Deutschland arbeitet

Wie ein Flüchtling seine Gastgeber sieht

fidaa5Von Fidaa Dahoud

Arbeit, Arbeit. Arbeit. Sie prägt das Selbstverständnis der Deutschen und wird überall sichtbar – sogar an Orten, die der Freizeit dienen. Deutsche wollen die besten Produkte und Dienstleistungen binnen kürzester Zeit liefern und planen das auch schon mal für die Zukunft. Aber macht das die Deutschen wirklich glücklich?

So sind die Deutschen

Mein Eindruck aus den Monaten, die ich schon hier sein darf, ist: Ihr Drang zur Perfektion raubt den Deutschen die Lebensfreude. Ein Beispiel: Im Sommer arbeiten sie hart in ihren Gärten. Wenn das Gras nur einen Zentimeter gewachsen ist, werfen sie den Rasenmäher an. Und wenn ein Zweig ein wenig die gewünschte Form eines Baumes stört, zwicken sie ihn möglichst schnell ab. Selbst die Natur muss sich ihren Vorstellungen fügen.

Auf der anderen Seite kann ich nicht verleugnen, dass das sozialökonomische System den meisten Menschen Sicherheit gibt. Es wirkt so gut, dass viele Deutsche das althergebrachte und in andern Ländern noch übliche Sozialsystem für Zeitverschwendung halten. Nämlich miteinander zu reden und sich gegenseitig zu besuchen und Beziehungen zu pflegen. Das deutsche Sozialsystem, das die Würde aller garantiert, und ihr Drang zur Arbeit und Perfektion sind die Grundpfeiler des deutschen Wohlstandes und der stabilen Gesellschaft. Es gibt eine systematische Solidarität: Wenn ernsthafte Krisen auftreten, helfen sich alle gegenseitig. Anhaltend und auch da, wo es schwierig wird. Deshalb finde ich die deutsche Gesellschaft fantastisch.

Deutsche-Fest
„Deutsche brauchen Anlässe, um sich zu treffen.“                                              (Fotos: Michael Schlag)

Viele Einwanderer aus „warmen“ Ländern wie Griechenland, der Türkei und dem Nahen Osten sehen es anderes. „Kalt ist diese Gesellschaft“, sagte mir einer. Die Deutschen kommunizierten nicht miteinander. Sie besuchen sich nicht gegenseitig, und sie haben keine Zeit. Wenn Mann und Frau verschiedene Ansichten haben, gehen sie einfach auseinander.

Deutsche  sprechen nur selten über ihre persönlichen Probleme

Ich sehe es anders. Das entspannte Zusammentreffen draußen auf der Gasse ist in einem kühleren Land nun einmal nicht üblich. Na und? Ich habe gelernt, dass die Deutschen in ihrer Freizeit gerne lesen und Sport treiben. Sie lernen auch gern: Kochen, eine neue Sprache, Musizieren, Tanzen. Einladungen zu Geburtstagsfeiern sollte man nie ausschlagen. Die Deutschen halten solche Anlässe für die beste Gelegenheit, Nahestehende zu treffen und gemeinsame Erinnerungen zu festigen. Araber, Türken oder auch Russen treffen sich lieber daheim und laden sich gegenseitig zum Essen ein. Auch der Inhalt der Gespräche unterscheidet sich: Deutsche sprechen nur selten vor anderen über ihre persönlichen Probleme. Lieber über ihre Reisen, über ihre Katzen und Hunde. Oder sie reden über Politik, über aktuelle Bücher, Filme oder Festivals.

"Ich habe gelernt, dass die Deutschen gerne lesen und Sport treiben."
„Ich habe gelernt, dass die Deutschen in ihrer Freizeit gerne lesen und Sport treiben.“

Die Nazi-Zeit ist vorbei

Wir Ausländer haben auch noch das Deutschen-Bild im Kopf, das uns im Schulunterricht beigebracht wurde: Deutsche sind Nazis, die sich selbst für einzigartig halten und nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollen. Aber Deutschland ist heute ganz anders. Der Nationalsozialismus ist seit 70 Jahren vorbei. Warum also zahlen die heute lebenden Deutschen noch immer international den Preis für Untaten, die sie selbst nicht begangen haben? Hitler ist Geschichte, und alle unsere Völker haben Unheil angerichtet und Kriege angezettelt. Deutschland ist jetzt ein demokratisches Land. Es gibt Einwanderern eine Perspektive, die unter den Kriegen in ihren Heimatländern leiden. Wir können in Deutschland sicher und würdig leben. Für mich ist es eine Ehre, in Deutschland zu leben. In meiner zweiten Heimat.

FidaaFidaa Dahoud stammt aus Tartus in Syrien, einer Hafenstadt am Mittelmeer. Vor ihrer Flucht aus dem Bürgerkrieg studierte sie Journalismus. Jetzt lebt sie als Asylbewerberin bei Darmstadt.

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