Die 70er

Sie sind angerichtet

Von Bruno Rieb

Die Diskotheken hatten Hochkonjunktur, sogar in entlegenen Vogelsbergdörfchen, Autos waren erschwinglich, Benzin billig und Trips zur Lieblingsdisko waren genauso möglich wie ausgedehnte Urlaubsfahrten. Die Röcke der Mädchen wurden immer kürzer und die Jungs mussten zur Bundeswehr. Im Buch „Reinkommen, Essen ist fertig!“ erinnern sich 73 (!) Autoren, was sie als Jugendliche in den 70er Jahren in Oberhessen erlebt haben. Auf satten 284 Seiten wird ein appetitliches Menü serviert.

Hippie-Look und Wehrdienstverweigerung

Vorwiegend in den 1950 Jahren Geborene erinnern sich an ihre Jugend, erzählen von Kneipen wie dem Lascaux in Friedberg („Man verharrte den Rest des Abends in einem Mikrokosmos, in den die Außenwelt nur ab und zu eintauchte.“), von Reisen („Italien war eine Wucht.“ „Wett-Trampen nach Paris.“) und Mini-Röcken („Ich hatte sieben Abende zu Hause gesessen und alle Röcke und Kleider gekürzt, so, dass sie nur noch 29 Zentimeter lang waren.“).

Das Feuer, das in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre durch die weltweite Jugendrevolte entfacht worden war, loderte in den 70ern kräftig weiter, auch in Oberhessen. „Der Hippie-Look war bunt und fantasievoll. Miniröcke, Schlapphüte, große Sonnenbrillen und bunte Ketten, Armreifen und viele Ringe. Zu Hause gab es manche Auseinandersetzung über die Unmöglichkeit meiner Klamotten, die nicht ausschließlich der Freizeit vorbehalten waren“, schreibt Uschi Jonson aus Reichelsheim, Jahrgang 1953. Co-Autor Eckhard Ried aus Glauburg, Jahrgang 1951, erging es ähnlich: „Die Sache mit den langen Haaren – ich hatte sie mir bis tief in den Rücken wachsen lassen – hatte ich mit meinem Vater schon abgeklärt. Er stand mir gegenüber, drohte, wenn ich nicht zum Frisör ginge, würde er mir eine Backpfeife verpassen. Ich widersprach, wehrte seine Hand ab und trat ihm wohl auch ein wenig gegen das Schienbein.“

Birth Control

Junge Männer wollten sich dem Würgegriff der Bundeswehr entziehen. Den späteren Wetterauer Heimatmusiker Martin Schnur (Jahrgang 1948) hat sie trotz Wehrdienstverweigerung erwischt. „Mit der Einberufung kam eine bunte Broschüre, betitelt: Gebrauchsanweisung für die Bundeswehr. In diesem Heft standen viele Dinge, von denen ich mir einige sofort einprägte. Das Bemerkenswerteste war der Satz: ‚Jeder Soldat hat die Pflicht, sich Einsicht in die Notwendigkeit seiner Tätigkeit zu verschaffen.‘ Dies empfand ich einerseits als Zumutung, andererseits als Chance. Ich brauchte diese Zeile nur ein einziges Mal zu lesen, um sie in ihrer Absurdität nie mehr zu vergessen“, schreibt er.

Wie in den 60ern spielte auch für die aufbegehrende Jugend der 70er Jahre die Musik eine wichtige Rolle. Diskotheken blühten auf. Die Geschichte der „Hazienda“ in Engelrod, eine Art Ballermann des Vogelsbergs, wird ausgiebig von Irmi Roth aus Lautertal (Jahrgang 1955) beschrieben. Sie listet die Topstars auf, die hier gastierten: „Marianne Rosenberg, Howard Carpendale, Jürgen Drews, Frank Zander, Costa Cordalis, Dennie Christian, Martin + Thorsten, die Puhdys (damals noch DDR), Rodgau Monotones, Saragossa Band, Boney M., Eruption, Soulful Dynamiks, Ebony, Mooskirchner, Hias, Flippers, Toni Marshal, Luisa Fernandez.“

Ein ganz anderes Kaliber war das „Oldy“ in Bermuthshain. „Damals waren auf dem Land noch ‚Tanz-Café‘ oder ‚Bonanza-Diskothek‘ üblich. Die waren für uns eher langweilig, weil dort überwiegend Schlager gespielt wurden, was auf uns wie kalte Duschen wirkte“, schreibt „Oldy“-Gründer Karl-Joachim Schmelz aus Bad Vilbel (Jahrgang 1948). Das „Oldy“ wurde „ein in ganz Hessen bekannter ‚Knüller‘ für hippiemäßig (also vor allem friedlich) orientierte junge Leute, die laut ‚progressive Musik‘ hören und frei tanzen wollten“, schreibt er.

Die Krautrockband Birth Control taucht mehrfach in den 73 Geschichten auf. Die Musiker aus Berlin hatten sich mitsamt ihren Roadies in der alten Dampfmolkerei im Vogelsbergdörfchen Burkhards niedergelassen. „Die Dorfbewohner schauten zu Beginn natürlich sehr skeptisch, als die Langhaarigen in Burkhards in die Molkerei einzogen. Bald war das kein großes Thema mehr. Wir luden sie zu uns ein und lernten uns gegenseitig kennen. Beim Dorfwirt durften wir dann sogar anschreiben, falls notwendig, oder er hat nach der Molkerei geschaut, wenn wir zu Gigs unterwegs waren“, erinnert sich Lothar Otto, Jahrgang 1949 aus Lauterbach, der bis 1975 Tontechniker bei Birth Control war.

Vom Rock zur Politik

Einige der Autoren entdeckten in dieser Zeit die Politik. „Es war für mich auch die Zeit des politischen Aufbruchs. Mit anderen aus Friedberg beteiligte ich mich an der Demonstration gegen die Fahrpreiserhöhung des FVV auf der Frankfurter Zeil. Wir waren der Meinung, den Pendlern, die nach Frankfurt zur Arbeit fuhren, müsse der Fahrpreis erstattet werden“, blickt der spätere Grünen-Politiker Carl Cellarius aus Friedberg (Jahrgang 1952) zurück. Florstadts heutiger Bürgermeister Herbert Unger (Jahrgang 1958), spielte in Rockbands und eiferte dem irischen Bluesrocker Rory Gallagher nach, fing aber auch an, sich für Politik zu interessieren, landete bei den Jusos und versteht sich heute als ein „aufgeklärter, toleranter und aufrichtiger Sozialdemokrat“.

Corinna Willführ in den 70ern

Landbote-Autorin Corinna Willführ erinnert sich in dem Buch an ihre Ausbildung in der Krankenpflegehilfe an der Wilhelm-Harvey-Klinik in Bad Nauheim, wo sie mit Abitur einen „gymnasialen Klugscheißer-Vorsprung“ hatte. Beim Abschlussfest auf der großen Terrasse des Cafés unterhalb der Münzenburg, „das es längst nicht mehr gibt“, tanzte sie zusammen mit den anderen „frisch geprüften Krankenpflegehelferinnen“, den mit Oberschwester Elfriede Schittek eingeübten Square-Dance.

Zu den vielen Autoren des lesenswerten Werkes gehören auch die beiden Chefs des oberhessischen Energieversorgers Ovag Joachim Arnold und Rainer Schwarz. Der aus Wölfersheim stammende Arnold (Jahrgang 1959) erzähl von jener Nacht im Spätherbst 1974, als er in den frühen Morgenstunden den legendären Boxkampf um die Weltmeisterschaft zwischen George Foreman und Muhammad Ali, wie sich der einstige Weltmeister Cassius Clay nun nannte, im Fernsehen anschaute. Ali gewann den Kampf spektakulär. Arnold: „Diese bei diesem Fight an den Tag gelegte außergewöhnliche taktisch kämpferische Intelligenz von Ali beschäftigte mich über Jahre, erinnert mich an das biblische Gleichnis von David und Goliath und prägt mich noch heute.“ Sein Vorstandskollege Schwarz aus Langgöns (Jahrgang 1951) erinnert sich an einen ganz anderen Kampf: den mit einem VW Käfer 1300 mit 34 PS auf einer Griechenlandreise mit seiner Freundin: der Anlasser war defekt, der Käfer musste ständig angeschoben werden.

Die Ovag handelt eigentlich mit Strom und Wasser. Gelegentlich gibt sie auch Bücher heraus: „Des is‘ kei Fräulein, des is‘ e aalt‘ Hex“ mit Erinnerungen an die 1950er und „Mach des Gekreisch aus!“ mit Erinnerungen an die 1960er Jahre zum Beispiel. Warum die Stromhändler manchmal auch Verleger werden, erklären Arnold und Schwarz in ihrem Vorwort zum jüngsten Werk so: die Ovag publiziere nicht beliebig Bücher, es seien vielmehr solche, „die etwas mit dem Unternehmen oder der Region zu tun haben, in der es verwurzelt ist.“

„Reinkommen, Essen ist fertig! – Erinnerungen an Kindheit und Jugend in den 70er Jahren“, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 284 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 18 Euro, ISBN 978-3-9817579-2-7.

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