Faschismus

Als die Bücher im Mai 1933 brannten

von Ursula Wöll

Im Land der Dichter und Denker wurden Bücher verbrannt, Bücher von Kafka, Freud, Mann, Kästner und 70 weiteren AutorInnen. Das geschah vor 85 Jahren, am 10. Mai 1933 und war Höhepunkt der Aktion „Wider den undeutschen Geist“. Organisiert wurde die Verbrennung ausgerechnet durch die Universitäten, die sich allesamt im Nazitaumel befanden. ‚Durch Licht zur Nacht‘ untertitelte der nach Prag geflüchtete John Heartfield seine Fotomontage über diese Barbarei. In Giessen hatte man es besonders eilig, die Freiheit der Wissenschaften auf Hitlers Altar zu opfern. Bereits am 8. Mai wurde hier verbrannt, im Becken der Fontaine vor der damaligen Volkshalle. Mit Lesungen verfemter Bücher und Vorträgen erinnert das Literarische Zentrum Giessen an das schreckliche Datum. Der aktuellen Unfreiheit des geschriebenen Wortes  widmet sich die Veranstaltung am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit.

Kästner als Zuschauer

Die Lastwagen, voll beladen mit Büchern, rollen heran. (Fotos: Bundesarchiv/Wikipedia)

In über 60 Städten lief die gut organisierte Aktion gleichzeitig, am ‚prächtigsten‘ in Berlin. „Die Lastwagen rollten heran.Tausende von Büchern wurden ausgekippt und von fleißigen Händen hoch im Bogen ins Feuer geworfen. Dann tauchte Goebbels auf. Er zeterte, salbaderte…“, so protokollierte der Augenzeuge Erich Kästner den 10. Mai 1933 in Berlin. Er hatte sich unter die Studenten im Wichs, die Professoren in Talaren, die SS in Uniformen und die jubelnden Zuschauer gemischt und verdrückte sich, nachdem er erkannt wurde. Denn er sah  seine eigenen Bücher brennen, nachdem er in einem ‚Feuerspruch‘ namentlich erwähnt wurde: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall. Für Zucht und Sitte in Familie und Staat. Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner“, so lautete der zweite von insgesamt neun Feuersprüchen, die jeweils von einem Studenten gerufen wurden. Weil sie reichsweit in über 60 Städten im gleichen Wortlaut vorgetragen wurden, erhielt die Barbarei den Charakter einer rituellen Handlung. Unter den verfemten AutorInnen war auch die in Mainz geborene Anna Seghers. Ihr Roman „Das siebte Kreuz“ spielt in der Rhein-Main-Gegend. Er wurde für die diesjährige Aktion ‚Frankfurt liest ein Buch‘ ausgewählt und wird daher von vielen FrankfurterInnen gelesen. Die Giessener Veranstaltung am 19. April 2018 macht mit diesem Buch bekannt, das bereits ab 16. April auch im Radio hr2-kultur gelesen wird.

Buchhandlungen lichten ihre Bestände aus

Zügig hatten die Nazis nach dem 30. Januar 1933 die gesellschaftlichen Strukturen verändert und  bereits existierende Feindbilder zugespitzt. Am 1. April 1933 begann der Boykott jüdischer Geschäfte. Am 7. April wurde das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ wirksam, das die Universitäten „judenfrei“ machte. In Giessen musste etwa die Archäologie-Professorin Margarete Bieber, eine Pionierin des Frauenstudiums, gehen. In Marburg wählte der  international renommierte Sprachwissenschaftler Hermann Jacobsohn den Freitod, so dass sich hier kein Professor für eine Huldigungsrede vor brennenden Büchern fand. Am  2. Mai wurden die freien Gewerkschaften in die nationalsozialistische DAF eingegliedert, obwohl sie sogar am 1. Mai mit den Nazis demonstriert hatten, um einem Verbot zu entgehen. Ab 3. Mai dann wurde die Aktion „Wider den undeutschen Geist“ organisiert. Universitäts- und Stadtbüchereien sowie Buchhandlungen mussten ihre Bestände auslichten und die inkriminierten Schriften abliefern. Auch in Giessen riefen die Gremien der seit 1607 bestehenden Universität, also Rektor, Professoren und Studentenschaft, zur „öffentlichen Verbrennung zersetzenden Schrifttums“ auf.

Der 8. Mai 1933 in Giessen

Schon am 8. Mai fand in Giessen als einer der ersten Städte dieses abstoßende Spektakel statt. Das Becken der Fontaine vor der damaligen Volkshalle in der Grünberger Straße wurde hierzu missbraucht. Zuvor fand eine „Große nationale Kundgebung der Universität zu Ehren der Reichsregierung und des (hessischen) Staatspräsidenten“ in der Volkshalle statt. Der letztere, ein in der Wolle gefärbter Nazi, hatte selbst in Giessen studiert und war Alter Herr einer Verbindung, seit kurzem auch Ehrensenator der Universität und Ehrenbürger der Stadt. Nach der Verbrennung von ‚zersetzenden Schriften‘ und ‚Schundliteratur‘ unter Militärmusik der SA-Kapelle sowie ‚Sieg-Heil‘-Rufen setzte sich ein Fackelzug zur Ludwigstraße in Bewegung. Hier sprachen die Honoratioren nochmals vom Balkon des mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Vorlesungsgebäudes herab zu der jubelnden Menge. Der Fackelzug marschierte danach, die erste Strophe des Deutschlandliedes singend, weiter zu einem ‚Kommers‘ im Studentenheim, wo man endlich seinen Durst löschen konnte. Über den Verlauf dieses 8. Mai 1933 informierte der nazibegeisterte ‚Giessener Anzeiger‘ ausführlich, ich fand Zitate seiner Artikel im Aufsatz von Thomas Kailer/Christian Schwöbel.

Während ich dies schreibe, wird mir fast übel. Ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen. Sie bewahren das Wissen der Toten, sie analysieren kritisch die Verhältnisse, sie bilden unsere Gefühle durch Lyrik und Roman. Für all das müssen sich die Autoren jedoch frei und angstfrei entfalten können. Glücklicherweise ist der 8. Mai aber auch ein Tag zum Feiern, denn am 8. Mai 1945 kapitulierte Hitler-Deutschland und schuf Platz für eine demokratische Entwicklung, in der Bücher geachtet werden. Weltweit ist es noch immer mit der Presse- und Publikationsfreiheit schlimm bestellt. Gerade hörte ich, dass im EU-Land Ungarn die vorletzte unabhängige Zeitung eingestellt ist. In der Türkei, auch fast vor unserer Nase, sitzen viele Autoren und Journalisten hinter Gittern. An die immense Bedeutung des freien Wortes erinnern Literarisches Zentrum Giessen, Das Gefangene Wort eV und der PEN mit einer Veranstaltung zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai. Denn das Erinnern an die historische Bücherverbrennung von 1933 soll ja sensibel für die Gegenwart machen.

Die Termine:

19. April 2018, 19 Uhr, KiZ, Rückseite Kongresshalle, Südanlage 3a: Lesung durch namhafte Giessener Persönlichkeiten: „Das siebte Kreuz von Anna Seghers, Frankfurt liest ein Buch – Giessen liest mit“, Eintritt frei

3. Mai 2018, 19.30 Uhr,  Aula im Uni-Hauptgebäude, Ludwigstraße 23, Roman Kurtz liest aus einem Buch des Hessischen Literaturrats, Mitveranstaler Gefangenes Wort eV und PEN, Eintritt 5 Euro

8. Mai 2018, 18.30 Uhr Universitätsbibliothek, 1. Stock, Lesung aus Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“ und Vortrag über die historischen Ereignisse von Dr. Eva-Marie Felschow, Leiterin des Universitätsarchivs, Eintritt frei

24. Mai 2018,  19.30 Uhr, Aula im Uni-Haptgebäude, Ludwigstraße 23, Lesung und Diskussion mit dem Büchnerpreisträger Jan Wagner, Eintritt 5 Euro

Ab 16. April bis 11. Mai: Lesung „Das siebte Kreuz“ im Radio hr2-kultur, mo-fr um 9.30 Uhr, Wiederholung um 15 Uhr

2 Gedanken zu „Faschismus“

  1. Korrektur: Die Lesung „Das siebte Kreuz“ in Giessen findet nicht am 19.4., sondern bereits am 18. 4. statt. Es liest Anne-Elise Minetti.

  2. Noch ein Termin in Frankfurt:
    „Lesung gegen das Vergessen: Frankfurt gedenkt der Bücherverbrennung vor 85 Jahren“ am Montag, dem 7. Mai, 20 Uhr im Historischen Museum Sonnemann-Saal, Am Römerberg.
    Es lesen Bodo Kirchhoff, Gerd Koenen, Olga Martynova, Frank Witzel. Es sprechen die Kulturdezernentin Ina Hartwig, der Fotograf Jan Schenk und Alexander Skipis. Es moderiert Alice Engel vom Hess. Rundfunk.
    Eintritt f r e i

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