Flüchtlinge in Büdingen

Zufluchtsort für Glaubensflüchtlinge

Von Corinna Willführbued

Im 18. Jahrhundert fanden Hugenotten, die in ihrer Heimat wegen ihres Glaubens geächtet waren, in der Büdinger Vorstadt Aufnahme und eine Bleibe für die Zukunft. Dank des Toleranzedikts von Ernst Casimir I. von 1712. 

Neue Heimat für Hugenotten in Büdingen

Bildnis von Ernst Casimir I. im Büdinger Heuson-Museum
Bildnis von Ernst Casimir I. im Büdinger Heuson-Museum

Rund 1800 Kilometer lang ist der Hugenotten- und Waldenserpfad, der vom französischen Le Poet-Lavat und dem italienischen Saluzzo nach Bad Karlshafen führt. Der europäische Kulturwanderweg zeichnet heute die Strecken nach, die Glaubensflüchtlinge im 17. und 18. Jahrhundert vor Verfolgung nahmen. Ein Ort der Sicherheit auf einer unsicheren Reise bot ihnen damals die Stadt Büdingen. Dank des Toleranzedikts von Graf Ernst Casimir I. vom März 1712.

Büdingen – eine Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten: Das Schloss, die Marienkirche, der Hexenturm, das Heuson-Museum im Alten Rathaus. Allesamt liegen sie innerhalb der Altstadt. Eines der markantesten Gebäude der Stadt ist bis heute das Jerusalemer Tor – von Westen her Pforte zu eben diesen Gebäuden mit großer historischer Vergangenheit.

„Nach der Geschichte der Vorstadt“, wird eher selten gefragt“, berichtet Verena Eimer. Die „Vorstadt“ liegt vor dem Jerusalemer Tor. Links und rechts säumen die gleichnamige Straße bis heute zweigeschossige Fachwerkhäuser, manche mit Gauben, Treppen zur Straße hin, einige mit Schindeln, von der Architektur her noch immer eine Straßenreihe von „wohlproportioniertem Gleichmaß“.

Blick durch das Jerusalemer Tor auf die Büdinger Vorstadt.
Blick durch das Jerusalemer Tor auf die Büdinger Vorstadt.

Die noch nicht existierte, als die ersten Hugenotten, Waldenser und Pietisten das Untertor in der Büdinger Stadtmauer erblickten, auf die Knie fielen und gerufen haben sollen: „Das ist unser Jerusalem“. Seit 1685 galt das Edikt von Fontainebleau des französischen Königs Ludwig XIV.

Verena Eimer ist Mitarbeiterin der Tourist-Information am Büdinger Marktplatz und leitet selbst Stadtführungen. „Anlässlich des 300. Jahrestags des Toleranzedikts von Graf Ernst Casimir I. hatten wir spezielle Stadt-Führungen. „Die hat das Theater TheodoBo (Theater ohne doppelten Boden, Anm. der Redaktion) angeboten.“ Ihr Titel „Auf nach Büdingen! Woher das Jerusalemer Tor seinen Namen hat“. So war die Doppelturmanlage eine zentrale Station bei der Erlebnisführung, wie Ensemble-Mitglied Markus Karger berichtet. Eine weitere: Das Haus In der Vorstadt 15 mit seiner Inschrift, die an die Glaubensflüchtlinge erinnert.

„Bis hieher hat mihr Gott geholffen“

Allein: Die Inschrift in goldenen Lettern zwischen einem Tattoo-Studio und dem Second-Hand-Laden des Deutschen Roten Kreuzes in einen Sandsteinquader eingraviert, ist nicht leicht zu entdecken. Schon, weil sie weit über Augenhöhe angebracht ist und es keinen Hinweis auf sie gibt. Hat man sie schließlich gefunden, lässt sie sich die Mitteilung „Bis hierher hat mir Gott geholfen“ nicht komplett lesen. Ist die Inschrift doch hinter einer profanen Regenrinne verborgen.

Hinter einer Regenrinne versteckt, die Inschrift, die an die Ankunft der Hugenotten in der Vorstadt erinnert. (Fotos: Corinna Willführ)
Hinter einer Regenrinne versteckt, die Inschrift, die an die Ankunft der Hugenotten in der Vorstadt erinnert. (Fotos: Corinna Willführ)

 

Graf Ernst Casimir I. zu Ysenburg und Büdingen (1687-1749) war erst 25 Jahre alt, als er 1712 ein „Toleranzpatent“ verfügen ließ. Es erteilte „Privilegia und Freyheiten“ für jedermann, „auch denen, die aus Gewissens-Scrupel sich gar zu keiner äußerlichen Religion halten.“ Allein: Das Edikt des Grafen verlangte, dass sich die potentiellen Neubürger Büdingens „im bürgerlichen Wandel gegen Obrigkeit und Unterthanen sowohl als in ihren Häusern ehrbar, sittsam und christlich aufzuführen hatten.“ Die potentiellen Neubürger waren eben jene Hugenotten, Waldenser und Pietisten, die wegen ihres Glaubens ihre Heimat hatten verlassen müssen und vor dem Untertor auf die Knie gefallen waren.

Bevölkerung war durch Krieg und Pest dezimiert

Graf Casimirs Idee, dass sie sich in Büdingen ansiedeln können sollten, war nicht ganz uneigennützig. Hatte die Grafschaft nach dem 30-jährigen Krieg und der Pest eine große Anzahl an Menschen verloren. Auch fehlte es den Werkstätten und Manufakturen an kundigen Meistern. So unterstellte das Reichskammergericht dem Grafen, dass es nicht edle Gesinnung sei, die ihn dazu veranlasst habe, den Fremden eine neue Heimstatt zu geben. Vielmehr fürchtete der Rat der Stadt, der ihn vor das Reichskammergericht hatte zitieren lassen, „dass durch religiöse Separatisten die Bürger zu schlechten Dingen verleitet (würden)“, wie Volkmar Stein in seinem Buch „Büdingen. Ein Versuch zur Geschichte der Stadt“ schreibt.

Zum Verständnis: 1731 zählte die Vorstadt 275 Einwohner, wenn auch genug „Männer, um ein Wirtshaus zu füllen.“ 1731, knapp 20 Jahre nachdem die ersten Bauplätze für die Glaubensflüchtlinge in der Vorstadt freigegeben worden waren. Dort, wo bis heute die Fachwerkbauten „ein wohlproportioniertes Gleichmaß“ besitzen. Zumindest was ihre Architektur angeht. Denn in den Untergeschossen herrscht Vielfalt, gibt es das Friseur-Geschäft, den Mode-Laden, die Cocktail-Bar. An den historischen Vorgaben scheint sich die Architektur der Läden mitnichten zu orientieren.

Nicht allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt waren die Fremden Anfang des 18. Jahrhunderts willkommen. In der Theaterführung zur Erinnerung an das Toleranzedikts war es eine alt eingesessene Bürgersfrau, die sich mit den Besuchern in die Geschichte begab. Eine streitbare Büdingerin, die dem Kanzleirat Otto Heinrich Becker, auf den die Formulierung des Toleranzedikts wohl zurückgeht, Paroli bot – und alles tat, „um den potentiellen Neubürgern die Niederlassung in Büdingen zu vermiesen“, so Markus Karger.

Am 9. Dezember 2015 wurden in der Wetterau-Kommune die ersten Flüchtlinge in die Neuaufnahme in den ehemaligen Kasernengebäude der US-Army einquartiert. Das Toleranzedikt von Graf Ernst-Casimir I. ist in die Geschichtsbücher als ein „verbriefter Akt der Menschenrechte“ eingegangen, der allen Menschen „vollkommene Gewissensfreiheit“ garantiert. Indes: Das Toleranzpatent von Graf Ernst Casimir I. währte nur wenige Jahre.

Hugenotten: seit Mitte des 16. Jahrhunderts eine Gruppe aus ursprünglich französische Protestanten. Ihr Glaube ist wesentlich von den Lehren Johannes Calvins beeinflusst. Nach dem Edikt von Fontainebleau des französischen Königs Ludwig XIV. von 1685 verließen mehr als 250.000 Hugenotten ihre Heimat. Bekannte Orte, die mit der Geschichte der Hugenotten in der Region eng verbunden sind Friedrichsdorf und Neu-Ysenburg.

Waldenser: eine ursprünglich im 12. Jahrhundert als Gemeinschaft religiöser Laien gegründete Glaubensrichtung. Ihr Name geht auf den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes zurück. Die Waldenser gelten als Vorläufer des reformierten Protestantismus. In ihren Kirchen gibt es weder Kreuz noch Altar.

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