Gießener Papyrus

Nun UNESCO-Weltdokumentenerbe

von Ursula Wöll

In der Giessener Universitätsbibliothek weht der Atem der Geschichte, denn sie beherbergt bis zu 3800 Jahre alte Schriftstücke. Ihre Papyrus-Sammlung ist die fünftgrößte in Deutschland. Neben 2300 Papyri enthält sie 550 beschriebene Tonscherben und 44 altassyrische Keilschrifttafeln, die um 1800 vor Chr. entstanden. Komplettiert werden diese Schätze durch mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln, also Erstdrucke der Gutenbergzeit. Das wertvollste Stück der Sammlung ist ausgerechnet ein zerfaserter Fetzen,  der „nur“ aus der Spätantike stammt. Die „Constitutio Antoniniana“ des römischen Kaisers Caracalla wurde nun von der UNESCO als „Weltdokumentenerbe“ geadelt. Damit gehört der Papyrus jetzt zu den „Memories of the World“.

Die Verordnung Caracallas schrieb Geschichte

Nur 427 Memories of the World gibt es bisher weltweit. Ausgewählt von Experten der UNESCO stellen sie sozusagen Wegmarken in der Geschichte dar, beeinflussten also die Geschicke der Menschheit. Die von Kaiser Caracalla im Jahr 212 erlassene Verordnung war in Fachkreisen bereits berühmt, als Giessen im Jahr 2014 den Antrag bei der UNESCO stellte. „Es finden sich Abbildungen des Papyrus international sowohl in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen als auch in Geschichtsbüchern“, so der Leiter der Uni-Bibliothek Dr. Peter Reuter. Der 46 x 27 cm große Papyrus wurde 2009 aufwändig restauriert und neu in dickes Glas gefasst. Er war im Krieg in den Keller der Commerzbank gegenüber der Johanneskirche ausgelagert und hatte einen kleinen Wasserschaden durch ein Wieseck-Hochwasser. Heute ist das in griechischer Sprache geschriebene Dokument das weltweit einzige noch vorhandene Exemplar des Caracalla-Textes.

Mit der „Constitutio Antoniniana“ verlieh Kaiser Caracalla, der eigentlich Marcus Aurelius Antonius hieß, allen freien Bürgern seines riesigen Reiches das römische Bürgerrecht. Millionen Menschen aus drei Kontinenten mit unterschiedlichen Sprachen und einer unterschiedlichen kulturellen Prägung erhielten dadurch einen einheitlichen Bürgerstatus. Der kaiserliche Erlass gilt daher als das erste in einer Reihe zentraler Dokumente zu den Bürger- und Menschenrechten sowie zur Verfassungsgeschichte.

Die Motive Caracallas waren wohl einfacherer Natur. Er wollte sich bei seinen Untertanen  beliebt machen, denn an seinen Händen klebte sogar Verwandtenblut. Vor allem wollte er sicher das Steueraufkommen erhöhen. Das brauchte er zur Solderhöhung seiner geliebten Soldaten, mit denen er auch eine Schlacht am Main gewann, wo genau ist bisher unklar. 5 Jahre nach seinem historisch bedeutsamen Erlass , also 217, wurde Caracalla mit 29 Jahren dann selbst ermordet.

Der Schreibstoff Papyrus

Bis in die Neuzeit waren die Nilufer dicht mit Papyrus-Dickicht gesäumt. Die bis 4 Meter hohen Stängel wurden geschält, die Markstangen in zwei Schichten kreuzweise nebeneinandergelegt und flachgeklopft. Der klebrige Saft sorgte für Zusammenhalt, und schon war der Schreibstoff als Platte oder Rolle fertig. Die alten Römer guckten sich diese Technik von den Ägyptern ab. Erst im frühen Mittelalter ersetzte dann kostbares Pergament aus Tierhäuten und das bereits von den Chinesen erfundene Papier den Papyrus-Schreibstoff.

Weltdokumentenerbe

Die Urkunde der UNESCO wird erst im Juli feierlich in Giessen überreicht werden.

Weder die Motive des Kaisers noch der erbärmliche Zustand des Papyrus waren also entscheidend bei der Auswahl. Wichtig war der UNESCO allein, dass die Gleichstellung aller Bürger, Sklaven damals noch ausgenommen, als Idee unauslöschbar in die Welt gesetzt wurde und dass das Giessener Exemplar weltweit das einzige noch erhaltene ist. Die Giessener Sammlung besitzt eine Reihe wertvoller Stücke, die prächtiger sind, etwa die 1462 in Mainz gedruckte Bibel mit wunderbaren handgemalten Ausschmückungen. Zwar hat der Buchdruck den Gang der Menschheitsgeschichte stark beeinflusst, aber dafür wurde bereits ein anderes Objekt als „Memory of the World“ erkoren..

Ein Gedanke zu „Gießener Papyrus“

  1. Caracallas Interesse war weniger die Emanzipation der Reichsbewohner, sondern vielmehr die Vermehrung der Anzahl der steuerpflichtigen Reichsbürger; er brauchte sehr viel Geld, weil er ein Großreich nach dem Vorbild Alexanders errichten wollte. Auf dem Vormarsch nach Osten wurde er (in der heutigen Osttürkei, beim Pinkeln) von seinem Nachfolger ermordet. Quelle: Cassius Dio, ein zeitgenössischer Historiker.

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