Frust in Ober-Wöllstadt

Viel Verkehr trotz Umgehungsstraße

Gut 50 Millionen Euro kostete die 2017 fertig gewordene Umgehungsstraße der B3 um Wöllstadt herum. Nun stellt sich heraus: Der Durchgangsverkehr in Ober-Wöllstadt ist so unerträglich wie vorher. Und die alte Ortsdurchfahrt darf keine Engstellen bekommen. Viele Bürger sind empört

Frust in Ober-Wöllstadt

Von Klaus Nissen

Seit August 2017 lenkt die neue Trasse der Bundesstraße 3 den Nord-Süd-Verkehr um das verkehrsgeplagte Wöllstadt herum. Nun wird aber deutlich, dass Ober-Wöllstadt nicht wesentlich entlastet wurde. Denn nach wie vor donnern täglich tausende Lastwagen und Pendler durch den an manchen stellen nur acht Meter breiten Ortskern. Zu verlockend ist es, morgens von Ossenheim, Florstadt, Reichelsheim oder Friedberg-Süd durch Ober-Wöllstadt über die Kreisstraße 11 und die Rosbacher Südumfahrung zur dann nur noch vier Minuten entfernten Autobahn-Auffahrt Friedberg zu fahren.

Markus Breidenbach zeigt mit einem Kinderrad, wie eng und es gefährlich an der Gießener Straße in Ober-Wöllstadt ist. Der Bürgersteig wird ab 2010 nur auf 1,20 Meter verbreitert. Fotos: Nissen

Mit der neuen B3 sollte sich der Verkehr in Ober-Wöllstadt von 15 000 auf etwa 7000 Durchfahrten halbieren, sagte Bürgermeister Adrian Roskoni bei einem von der CDU organisierten Ortstermin am 16. April 2019. Aktuell würden 8000 Durchfahrten pro Tag gemessen. Roskoni musste das laut rufen, denn um 18 Uhr brauste besonders viel Berufsverkehr am kleinen Platz vor der Ober-Wöllstädter Kirche entlang. „Ich habe in den letzten fünf Minuten 85 Autos gezählt!“ rief eine ältere Dame empört. An vielen Stellen preschen die Karossen nur wenige Zentimeter an den Hauswänden vorbei. Die Bürgersteige sind eigentlich „nur Schrammborde von 50 bis 60 Zentimetern Breite“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Oliver Kröker. Beim anstehenden Rückbau der Ortsdurchfahrt müsse mehr Platz für die Fußgänger her: „Ich bin nicht bereit zu akzeptiren, dass die Verkehrssicherheit für die Fußgänger in die Binsen geht!“. In einem Antrag für das Gemeindeparlament fordert die in Wöllstadt regierende CDU ein Sicherheitsaudit für den Verkehr. Dass die für den Rückbau zuständige Landesbehörde Hessen Mobil nur auf den fließenden Verkehr achtet, ist für Kröker „nicht mehr zeitgemäß“. Ein Verkehrsexperte der Fachhochschule Darmstadt habe nur mit dem Kopf geschüttelt, als Kröker ihm die Rückbau-Pläne vorlegte.

Verengte Fahrbahn darf es nicht geben

Der Rückbau soll im Frühjahr oder Sommer 2020 beginnen und muss bis September 2022 beendet sein. Nur in diesem Zeitraum gewährt der Bund einen Zuschuss in Höhe von 150 000 Euro zur insgesamt zwei bis drei Millionen Euro teuren Baumaßnahme. Die unter der Gießener Straße liegende Wasserleitung von 1926 und die Kanalrohre aus den Fünfziger Jahren müssten dringend ausgetauscht werden, so Bürgermeister Roskoni. Und man wünsche sich breitere Bürgersteige.

Doch die gibt es nur begrenzt. Die aktuelle Planung sieht auf der Westseite der Gießener Straße einen 1,20 Meter schmalen Fußgängersteig vor, auf dem sich kaum zwei Kinderwagen begegnen können. Die reguläre Breite von 2,5 Metern ist nicht drin, weil Hessen Mobil auf eine durchgehend sechs Meter breite Fahrbahn in der gut 500 Meter langen Ortsdurchfahrt besteht. Die Gemeinde hätte sie gerne auf 5,5 Meter verengt und an zwei Stellen eine Verengung auf 3,5 Meter eingebaut. Dort könnte dann immer nur ein Auto fahren. Damit, so hofft Roskoni, würden die Autofahrer endlich Respekt vor dem Tempo-30-Schild bekommen. Später könne man auch feste Blitzer installieren. Und möglicherweise ein Durchfahrtverbot für Lastwagen erwirken.

An der Gießener Straße ist es eng, laut und gefährlich. Die Umgehungsstraße habe daran wenig geändert, sagten Anwohner bom Ortstermin. Vorn rechts der Vorsitzende der Gemeindevertretung, Jürgen Pfannkuchen. Foto: Nissen

Doch die Engstellen wird es wohl nicht geben. Denn eine Anwohnerin legte im vereinfachten Planungsverfahren Einspruch ein. Sie befürchtet quietschende Bremsen, Auspuffgase und lautes Beschleunigen an der Engstelle vor ihrem Haus. Die rund 30 Wöllstädter beim Ortstermin schüttelten darüber die Köpfe – doch wenn man den Einspruch nicht gelten lässt, müsste laut Bürgermeister Roskoni ein aufwändiges, etwa fünf Jahre dauerndes Planfeststellungsverfahren beginnen. Und wie das ausgehe, stehe in den Sternen.

So kommt es, dass in der aktualisierten Planung keine Engstellen mehr in Ober-Wöllstadt vorkommen. Nur vor dem Klosterhof wird die Fahrbahn von sechs auf fünf Meter verengt, so dass dort keine zwei Lastwagen aneinander vorbei kommen. Roskoni ließ erkennen, dass ihm dieser Kompromiss lieber sei als eine noch um etliche Jahre längere Planungsphase mit ungewissem Ausgang. Erkennbar war am 16. April auch, dass der Bürgermeister damit nicht alle Christdemokraten hinter sich hat. Für Fußgänger bleibe die Gießener Straße einfach zu gefährlich, meinte der Gemeindevertreter Christoph Westerfeld und deutete auf die Einmündung der Mittelgasse in die Gießener Straße gegenüber der Kirche: „Wenn von da die Grundschüler und die Kita-Kinder ankommen, muss ich jedes Mal Angst haben, dass ihnen an der Ecke die Autos über die Füße fahren – oder noch Schlimmeres passiert!“

Der Kreisbeigeordnete Matthias Walter (links) hörte sich den Frust der Wöllstädter an. Bei der Sicherheit der Fußgänger dürfe man keine Kompromisse machen, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Oliver Kröker rechts neben ihm. Foto: Nissen

Ein Anwohner meinte: Die Lösung wäre die wechselseitige, von Ampeln gesteuerte einspurige Verkehrsführung durch den Ortskern. Dann könne man die Bürgersteige tatsächlich breiter machen. Der neue Kreisbeigeordnete und „Bauherr“ der Kreisstraße 11, Matthias Walther, runzelte die Stirn und rechnete auf einem Block am Stehtisch nach. Er werde das prüfen lassen, versprach der Christdemokrat. Doch an der 500 Meter langen Strecke mit etlichen Einmündungen führe das zu langen Wartezeiten vor der Pförtnerampel. Das mache nichts, entgegnete eine Anwohnerin. Es gehe ja gerade darum, den Durchgangsverkehr zu vergraulen.

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