Demokratie leben

Jugendliche gegen Rassismus im Alltag

Von Corinna Willführ

Lucia hat einen Freund aus Pakistan. Immer wieder gibt es Kontroversen mit ihrer Familie. Sie will die Beziehung nicht. Lars gerät zunehmend häufiger in Streit mit Bekannten, die rechte Parolen von sich geben. Said, vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen, sieht sich mit Vorurteilen gegenüber Asylbewerbern konfrontiert. Was die Drei verbindet: Sie sind zum Seminar „Rassismus im Alltag – Was tun?“ ins Jugendzentrum Junity nach Friedberg gekommen. Um über ihre Erfahrungen, Sorgen und Ängste zu sprechen. Das können junge Menschen auch beim nächsten Workshop im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben – Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ im Wetteraukreis am Samstag, 17. März, im Jugendkulturbahnhof Ortenberg/Bleichenbach.

Wie leistet man Widerstand?

Zuhause, am Arbeitsplatz, im Unterricht, in der Öffentlichkeit: Die 20 Jugendlichen, die zum ganztägigen Seminar „Rassismus im Alltag – Was tun?“ in das Jugendzentrum Junity nach Friedberg gekommen sind, berichten von Begegnungen und Erfahrungen, die sie sehr betroffen haben. Von rassistischen Äußerungen, faschistischen Parolen und persönlichen Beleidigungen, denen gegenüber sie sich verunsichert, hilflos, ohnmächtig fühlten. Wie aber reagiert man, wenn der jüngere Bruder Propagandamaterial mit rechtsextremem Gedankengut nachhause bringt? Was hält man der Oma entgegen, die für ihre niedrige Rente Flüchtlinge verantwortlich macht? Was sagt man zum Vater, der Busfahrer ist und jeden Asylbewerber für einen Schwarzfahrer hält? Zieht man sich zurück? Wird man wütend? Sucht man Verbündete unter Freunden? Bittet man um professionelle Hilfe? Wie leistet man Widerstand?

Die 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 24 Jahren im Seminar der „StammtischkämpferInnen“ erwarteten von den beiden Referentinnen vom Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus Rhein/Main“ vor allem Verständnis, Unterstützung und Orientierungshilfe. Und diese von den Teilnehmern: „Respekt vor- und untereinander“. Da die Veranstaltung im „geschützten Rahmen“ stattfand, hat die Redaktion die Namen der Jugendlichen geändert. Rat- und Hilflosigkeit bestimmten ihre Äußerungen. Ohnmachtsgefühle, aber auch „Wut im Bauch“ gegenüber „dummen, fremdenfeindlichen, nationalistischen Parolen“ – und einem Rechtsruck der Gesellschaft, der ihnen Sorge bereitet, sie ängstigt.

(Foto: Willführ)

„Sie müssen wissen, dass es Gegenwehr gibt“

Karsten plädierte dafür, „Ressentiments und Klischees“ von Rechtspopulisten durch Argumente zu entkräften. Maren riet, „sich Gleichgesinnte und Verbündete zu suchen“, um sich gemeinsam gegen sexistische, rassistische oder antisemitische Äußerungen wenden zu können. Allein: Mit Parteifunktionären der AfD oder der NPD zu argumentieren sei eher sinnlos, war die Seminar-Mehrheit überzeugt. „Deren menschenverachtendes Weltbild hat sich schon verfestigt.“ Dennoch: „Sie müssen wissen, dass dieses nicht einfach akzeptiert wird, sondern, dass es Gegenwehr gibt.“ Die Bezeichnung „Nazi“ zur Diffamierung rechten Gedankenguts oder Verhaltens sei – weil zu oft und nicht differenziert gebraucht – eher kontraproduktiv, wenn es darum ginge, Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Ansichten menschenverachtend sind. Teamerin Sandra: „Dabei steht die Äußerung im Fokus. Ob das, was gesagt wurde, rassistisch oder sexistisch war.“ Trifft dies zu, sollte sich der Protest gegen die Äußerung richten, ohne zugleich die Person zu „verunglimpfen“. Gerade in der Familie oder im Freundeskreis fielen Sätze von Menschen, die man schätze, deren Einschätzung man aber nicht nachvollziehen könne. Wie auch das Beispiel der Oma, die für ihre geringe Rente Geflüchtete verantwortlich macht. Die Enkelin mag die Oma. Was sie in diesem Moment sagt: Nicht.

Kein Patentrezept

Ein Patentrezept, wie „Rassismus im Alltag“ zu begegnen ist, hat die Gruppe nicht bekommen. Weil es dieses nicht gibt. „Das Seminar hat geholfen, darüber zu reflektieren, warum sich Menschen überhaupt rassistisch verhalten oder sich sexistisch oder fremdenfeindlich äußern“, resümiert Lars. Dass es keine Verhaltens-Leitlinien für Reaktionen gibt, sondern stets die Situation berücksichtigt werden sollte. „Auf jeden Fall sind wir darin bestärkt worden, zu zeigen, dass wir gegen Rassismus im Alltag sind und bereit, denen, die diesen vertreten, Widerstand entgegenzusetzen.“

Die nächste Veranstaltung „Rassismus im Alltag – Was tun?“ ist am Samstag, 17. März 2018, von 10 bis 16 Uhr im Jugendkulturbahnhof Ortenberg. Sie wird vom Bundesfamilien-Ministerium im Rahmen des Programms „Demokratie leben“ in Kooperation mit dem Wetteraukreis gefördert.

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