Flüchtlinge

Es hakt  an der Sprache und der Mathematik

Von Klaus Nissen

Turnhallen (wie hier in Nidda im Herbst 2015) braucht man nicht mehr, um Flüchtlinge aufzunehmen. Nur noch acht bis 15 Menschen mit diesem Status kommen pro Woche neu in die Wetterau. Es sind jetzt andere Leute als Ende 2015, hieß es bei einem Treffen der Wetterauer Arbeitsgemeinschaft Flüchtlingshilfe im Friedberger Kreishaus. Behörden und Helfer sind im Umgang mit den Ankömmlingen  jetzt besser aufgestellt. Es gibt aber noch Probleme.

Flüchtlinge in der Wetterau

Rostam Fazeli ist richtig gut drauf: Nach mehr als zwei Jahren in der Wetterau hat der 27-Jährige endlich ein zweiwöchiges Praktikum. In Friedberg darf er Baumaschinen reinigen und abschmieren. Der Chef sei mit ihm zufrieden, sagt der in Wöllstadt lebende Flüchtling aus dem afghanischen Kunduz. Selbst wenn sein Asylantrag scheitert, kann er mit Ehefrau und drei kleinen Kindern wegen des dort herrschenden Krieges nicht aus Deutschland abgeschoben werden. Foto: Nissen

Ende März 2018  waren genau 39 558 Menschen ohne deutschen Pass im Wetteraukreis gemeldet. Das sind 569 mehr als drei Monate zuvor. Die weitaus meisten sind aber keine Flüchtlinge, sondern EU-Bürger, Amerikaner oder andere Leute, die hier arbeiten und leben. Die Ausländerbehörde hat laut Landrat Jan Weckler immer noch Mühe, die Arbeits- und Aufenthaltsangelegenheiten dieser Menschen zu verwalten. Man könne nicht garantieren, dass jeder am selben Tag ein Gespräch mit dem Sachbearbeiter kommt, wenn er am frühen Morgen eine Nummer zieht. Weckler beantragt im Namen der schwarz-roten Kreiskoalition 7,5 zusätzliche Sachbearbeiterstellen, damit die Ausländerbehörde spätestens 2019 mit 42 Stellen ausgestattet ist. Dann habe jeder Sachbearbeiter maximal tausend Kunden.

Unter den neu eintreffenden Asylbewerbern gibt es laut der Kreisbeigeordneten Stephanie Becker-Bösch nicht mehr viele Syrer, Afghanen oder Pakistaner. Es treffen eher Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion ein – und in wachsendem Maße Türken, die vor der Regierung von Präsident Erdogan fliehen mussten. „Sie kommen nicht mehr mit den anderen Asylbewerbern im Bus hier an. Sie müssen auch separat untergebracht werden“, sagte Becker-Bösch. In welche Gemeinschaftsunterkunft man diese Familien und Einzelpersonen einweise, halte der Kreis geheim. Denn es gebe hier wie überall in Deutschland militante Erdogan-Fans unter der türkischstämmigen Bevölkerung. Übergriffe seien in der Wetterau bisher aber nicht bekannt geworden.

Um die Flüchtlinge kümmern sich diverse Spezialabteilungen der Arbeitsagentur, des Jobcenters und an den Wohnorten die Sozialarbeiter der Firmen European Homecare und Regionale Dienstleistungen Wetterau (RDW). Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer schrumpfte seit Ende 2015 deutlich  – doch wer jetzt noch dabei ist, hat viel Erfahrung und ist als Ansprechpartner von Behörden und Flüchtlingen gleichermaßen geschätzt.

„Es ist kein Wohnraum da“

Den gesetzlich bisher garantierten Familiennachzug von anerkannten Flüchtlingen will die Bundesregierung auf tausend Menschen pro Jahr drosseln. Wie das praktisch funktionieren soll, habe man ihm noch nicht mitgeteilt, sagte Holger Gajewski von der Ausländerbehörde. Derweil passiert es nach Auskunft von Konferenzteilnehmern immer wieder, dass unerwartet Angehörige von Flüchtlingen in den Rathäusern auftauchen. Der Wölfersheimer Hauptamtsleiter Markus Herrmann: „Die stehen mittags vor der Tür und sagen: wir sind jetzt da. Wir wollen die Menschen ja unterbringen, aber es ist kein Wohnraum da.“ Obwohl das Jobcenter bereit sei, die Mieten zu zahlen, gebe es auch am Rande des Ballungsraumes einfach keine Wohnungen. So landen auch mal fünfköpfige Familien in einem einzigen Zimmer oder in einer Pension, hörte man beim Treffen der Flüchtlingshelfer. In diversen Kommunen müssen die Flüchtlinge auch zweieinhalb Jahre nach ihrer Ankunft noch in Containern leben.

Markus Herrmann ist Hauptamtsleiter in Wölfersheim. Die Wetterauer Gemeinden und Städte finden nur schwer Wohnraum für Flüchtlinge, sagt er. Foto: Nissen

Zu oft fühlen sich die ehrenamtlichen Betreuer immer noch allein gelassen, sagte ihr Sprecher Johannes Hartmann. Seit Jahren übernähmen sie Fahrdienste für ihre Schutzbefohlenen von den Rändern des Kreises zur Ausländerbehörde. Sie kämpften mit langen Bearbeitungszeiten und mit dem Problem, dass die Namen von Flüchtlingen auf Geburts- und Heiratsurkunden ihrer Herkunftsländer oft unterschiedlich geschrieben seien. Das verhindere Leistungsgewährungen oder Wohnungszuweisungen. Johannes Hartmann„Wir laufen dann von Pontius zu Pilatus und hören im Amt dann nur: Wir sind nicht zuständig.“

Viele Erwachsene und jugendliche Flüchtlinge haben auch nach zwei Jahren in Deutschland Probleme, Arbeit zu finden. Das räumten Helfer während der Konferenz ein. „Viele kommen nicht über ein Praktikum hinaus“, sagte Marion Bernd von der Bürgerhilfe Florstadt. „Sie kriegen das Handwerk super hin, schaffen aber die Berufsschule nicht.“ Die Sprache und die schlechte Schulausbildung in den Herkunftsländern sei das größte Problem. Laut Sabine Tinz aus Reichelsheim haben etliche ihrer Schützlinge nur ein oder zwei Jahre lang die Grundschule besucht, sie seien praktisch Analphabeten. Nötig seien nicht nur Sprachkurse, sondern auch die Vermittlung von Mathematik und Allgemeinbildung. Etliche Flüchtlinge scheuen die Mühen der Qualifizierung, berichteten Stefan Schult vom Jobcenter und Heidi Nitschke von RDW. Die Menschen wollten sofort arbeiten und nähmen dann auch ungelernte und schlechter bezahlte Jobs in Kauf.

So verwaltet man Flüchtlinge

Neuankömmlinge werden für drei Wochen in der früheren US-Kaserne am Friedberger Dachspfad untergebracht und im „Integration Point“ an der Pfingstweide zur Herkunft und Ausbildung befragt. Seit April 2017 legte man 452 „Profile“ an, so der Interviewer Walid Kahlon. 158 Menschen vermittelte man in 600-stündige Integrationskurse. Die gibt es aber nur für Menschen mit „guter Bleibeperspektive“ aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Afghanen und andere landen beim Arbeitsmarktbüro der Arbeitsagentur, das ihnen gut drei Monate lang Sprachunterricht gibt und sie in Praktika zu vermitteln sucht. Um anerkannte Flüchtlinge oder Leute mit abgelehntem Asylgesuch, die nicht abgeschoben werden können,  kümmert sich das Jobcenter. Dort hilft man ihnen bei der Arbeitssuche, so der Abteilungsleiter Stefan Schult. Er wünscht sich, dass noch mehr Betriebe Flüchtlingen Praktika ermöglichen.

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