Fortschritte in Nepal

Generationswechsel im Kinderhaus

Von Lydia Schmidt

Als vernachlässigte Kleinkinder kamen sie einst ins ins Waiserhaus der Bad Nauheimerin Lydia Schmidt nach Budhanilkanta bei Kathmandu.  Jetzt sind sie junge Erwachsene, arbeiten als Lehrer, Verwaltungsleute oder Techniker und helfen, das rückständige Nepal in bessere Zeiten zu führen. Im neuen Rundbrief des Kinderhauses Kathmandu ist von schlimmen – und von Hoffnung bringenden Schicksalen die Rede.

Fortschritte in Nepal

Im Kinderhaus haben wir ein stetes Kommen und Gehen. Große Kinder verlassen ihren über viele Jahre gesicherten Hort und beginnen mit Ausbildung, Beruf und Familiengründung ein neues eigenständiges Leben. Und damit ist dann wieder Platz für neue bedürftige Kinder.

Die drei Schwestern Urmila, Pramila und Sujatha kamen vor fünfzehn Jahrenzu uns. Die Familie war zerrüttet. Der Vater hatte Frau und Kinder verlassen. Die verzweifelte Mutter suchte daraufhin ihr Heil im Alkohol. Die drei Mädchen, damals drei, fünf und sieben Jahre alt, verwahrlosten schnell. Zum Glück wurden Nachbarn rechtzeitig auf die schlimme Situation aufmerksam, und so kamen die drei Schwestern ins Kinderhaus. Heute sind sie junge Damen, alle mit guten Ausbildungen. Urmila (links) und Sujatha (rechts) sind in unserer BMCA (Budhanilkanta Model Community Academy) Lehrerinnen. Pramila (Mitte) hat ihre Ausbildung als radiologische Assistentin im Frühjahr abgeschlossen und arbeitet in einem Kinder-Krankenhaus in Kathmandu. Die drei sind finanziell unabhängig und suchen gerade eine kleineWohnung, in der sie zusammen mit ihrer Mutter (die inzwischen keinen Alkohol mehr trinkt) leben können.

Die Kaste ist nicht mehr so wichtig

Saritha hat ihren Mann im Kinderhaus kennen gelernt. Sie haben jetzt beide einen guten Job. Und den zwei Monate alten Uden. Die Kinderhaus-Leiterin Laxmi übernimmt hier die Oma-Rolle. Fotos: Lydia Schmidt

Einige unserer großen Mädchen haben Familien gegründet, sind Mütter und arbeiten in ihren erlernten Berufen. Das ist in Nepal nicht selbstverständlich. Oft erwarten die Männer von ihren jungen Frauen, dass sie nach der Geburt des Kindes zuhause bleiben und sich nur auf die Erziehung des Kindes und die Führung des Haushalts konzentrieren. Es ist schön zu sehen, dass sich in der jungen Generation so manches zu ändern scheint. Saritha (Foto links mit ihrem Mann, Laxmi und dem zwei Monate alten Uden) kommt aus einer der untersten Kasten, der Nagarkothi. Mit fünf Jahren kam sie ins Kinderhaus. Ihre Schul- und College-ausbildung hat sie abge-schlossen und arbeitet als Lehrerin in der BMCA. Ihr Mann verdient sein Geld als Ingenieur. Die beiden haben sich als Schüler auf unserer Schule kennengelernt. Sarithas Mann kommt aus einer wesentlich höheren Kaste, der Rai. Zunächst waren seine Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden. Sog. „Inter Cast Marriages“ sind für die ältereGeneration immer noch ein Problem. Die jungen Leute sehen das inzwischen gelassen und scheinen sich durchzusetzen. Nach der Geburt des kleinen Uden ist auch die Schwiegerfamilie glücklich und stolz auf die junge Familie.

Saritha hat sehr schnell nach der Geburt wiederangefangen als Lehrerin zu arbeiten. Sie nimmt ihr Baby mit in die Schule, und es wird von einer Frau betreut, die bei den Kindergartenkindern mithilft, wenn diese beispielsweise auf die Toilette müssen. Hat das Baby Hunger, vertritt eine andere Lehrerin Saritha für die Zeit des Stillens. Ein überzeugendes Modell, finde ich, das den Müttern schnell die Rückkehr in den Beruf ermöglicht ohne schlechtes Gewissen – vielleicht in Deutschland auch zur Nachahmung empfohlen.

Der vierjährige Ashis hat keine Eltern mehr

Die Großen gehen, und neue kleine arme Seelenkommen. Ashis  ist vierJahre alt. Der Vater starb kurz nach seiner Geburt bei einem Busunfall. Die Mutter verließ die Familie mit einem anderen Mann, als Ashis einJahr alt war und ward nie mehr gesehen. Ashis hat noch zwei ältere Brüder. Alle zusammen lebten dann bei der Familie der Tante in Hetauda imTerai. Die hat aber selbst drei kleine Kinder. Und ihr Einkommen ist nicht so groß, dass sie auf Dauer zusätzliche Mäuler stopfen kann. Sie war froh, dass wir Ashis im Kinderhaus aufgenommen haben. Seit Juni ist er bei uns. Die beiden älteren Brüder gehen auf eine Boarding School in der Nähe von Boudha. Wir unterstützen die beiden mitSchulgeld.

Unsere Bautätigkeiten nach dem schlimmen Erdbeben im April 2015 sind nun endgültig abgeschlossen. Insgesamt haben wir neunzehn Schulen in verschiedenen Distrikten beim Wiederaufbau unterstützt. Die letzte Schule in Lachyang/Nuwakoth ist jetzt auch ihrerBestimmung übergeben worden. Rund 150 Kinder können dort in den ersten Grundschulklassen unterrichtet werden. Nach Fertigstellung der Gebäude haben wir das notwendige Unterrichtsmaterial und die Ausstattung für die Schulräume nach Lachyang gebracht.  Der Transport ist eine aufwendige Sache,denn die Schule liegt etliche Stunden von Kathmandu entfernt und ist nur erreichbar, wenn die Schotterstraßen nicht durch Erdrutsche verschüttet sind, was besonders nach der Monsunzeit häufig der Fall ist. Manchmal ist das Dorf über Wochen von der Umwelt abgeschnitten. Auch die Schulkleidung kommt von uns aus Kathmandu.

Die Augenklinik aus Kathmandu macht im ländlichen Bhimkuri eine Außen-Sprechstunde. So müssen die Patienten für die Untersuchung nicht aufwendig in die Hauptstadt fahren.

In Bhimkuri haben wir ein Healthcamp für Augenerkrankungen organisiert. Eine der von uns gebauten und unterstützten Schulen liegt dort, und so können wir Kontakte undRäumlichkeiten nutzen, um effektiv zu arbeiten. Über sechshundert Dorfbewohner aus der ganzen Umgebung kamen, um sich untersuchen zu lassen. Das neue an diesem Camp war, dass kleinere OPs direktv or Ort ausgeführt werden konnten. Das bedeutete zwar einen hohen logistischen Aufwand und viel Vorbereitung, weil das gesamte OP-Equipment mitgebracht werden musste. Die Sterilisierungdes OP-Raumes war eine für europäische Augen fast unmögliche Angelegenheit. Aber es gelang. Der Vorteil von OPs vor Ort ist, dass nicht alleP atienten mit Bussen nach Kathmandu in die Krankenhäuser gebracht werden müssen.  Schwierige OPs konnten natürlich nicht in Bhimkuri gemacht werden. Sie wurden nach wie vor in entsprechenden Krankenhäuern in Kathmandu durchgeführt. Einige Patienten blieben dann bis zur völligen Genesung im Kinderhaus. Die Kosten für Healthcamps dieser Art inclusive Folgebehandlungen liegen bei etwa zehntausend Euro.

Gut 500 Kinder besuchen die größte Schule des Kinderhauses. Sie soll jetzt bis zum Abitur führen. Und bekommt Anbauten, damit auch Kinder aus entlegenen Dörfern hier einen guten Abschluss machen können.

Seit vielen Jahren versuchen wir, unsere BMCA bis zur Klassenstufe zwölf zu erweitern. Aber immer waren die staatlichen Vorgaben zu unklar, um diesen Schritt zu wagen. Dann kam das Erdbeben, und unser Fokus lag selbstverständlich in den vergangenen zwei Jahren auf direkter Hilfeleistung für die vom Erdbeben betroffenen Menschen und dem Wiederaufbau von zerstörten Bergschulen. Jetzt sind diese Bautätigkeiten abgeschlossen, und wir können uns wieder unserem Vorhaben widmen. Inzwischen liegt auch vom Educational Ministery ein detailliertes Curriculum für die höheren Klassenstufen vor. In der BMCA unterrichten wir zurzeit über fünfhundert Schülerinnen und Schüler. Die Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau ist im Dezember 2017 geplant. Allerdings müssen wir zunächst die behördlichenGenehmigungen abwarten. So etwas erfordert in Nepal immer etwas Geduld. Entwürfe für den Schulbau haben wir bereits von dem Architekten anfertigen lassen, der uns auch nach dem Erdbeben beim Aufbau vieler Schulen treu zur Seite gestanden hat. Die Kosten werden sich auf circa 250.000 Euro belaufen (Spenden sind wie immer herzlich willkommen). Geplantsind fünf kleinere Gebäude mit jeweils vier Klassenzimmern, die sich optisch gut in die ländliche Struktur unserer „Kinderhaus-Siedlung“ einfügen.

Beginnen werden wir mit zwei Gebäuden und dann nach und nach die Unterrichtsräume erweitern – je nach Bedarf. Es ist geplant, dass auch Kinder aus unseren Bergschulen die höheren Klassenstufen besuchen können. Viele Dorfkinder haben keine Möglichkeit, nach der achten oder zehnten Klasse inihrer Umgebung weiter zu Schule zu gehen. Begabte Schülerinnen und Schüler aus Dorfschulen könnten in Zukunft in die  „plus 2“- Klassenstufen unserer Schule gehen und während der Unterrichtszeit mit im Kinderhaus wie in einer Boarding School wohnen.

Mehr über das Projekt unter www.kinderhaus-kathmandu.de

 

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