Keiner steht am Grab

Wie Arme und Einsame beerdigt werden

Von Klaus Nissen

Wer arm und einsam stirbt, wird vom Ordnungsamt unter die Erde gebracht.  Manche Leute sterben als Obdachlose. Oder als Sozialhilfe-Empfänger,  ohne Kontakt zu Nachbarn und Verwandten. Auch in den kleinen Städten der östlichen Wetterau gibt es das. Nur der Bestatter oder der Friedhofs-Arbeiter begleitet diese Menschen dann auf ihrem letzten Weg.

Keiner steht am Grab

Eine noch leere Urnenstele auf einem Friedhof im Rhein-Main-Gebiet. Wer vom Ordnungsamt beerdigt wird, bekommt darin keinen Platz. Die Urne wird eher anonym unter dem Rasen beigesetzt. Foto: Nissen

Etwa 150 Menschen müssen jedes Jahr auf einem der Friedhöfe in Nidda bestattet werden. Fast alle bekommen eine Trauerfeier oder wenigstens eine kurze Andacht, bevor es in die letzte Ruhestätte geht. Doch zwei bis drei Menschen pro Jahr haben weder Hinterbliebene noch Geld für die Beerdigung, sagt Winfried Müller vom städtischen Friedhofsamt. Weil nach spätestens 96 Stunden jeder Tote beerdigt oder eingeäschert sein muss, ist bei ihnen das Ordnungsamt dran. „Wir machen dann die Ersatzvornahme“, so Winfried Müller. Das Amt  beauftragt einen Bestatter und zahlt die Rechnung. Nur wenn es schließlich doch noch Eltern, Kindern, Ehegatten oder Geschwister des Toten ermitteln kann, kommt das Geld in die Gemeindekasse zurück. Der Tod ist teuer: Auch für die die billigste Urnenbeisetzung eines Obdachlosen in Nidda berechnet sich die Stadt selbst 133 Euro, plus 83 Euro für den Urnenträger und 340 Euro für die 30-jährige Liegezeit für die Urne. Die letzte Heimstatt eines Eingeäscherten ist übrigens 0,64 Quadratmeter klein – und sie kann mit bis zu vier Urnen belegt werden.

Auch in Büdingen läuft das so. Von den gut 200 Bestattungen pro Jahr organisiert eine bis zwei das Ordnungsamt, weil weder Geld noch Angehörige aufzutreiben sind. Wo und wie sie beerdigt werden, hängt laut Klaus Reutzel vom Einzelfall ab. Oft werde die Einäscherung gewählt, sagt der Mann vom Friedhofsamt. Und wenn in der Büdinger Gemarkung ein Wohnsitzloser aufgefunden werde, dann könne man ihn günstig auf einem auswärtigen Friedhof beisetzen lassen, der vom Krematorium betrieben wird. Die Stadt Frankfurt lasse ihre Toten ohne Anhang angeblich sogar aus Kostengründen in Thüringen einäschern und beisetzen, berichtet Frank Halbritter vom Ordnungsamt der Kreisstadt Friedberg. Das empfinde er als würdelos: „Auch ein Friedberger, der keine Angehörigen hat, besitzt das Recht, in Friedberg beerdigt zu werden. Dann schaue ich auch nicht darauf, ob jemand vor seinem Tod 30 Jahre oder nur drei Tage hier gelebt hat.“

Der Pfarrer kommt nicht

Im 100 Jahre alten Friedberger Krematorium werden auch Menschen aus der östlichen Wetterau eingeäschert. Man habe aber keinen Billig-Friedhof für die Urnen von Toten ohne Geld und Angehörige, sagt Sigrid Aldehoff. Sie ist Sprecherin einer Tochterfirma der Offenbacher Stadtwerke, die das Krematorium in Friedberg betreibt.

Ein Grabmal mit Herz. Auch Menschen mit Geld und trauernden Angehörigen leisten sich so einen Steintempel immer seltener. Sie wollen nach ihrem Tod unauffälliger und vor allem pflegeleichter sein. Foto: Nissen

Spricht wenigstens noch jemand ein Abschiedswort, wenn – wo auch immer – ein Verstorbener ohne teilnehmende Angehörige, Freunde oder Nachbarn in die Erde versenkt wird? Das sei kaum zu leisten, sagen Winfried Müller in Nidda und Klaus Reutzel vom Friedhofsamt in Büdingen. Kein Pfarrer wird automatisch informiert, wenn ein Einsamer ins Jenseits gegangen ist. Der katholische Dekan Wolfram Schmidt aus Büdingen: „Wir sind gehalten, im christlichen Kontext jeden zu bestatten, der nicht vorher sagt: Ich will das nicht.“ Doch beerdige man nur Menschen aus der katholischen Gemeinde. Und wer vor seinem Tod die Kirche verlassen habe, verliere seinen Anspruch auf ein kirchliches Begräbnis. Eigentlich gehöre es sich schon, jeden Menschen nach seinem Tode zu verabschieden, findet Dekan Schmidt. Aber das sei nicht immer leicht: „Was sage ich, wenn da jemand ist, der ein völlig verkorkstes Leben hatte?“

Ähnliches berichtet Sabine Bertram-Schäfer. Wenn man vom Tod eines isolierten evangelischen Gemeindegliedes erfährt, bittet die Leiterin des evangelischen Dekanats Büdinger Land den jeweiligen Kirchenvorstand, zur Beisetzung zu gehen. Das könne man aber schlecht machen, wenn ein Muslim oder ein konfessionsloser Mensch ohne Anhang gestorben ist. Nur außerhalb der Wetterau gibt es Ansätze für eine Würdigung isolierter und verarmter Gestobener. In Wuppertal wird für sie einmal im Jahr eine gemeinsame Gedenkfeier ausgerichtet. Und in Offenbach gibt es Bestattungen inklusive Trauerfeier, die durch Spendengelder finanziert werden. Die Urne des Verstorbenen landet unter einem Rasen. In Offenbach werden vom Tode eines isolierten Menschen neben dem Ordnungsamt auch die Kirchen informiert, heißt es in der Stadtverwaltung. Die kümmerten sich dann um eine würdige Beisetzung – auch wenn der Verstorbene keiner Gemeinde angehörte.

So prüfe jeder, wie er oder sie von der Erde verschwinden will. Wer pleite und mit allen verkracht ist, sollte vor dem Ableben vielleicht nach Offenbach oder Wuppertal ziehen. Oder besser noch: nach Limeshain. Da arbeitet Eva Frick schon seit 16 Jahren in der Friedhofsverwaltung. Sie hat pro Jahr 30 bis 50 Bestattungen auf den drei Friedhöfen der Gemeinde. Aber noch nie, sagt sie, sei hier jemand beerdigt worden, der so einsam war, dass keiner zur Bestattung kam.

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