin. „Nein, warten Sie, ich muss nachdenken.“ Bei der Ablehnung des Antrags hatte er seinen ganzen Einfluss geltend gemacht. Die Begründung war unanfechtbar: Aus  Denkmalschutzgründen lehne man es kategorisch ab, historische Bausubstanz zu zerstören.

Einer weiteren Diskussion darüber, inwieweit dieser Teil der Mauer wirklich aus dem Mittelalter stammte oder doch erst nachträglich in der Neuzeit errichtet worden war, war man konsequent aus dem Weg gegangen. „Jedenfalls bis jetzt…“, seufzte er leise. Denn genau darüber wird Ute jetzt mit mir herumstreiten wollen, dachte er und seine Mundwinkel zogen sich nach unten.

Er hatte nicht immer so auf Ute Berger reagiert. Im Gegenteil. Der bittere Zug um seine Mundwinkel verstärkte sich noch. „Ute“, flüsterte er lautlos. Ute, die herrliche, schlanke, unbändige Ute. Damals war sie 15 und er nur zwei Monate älter. Er hatte sie geliebt. Vergöttert. War verrückt nach ihr gewesen. Und auch wenn heute die Rente nicht mehr weit entfernt war, erschien ihm auf einmal die Vergangenheit so viel näher. Ja, er hatte sie geliebt. Einen verzweifelten Sommer lang. Ihre Nachmittage nach der Schule hatten sie beide oft oben in der Ruine zugebracht. Dort war man
ungestört. Der Turm war noch nicht renoviert worden, und überhaupt waren Besucher damals dort selten. Erst viele Jahre später wurden die Restaurierungen abgeschlossen, die man zu ihrer Jugendzeit nur vereinzelt unternommen hatte. Damals war das noch ihre Burg gewesen: der Gleiberg.

Ute wohnte direkt oben am Berg in der Nachbarschaft der Ruine, aber er selbst musste jedes Mal von Krofdorf aus, das im Tal lag, den beschwerlichen, steilen Weg hochsteigen, was er aber für sie gern auf sich nahm. Alles hätte er für sie getan. In jenen Schultagen sehnte er mit aller Kraft die Sommerferien herbei. Dann würden Ute und er herrliche Stunden miteinander verbringen. Wenn er in Gießen, der nahen Kreisstadt, im Gymnasium schwitzte, voller Vorfreude aus dem Fenster schaute und in die gleißende Sonne blinzelte, malte er sich in prachtvollen Farben sein Leben mit Ute aus. Ich Idiot, dachte er. Ich dummer, blöder, schwachsinniger Idiot! Seine Hand krampfte sich um den Telefonhörer. „Dr. Schmidt…“, hörte er seine Sekretärin besorgt fragen. „Ja, ja, gleich…“, presste er heraus. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, um sich wieder zu beruhigen.

Gedankenverloren blickte er auf den Computermonitor auf seinem Schreibtisch direkt vor ihm. Der Bildschirmschoner zauberte immer neue bunte Kreise auf den schwarzen Hintergrund. Als er ohne Regung auf die sich unendlich wiederholenden Ringe starrte, reiste Dr. Rolf Schmidt wie hypnotisiert in der Zeit zurück. Er ist wieder oben auf dem Gleiberg. Als er durch das verfallene Tor zum hinteren Teil der Ruine geht, scheint ihm die Sonne direkt ins Gesicht und
er muss blinzeln. Da ist sie, wie immer. Sein Herz macht einen Sprung, und er will schon laut nach ihr rufen, als er gegen die Sonne einen zweiten Schattenriss erkennt, der neben ihr auf der Mauer
sitzt. Dr. Schmidt atmete schwer. Er stützte sich mit beiden Armen auf seinem Schreibtisch auf. Immer noch hielt er den Telefonhörer fest umklammert. Er bekam nicht mit, dass ihn seine Sekretärin wieder ansprach.

Da war er. Das war Klaus. Danach war nichts mehr wie vorher. Selbst wenn er die Augen schloss, konnte er dieses Bild nicht mehr verdrängen. Diese Silhouette hat sich tief in seiner Netzhaut eingebrannt. Klaus, der mit seiner frisch geschiedenen Mutter über die Sommerferien bei Utes Eltern zu Besuch war. Klaus, der schon einen Führerschein hatte, Klaus, der Fußball spielte. Klaus, der 30 Klimmzüge schaffte. Klaus, der von Ute mit Blicken bedacht wurde, die er selbst so ersehnt und nie bekommen hatte. Verfluchter Klaus.
Die Sommerferien verbrachte man trotzdem zusammen. Ute und Rolf. Und Klaus. Während Ute und Klaus mittlerweile fast ungeniert turtelten, saß er immer dabei, schaute betont desinteressiert in
den wolkenlosen Himmel oder las ein Buch, das er sich schon in Erwartung dessen, was kommen würde, von zu Hause mitgebracht hatte. Klaus, der am Anfang zwar einen etwas überheblichen, aber dennoch freundlichen Ton ihm gegenüber angeschlagen hatte, wurde im Laufe der Ferientage immer abfälliger und aggressiver, um ihn zu vertreiben, um allein zu sein mit Ute.

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