Kolonialzeit

Der Maji-Maji-Krieg

von Ursula Wöll

In Deutsch-Ostafrika wurde von 1905 bis 1907 der Maji-Maji-Aufstand niedergeworfen. Die deutsch-afrikanische Geshichte sei unterbelichtet, meint Landbote-Autorin Ursula Wöll und erklärt, was uns der Maji-Maji-Krieg heute angeht.

Vier deutsche Kolonien

Früher existierten sogar in den Dörfern kleine Kolonialwarenläden. Sie verkauften Kaffee, Kakao, Tee, Petroleum, Gewürze, Reis, alles was aus den  Kolonien kam, und dazu Mohrenköpfe für die Kinder. Überdauert hat nur ein Name: EDEKA, die Abkürzung der 1898 gegründeten „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“. Die Kolonialwarenläden selbst wanderten ins Museum. Im Wetterau-Museum Friedberg etwa ist das Inventar eines Ladens ausgestellt, auch im Hessenpark wurde einer im Haus Schadeck nachempfunden. Die deutsche Kolonialzeit ging 1918 zu Ende. Bis heute ist sie ein blinder Fleck in unserem Geschichtsbild. Es war eine Zeit, in der die Nilpferdpeitsche auf schwarze Rücken sauste, eine Zeit der Ausbeutung, Unterdrückung und der rassistischen Vorurteile. Nun, da Afrika erneut in den Mittelpunkt des Interesses rückt, sollte auch ‚unsere‘ Kolonialgeschichte nicht länger verdrängt werden.

Vier der deutschen Kolonien lagen in Afrika: Deutsch-Südwest, Kamerun, Togo und Deutsch-Ostafrika. Um das Jahr 1905 beging die „Schutztruppe“ unter General von Trotha einen Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Er jagte sie in die Omaheke-Wüste, wo sie qualvoll verdursteten. Das wurde deshalb zum Thema, weil die Nachfahren nun Wiedergutmachung fordern. Kaum bekannt ist, dass gleichzeitig, von 1905 bis 1907, in Deutsch-Ostafrika der Maji-Maji-Aufstand niedergeworfen wurde. Dieser Krieg im heutigen Tansania, der am 31. Juli 1907 endete, forderte noch weit mehr Todesopfer. Man schätzt ihre Zahl auf 300 000 Einheimische, während nur wenige Weiße umkamen. Denn auch hier töteten nicht nur deutsche Maschinengewehre, sondern vor allem Hunger, Durst und wilde Tiere. Die „Schutztruppe“, in der Askari-Krieger von wilhelminischen Offizieren befehligt wurden, praktizierte das Prinzip der verbrannten Erde und fackelte Dörfer, Vieh, Vorräte und Felder ab.

Wasser gegen deutsche Kugeln

Als im Juli 1905 zwei Männer und eine Frau die Baumwollpflanzen auf einer Plantage ausrissen, brach der Aufstand los. Die Besteuerung der Hütten, die Zwangsarbeit, die Auspeitschungen und Erhängungen waren unerträglich geworden. Der Aufstand erfasste bald ein Gebiet im Süden der Kolonie von der Größe der Bundesrepublik. Das gemeinsame Vorgehen der vielen Ethnien wurde durch die Prophezeiung eines Heilers erleichtert. Der bot Wasser (maji) an, das die deutschen Kugeln unschädlich macht. Als die direkten Angriffe auf Militärposten dann doch zahllose Tote forderten, verlegten sich die Einheimischen auf einen Guerillakrieg in einem Gelände, das ihnen bestens bekannt war..

Nie hatte ich etwas über diesen Krieg gehört, meine Bekannten ebenfalls nicht. Die gemeinsame deutsch-afrikanische Historie bleibt unterbelichtet, auch wenn der ’schwarze‘ Kontinent samt seiner Bodenschätze und künftigen Märkte gerade neu entdeckt und das Jahr 2017 zum Afrika-Jahr ausgerufen wurde: Unser Entwicklungshilfe-Minister entwarf einen „Marschallplan für Afrika“ (als Broschüre kostenlos unter  poststelle@bmz.bund.de). Der Titel heißt mittlerweile „Marschallplan mit Afrika“ und soll Ende November auf dem Treffen von EU und Afrikanischer Union AU in Abidjan/Elfenbeinküste diskutiert werden. Auch hat das Humboldt-Forum Berlin das „HumboldtLabTansania“ gegründet, um mit der Universität Daressalam über  Exponate aus dem Maji-Maji-Krieg zu diskutieren, die bislang im Berliner Museumsdepot verstauben.

Wenn Marschallplan und Lab versichern, dass sich Europa und Afrika heute auf Augenhöhe begegnen müssen, ist ein Blick zurück in die gemeinsame Geschichte Pflicht. Damals, als die Schreckensherrschaft des kaiserlichen Deutschland derjenigen des belgischen Königs Leopold im Kongo kaum nachstand, war das Leben eines „Negers“, eines „Wilden“  nichts wert, nichts wert auch seine Kultur. Rassistische Vorurteile halten sich lange, zumal sie  damals wie heute in einem paternalistischen  Mäntelchen daherkommen, das die eigenen Interessen verbirgt. Schon ist das BMZ kritisiert worden, weil es offenbar seinen „Marschallplan“ ohne Rücksprache mit  afrikanischen Vertretern konzipiert hat. Auch zeichnet sich ab, dass die Exponate nicht an Tansania zurückgegeben werden, obwohl sie im Maji-Maji Memorial Museum im tansanischen Songea sinnvoller aufgehoben wären. Für die Tansanier ist die Kolonialzeit nämlich kein blinder Fleck, weil die Auswirkungen bis heute reichen.

Das im „Marschallplan“ formulierte Versprechen, heute auf Augenhöhe zu verhandeln, muss eingehalten werden! Manche Vorschläge könnten sofort realisiert werden, etwa das Ende der Subventionierung europäischer Agrarimporte, um einheimischen Märkten eine Chance zu geben.

Die Kenntnis unserer Kolonialgeschichte legt auch die Reste von Rassismus gegenüber den heute hier lebenden Afrikanern offen. Ich zumindest erkannte, dass ich nicht frei von Dünkel gegenüber anderen Kulturen bin.

Literatur: Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, Chr.Links-Verlag, 2005 

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