Ernst Dieffenbach

Forscher und Freiheitskämpfer

von  Jörg-Peter Schmidt

Die geologische Arbeit von Ernst Dieffenbach (1811–1855) wird auch heute noch international geschätzt. Allerdings ist der Mediziner, der sich vor allem bei seiner Reise nach Neuseeland bedeutende wissenschaftliche Verdienste erwarb, in seiner Heimatstadt Gießen eher unbekannt. Das muss so nicht bleiben: Der Oberhessische Geschichtsverein (OHG) hat sich in den vergangenen Monaten erfolgreich darum bemüht, dass das Wirken des Schülers von Justus Liebig auch in Mittelhessen in der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Dazu diente jetzt auf Einladung des OHG der Vortrag des Ethnologen  Peter Mesenhöller (Foto: Jörg-Peter Schmidt) im Netanya-Saal im Alten Schloss in Gießen. Er schilderte das bewegte Leben Dieffenbachs, der sich für gerechtere politische Verhältnisse in Deutschland einsetzte und deshalb (wie Georg Büchner) unter anderem nach Straßburg und Zürich fliehen musste.

Politisch unbequem

„Viele Jahre seines Lebens war der Naturforscher wegen seines politischen Engagements behördlichen und polizeilichen Verfolgungen ausgesetzt“, berichtete der Referent, der in leitender Funktion am Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln tätig ist und seit einigen Jahren den Nachlass Dieffenbachs bearbeitet und verwaltet. Erst kürzlich konnte er seiner Sammlung 40 bisher unbekannte Briefe des Wissenschaftlers hinzufügen, der am 27. Januar 1811 in Gießen als Sohn von Ludwig Adam Dieffenbach (Professor der Theologie) und von Christiane Louise Henriette Hoffmann geboren wurde. Schon als junger Mann galt der Medizinstudent  als politisch unbequem, war unter anderem dem berüchtigten Gießener Richter Conrad Georgi ein Dorn im Auge. Als Burschenschafter war Dieffenbach auch an den Vorbereitungen zum Frankfurter „Wachensturm“ beteiligt gewesen,  bei dem am 3. April 1833 etwa 100 Demonstranten (vorwiegend Studenten) erfolglos versuchten, die Frankfurter Polizeiwachen zu stürmen und mit Waffengewalt einige Fürsten-Abgesandte, die ganz in der Nähe des Schauplatzes tagten, gefangen zu nehmen.

Zeitgenössischer Holzschnitt, der den Frankfurter Wachensturm darstellt. (Quelle: Wikipedia)

Nun war Dieffenbach erst recht verfolgt, wurde von der Gießener Universität ausgeschlossen, floh erst nach Straßburg, dann nach Zürich, erlangte dort zwar den Doktortitel in Medizin, wurde aber 1836 aus der Schweiz ausgewiesen, weil er dem Geheimbund „Junges Deutschland“ angehörte und weil er eine wirkliche Dummheit beging: Er war Sekundant bei einem Duell. Und solche privaten Auseinandersetzungen mit Waffen waren in der Schweiz verboten.

Die Erforschung Neuseelands

„Nun begann ein entscheidender Wendepunkt im Leben des Arztes“, unterstrich Peter Mesenhöller, der einige Mal Neuseeland auf den Spuren Dieffenbachs besuchte. Er schilderte das weitere Schicksal des Mediziners, der nach London flüchten musste. Er hatte dort zwar als Journalist und Mediziner berufliche Beschäftigungen, aber kaum Geld zu leben  (zu diesem Zeitpunkt hatte er auch noch keine Familie gegründet). Allerdings wurde aufgrund seiner hervorragenden wissenschaftlichen Publikationen die Royal Geographical Society auf ihn aufmerksam: Er erhielt die große Chance, zur Mannschaft des Schiffes „Tory“ zu stoßen, das  1839 zur Erforschung Neuseelands von der New Zealand Company ausgesandt wurde, um die Besiedlung von Europäern in dem Land im  südlichen Pazifik zu prüfen und vorzubereiten. Kapitän war Edward Main Chaffers, der bereits Captain auf der „Beagle“ war (in diesem Schiff war die Weltumseglung Darwins 1831 bis 1836 erfolgt).

Momentwiedergabe von Louis Haghe nach Joseph Jenner Merrett. Ernst Dieffenbach ist links zu sehen. Merrett begleitete Dieffenbach auf seiner Reise nach Neuseeland. Die Szene spielte sich 1841 in den Maroi-Dorf namens Raroera ab: Der Leiter des Stammes (Mitte) beschuldigte seine Tochter eines Vergehens.

Jetzt begann für Ernst Dieffenbach als Forscher die schönste Zeit seines Lebens: Er sammelte und dokumentierte die Pflanzen- und Tierwelt Neuseelands: Sein Fundus fand später einen festen Platz in renommierten Londoner Museen  und botanischen Gärten. Er knüpfte Kontakt mit den Maori. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Region Taranaki im Westen der Nordinsel Nordseelands. Dort befindet sich ein von James Cook auf den Namen Egmont „getaufter“ rund 2520 Meter hohe Vulkan, auf den der Gießener bei seiner Expedition immer wieder fasziniert schaute. Und tatsächlich wagte er vom 3. Dezember 1839 das Unmögliche. Zusammen mit dem Walfänger James Heberley begann er den viertägigen Aufstieg zur Spitze des wahrscheinlich bis dahin von niemandem bezwungenen Bergs. Ein Maori begleitete die beiden mutigen Männer nicht bis zum Ende ihrer  Bergbesteigung, die – ohne besondere Ausrüstung – eine unglaubliche Strapaze im Kampf mit Dornen und dem schlammigem Bogen aufgrund von Starkregen durchlitten. Aber die beiden erreichten ihr Ziel und schrieben als wahrscheinliche Erstbesteiger dieses bis dahin unerforschten Vulkans Geschichte.

Die Gruppe mit dem Gießener Forscher auf der Nordinsel (lavierte Federzeichnung von Joseph Jenner Merrett). Copyright: Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

Zurück in England verwertete Dieffenbach seine wissenschaftlichen Erkenntnisse durch das Verfassen von  Artikeln und Büchern, die von der Fachwelt sehr gut beurteilt wurden. Er kritisierte übrigens, dass Kolonisten den Einwohnern Neuseelands nicht mit Respekt, sondern mit Gewalt  begegneten. Wie aus einer Veröffentlichung Ulrike Kirchbergers hervorgeht, warnte er auch davor, dass die Siedler in dem Land der zahlreichen Inseln Krankheiten wie Typhus einschleppen könnten. Diese Appelle an die Vernunft waren leider vergeblich.
Schließlich kehrte der Arzt und Geologe zurück nach Gießen, diesmal mit glücklichem Ausgang, auch wenn er nicht alle Träume erfüllen konnte. Der Publizist fand Anerkennung in höchsten wissenschaftlichen Kreisen, auch von Justus Liebig, Alexander von Humboldt und Charles Darwin, dessen „Jounal of Researches“ von Dieffenbach ins Deutsche übersetzt wurde. Beruflich und privat erlebte der Oberhesse jetzt spätes Glück: Er erhielt an der Universität Gießen die außerordentliche Professur für Geologie; er heiratete und gründete eine Familie mit zwei Töchtern.1855 erlag er jedoch dem Typhus. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in seiner Heimatstadt. Wie der „Landbote“ berichtet hatte, wurde auf diesem Grab 2016 auch auf Initiative von Peter Messenhöller und weiterer Beteiligter ein neuer Grabstein gesetzt.

Blick auf den rund 2520 Meter hohen Taranaki- bzw. Egmont-Vulkan, den Ernst Dieffenbach und James Heberley bezwangen. (lavierte Federzeichnung von Joseph Jenner Merrett). Copyright: Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

Am Ende des fesselnden Referats waren sich die rund 40 Zuhörer einig, dass der bedeutende Wissenschaftler zu Unrecht in Gießen wenig bekannt ist.  Der Oberhessische Geschichtsverein lässt aber nicht locker: Wie Dagmar Klein vom OHG ankündigte, wird es am 11. und 12. Juni 2018 Vorträge und Lesungen mit Thom Conroy geben, der einen historischen Dieffenbach-Roman geschrieben hat. Termine sind am 11. Juni  2018 im Geographischen Institut in Gießen (18 Uhr, Veranstalter: Geographische Gesellschaft) und am 12. Juni 2018 ebenfalls  in Gießen (19 Uhr, Veranstalter: Literarisches Zentrum; Institut für Anglistik; der Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben).

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