Das Buch zur Messe

Auflagenkönig

Es war ein überaus nützliches Werk und wurde millionen- abermillionenfach gedruckt. Für Journalisten war das vor 137 Jahren erstmals aufgelegte Buch unverzichtbares Handwerkszeug. Und es hatte durchaus spannende Elemente. Nun hat ihm das digitale Schicksal geschlagen. Es geht um das

Telefonbuch

Wie oft habe ich in dem voluminösen Werk geblättert, um Telefonnummern für die Recherche zu finden. Bis die weitaus praktischere digitale Ausgabe das gedruckte Werk verdrängte. Das bekam dann einen ganz anderen praktischen Zweck: Es landete unter dem Bildschirm meines Computers, um ihn auf ergonomische Höhe zu bringen.

Das erste Telefonbuch, herausgegeben 1881.

Es bisschen trauere ich der gedruckten Ausgabe nach. Sie war manchmal spannend wie ein Krimi und aufwühlend wie „Mensch ärgere Dich nicht“. Ich erinnere mich an einen Justizkrimi. Im Telefonbuch 1998/1999 für den Bereich Hanau, Friedberg Hessen war er begonnen worden. Unter Büdingen stand dort hinter Amtsgericht der mysteriöse Hinweis „s. Justizbehörden“. „s.“ bedeutet siehe, wusste ich als Telefonbuchfan. Ich kämpfe mich durch die dünnen Seiten. „J“! Die Spannung steigt. Junghahn, Juritz. K & M Innenausbau. Nanu? Verflixt! Keine „Justizbehörden“ weit und breit. Keine Auflösung des kniffligen Falls. Sehnsüchtig wartete ich auf die Fortsetzung. Dann war sie da, großformatig, Dünndruckpapier, 880 Seiten, das Telefonbuch 1999/2000 für Hanau, Friedberg Hessen. Fieberhaft ging ich ans Werk. Büdingen aufgeschlagen. Der Finger flog unter A die Zeilen hinab. Da! „Amtsgericht“. Dahinter das bekannte „s. Justizbehörden“. Weiter, weiter. Die dünnen Seiten zerreißen fast beim hektischen Blättern. J. Junghahn, Juriz. Da, hurrah! „Justizbehörden“ Huch? Das darf doch nicht wahr sein! „s. Gerichte“. Zurück, zurück. H, G. Gerner, unzählige Gerlachs, und – juchhei! – „Gerichte“. Darunter: „Amtsgericht Stiegelwiese 1“ und – trara – des Rätsels Lösung: „982-0“. Puuuuuh, war das spannend.

Beamtenmentalität und Kreativität

Welche Dramaturgie! Und welche Fantasie gehörte dazu, nicht gleich unter A hinter „Amtsgericht“ die vier Ziffern zu setzen, sondern „s. Justizbehörden“, und den Leser dann kreuz und quer durch die 880 Seiten zu hetzen.

Oder war es Beamtenmentalität, die da noch durchs Telefonverzeichnis wehte? 1881 hatte das Buch als „Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Beteiligten“ in Berlin das Licht der Welt erblickt. Ab den 1970er Jahren war es als Amtliches Fernsprechbuch massenhaft verbreitet. Der Eintrag in dieses Telefonverzeichnis war Pflicht, es sei denn, man war so prominent, dass man seine Nummer verheimlichen durfte.

Findige Geister hatten damals schon herausgefunden, dass die Schwarten auch anderen nützlichen Zwecken als der Nummernsuche dienen konnten. Als Säule für Blumentöpfe beispielsweise. Wurde jede Seite geknickt und nach innen umgeschlagen, entstand eine stabile Konstruktion, die auch schwere Töpfe sicher tragen konnte.

Der bekannte Meeresforscher Hans Haas markiert den starken. (Foto: Hans-Hass-Archiv/Wikipedia)

Telefonbuchzerreißen wurde zur beliebten Demonstration vermeintlicher Stärke. Es schien unmöglich, das dicke Werk mit bloßen Händen zu zerstückeln. Mit diesem Trick funktionierte es: Wer einen Fingernagel messerscharf geschliffen hatte und mit diesem die Blätter so lange ritzte, bis sie ihren Widerstand aufgaben, der konnte den Bärenstarken mimen.

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