Flüchtlinge im Mittelmeer

Auch die Seenot-Retter brauchen Hilfe

Von Klaus Nissen

Thorsten Mebus aus Bad Vilbel betreut Menschen, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten. Der Notfall-Seelsorger weiß, welche Momente für diese Helfer die schlimmsten sind.

Flüchtlinge im Mittelmeer

Kritisch wird es, wenn die  Helfer am vollgestopften Flüchtlingsboot eintreffen. Die Menschen stehen dann auf, strecken sich den Rettern entgegen und fallen ins Wasser. Die meisten können nicht schwimmen. „Als Retter muss ich dann entscheiden: Welche Hand ergreife ich zuerst? Egal, welche das ist – einen oder mehrere andere  sehe ich dann vor mir im Wasser versinken. Das ist etwas ganz Grauenvolles.“

Als „Psycho“ muss Thorsten Mebus die Crews der Sea-Watch 2 auf diese Momente vorbereiten. Stundenlang sitzt der Notfallseelsorger  mit  den zwölfköpfigen, aus vielen Ländern und Altersgruppen zusammengewürfelten Freiwilligen-Teams im Haus der Organisation auf Malta und redet über das, was kommt.  Und das, was geschah und den Helfern Alpträume bringt.

Tag und Nacht treiben die Crews zwei Wochen lang gut 20 Meilen vor der Libyschen Küste und halten nach überfüllten Flüchtlingsbooten Ausschau. Die tauchen meistens am frühen Morgen auf.  Jeder Flüchtling musste mindestens 500 Euro für seinen Platz bezahlen. Der Außenbordmotor bringt das vollgestopfte Boot maximal 70 Kilometer von der Küste weg.  Die in einem separaten Boot fahrenden Schleppermontieren dort neuerdings häufig den Außenborder ab und verschwinden. Thorsten Mebus: „Die Menschen wissen, dass sie dann auf dem Meer treiben. Und dass sie leicht dabei sterben können. Dass ihr Überleben vom Zufall abhängt.“ Das lasse ahnen, wie schlimm es für die meist aus Afrika stammenden Menschen in der Heimat sein müsse.

Einen Teil seines Urlaubs opfert der 45-jährige Gemeindereferent der evangelischen Christuskirchengemeinde in Bad Vilbel für die Seenotretter. Der verheiratete Vater zweier Töchter ist schon lange Notfallseelsorger beim Roten Kreuz. Vor Jahrzehnten begann er dieses Engagement, als er merkte, welchen großen psychischen Belastungen die Berufsfeuerwehrleute ausgesetzt sind, mit den sein Bruder im Einsatz war.  Später stieß Mebus auf die Flüchtlingsretter von Sea-Watch. Im Juli 2016 flog er nach Malta, um dort zwei Wochen lang  ein vor dem Einsatz stehendes Team auf ihren unbezahlten Job vorzubereiten. Dann arbeitete er mit dem  anderen, nach zwei Wochen auf See zurückkehrenden Team der Sea Watch 2 auf, was geschehen war.

Seht hin, was geschieht: Nicht immer werden die Flüchtlinge aus dem vollgestopften Boot gerettet, wie hier im Juni 2015 durch das irische Frontex-Schiff LÉ Eithne. Thorsten Mebus (links) unterstützt Menschen, die in den privat organisierten Rettungsaktionen von Sea-Watch ihr eigenes Leben riskieren. Fotos: Nissen (li), Wikipedia

Was so geschieht, erfährt der Kirchenmann in Bad Vilbel momentan per Mail. Drei leere Holzboote sichtete die Sea-Watch 2 am zweiten Mai-Wochenende 2017 aufr dem Meer. „Wahrscheinlich sind also 450 Menschen ertrunken“, sagt  Mebus nach dem Sonntagsgottesdienst in der Christuskirche. Was mit den Insassen geschah, wird niemand erfahren. Von Neujahr bis Ende April verschwanden 1100 meist junge Menschen auf dem Mittelmeer, schätzt Thorsten Mebus.

Wenn die Leute von Sea-Watch ein Boot entdecken, setzen sie zwei Beiboote aus. Die bringen zwei mit Schwimmwesten gefüllte Schlauchboote zu den Flüchtlingen. Außerdem Trinkwasser. An Bord des Mutterschiffs dürfen eigentlich keine Flüchtlinge, denn die Sea-Watch 2 ist zu klein. Trotzdem passiere das immer wieder, so Mebus, weil Flüchtlingsboote kentern.

Per Funk bitten die Retter dann die in Rom sitzende Seenot-Leitstelle, größere Schiffe zur Aufnahme der Flüchtlinge zu schicken. Eine halbe Million Menschen wurde so schon geborgen. Sie sitzen laut Mebus in Sizilien fest. Viele leben dort in alten Flugzeughangars.

Das frühere Forschungsschiff Sea-Watch 2 im Hamburger Hafen. Jetzt rettet es auf dem Mittelmeer fast täglich Flüchtlinge. Foto: Wikipedia

Auf den SOS-Notruf muss nach dem Seerecht jeder Kapitän reagieren. Doch die großen Kreuzfahrtschiffe meiden laut Thorsten Mebus die Region zwischen Lampedusa, Malta und Libyen. „Damit sie niemanden aufnehmen müssen. „Das finde ich schon irre. 200 Kilometer weiter sterben Menschen, und diese Schiffe fahren einfach weiter.“

In Deutschland, aber auch in Italien werden die Seenotretter von Sea-Watch laut Mebus immer wieder öffentlich „übelst beschimpft“. Der Vorwurf: Sie hülfen den Schleppern bei ihrem mörderischen Geschäft. Weil sie den Flüchtlingen eine Überlebenschance gäben, wagten die sich immer noch auf die seeuntüchtigen Kähne. Thorsten Mebus sagt dazu: Man könne die Menschen doch nicht einfach ertrinken lassen. Und sie nach Libyen zurückzubringen, sei, als ob man jemanden zurück in die Hölle schickt. Viele der geretteten Flüchtlinge seien von Peitschenhieben, Messerstichen und anderen körperlichen und seelischen Verletzungen gezeichnet. Denn wer nicht genug Geld hat, müsse Zwangsarbeit leisten oder sich prostituieren.

Neuerdings arbeitet der europäische Grenzschutz Frontex offenbar stärker mit der libyschen Küstenwache zusammen. Am 10. Mai hat ein libysches Patrouillenschiff die Sea-Watch 2 beinahe gerammt, berichtet der Kapitän. Das Holzboot mit den Flüchtlingen nahmen die Libyer ins Schlepptau und zogen es nach Afrika zurück. All dies sei in internationalen Gewässern passiert und somit illegal, heißt es auf der Homepage www.sea-watch.org.

Der Bad Vilbeler Gemeindereferent Thorsten Mebus will möglichst bald wieder zwei Urlaubswochen opfern, um die freiwilligen Seenotretter von Malta aus zu betreuen. Das sei einfach notwendig – auch wenn er selbst nach seiner Rückkehr  noch tagelang „aus der Spur“ laufe. Nach der letzten Heimkehr ging Mebus im blauen Sea-Watch-Hemd die Frankfurter Straße entlang. Da kam ihm einer der hier lebenden Flüchtlinge entgegen. Und fing an zu weinen. Er deutetete auf das Sea-Watch-Symbol und sagte: „Diese Leute haben mir das Leben gerettet.“

Ertrinkende im Mittelmeer

Mehr als 3400 Menschen ertranken 2016 im Mittelmeer beim Versuch, nach Europa zu kommen. Das waren zwölf Prozent mehr als 2015. Seit Jahresbeginn sollen mehr als 1100 Menschen auf See umgekommen sein. Die italienische Regierung stellte schon im Herbst 2014 ihr Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ ein. Seitdem kümmert sich die europäische Grenzschutz-Agentur Frontex mit dem Programm „Triton“ nur noch um jene Flüchtlinge, die es bis in italienische Hoheitsgewässer schaffen. Malta nimmt keine Bootsflüchtlinge auf. Um die Seenotrettung kümmern sich seitdem mehrere private Initiativen, darunter „Ärzte ohne Grenzen“ und der in Hamburg sitzende Verein Sea-Watch. Der kaufte 2015 einen 100 Jahre alten Fischkutter, um Füchtlinge zu retten.

 

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