Braunkohlebergbau

Alte Fotos werden digitalisiert

Von Klaus Nissen

Im Energiemuseum von Wölfersheim im Wetteraukreis bereitet Yvonne Günter alte Bergbau-Fotos für die Nachwelt auf. Um das Energiemuseum kümmert sich eine Truppe älterer Herren, die den Untertage-Braunkohlenbergbau noch selbst erlebt haben.

Braunkohlebergbau

Jeden Mittwochmorgen um zehn haben Yvonne Günther und Helmut Rieß eine Verabredung. Die junge Frau aus Södel und der Rentner aus Wölfersheim treffen sich in einem Zimmer des ehemaligen Ovag-Schalthauses an der Seestraße im hessischen Wölfersheim – neben dem  Verkehrskreisel mit der Bergmann-Skulptur am Bahnhof.  Yvonne Günther klappt den Laptop auf, schließt den Scanner an und lädt alte Schwarzweiß-Fotos in ihren Computer. Helmut Rieß setzut sich neben sie und erklärt, was auf den Fotos zu sehen ist.

Yvonne Günther scannt in diesen Monaten mehr als 10 000 Bergbau- und Kraftwerksfotos. Helmut Rieß sorgt für die richtigen Beschriftungen. Der 79-Jährige ist auf dem Foto oben mit der Schippe als Bergbau-Lehrling in den späten Fünfzigerjahren unter Tage fotografiert worden. Fotos: Nissen

Nur der 79-Jährige und ein halbes Dutzend anderer Senioren kennen noch jedes Detail aus den Bergwerken und den riesigen Anlagen des Wölfersheimer Braunkohle-Kraftwerks. 1991 erlosch das Feuer unter den Schornsteinen. Die Anlagen wurden abgebrochen. Die zeitweise bis zu 1600 Köpfe starke Belegschaft ging in Rente, in Altersteilzeit oder wanderte zum Kraftwerk Staudinger bei Großkrotzenburg ab. Der Strom wird an gleicher Stelle neben dem Wölfersheimer See heute viel umweltfreundlicher durch eine große Photovoltaik-Anlage erzeugt. Sie gehört der Ovag und der Gemeinde und produziert jährlich rund 4,9 Millionen Kilowattstunden – genug Energie für 1500 Haushalte.

Wie es früher war, erfährt man im Energiemuseum am Kreisverkehr. Und eines Tages auch im Internet – sobald Yvonne Günther mehr als 10 000 Fotos digitalisiert und beschriftet hat. Eine fünfstellige Summe lässt sich die Gemeinde diese Geschichts-Dokumentation kosten, sagt Pressesprecher Sebastian Göbel. Der IT-Spezialist Thomas Hirzer aus Wölfersheim hat eine passende Software entwickelt. Bürgermeister Rouven Kötter schrieb kurz vor seinem Wechsel in den Vorstand des Regionalverbandes: „Der Bergbau hat die Landschaft der mittleren Wetterau geprägt und bot über Jahrzehnte vielen Menschen Lohn und Brot. Ich finde es wichtig, dass wir die Erinnerung an diese stolze Zeit und damit auch ein großes Stück unserer lokalen Geschichte bewahren.“

Viele der alten Bilder machte  Helmut Rieß einst selbst. Als junger Mann schwärmte er fürs Fotografieren. Und als der Bergmanns-Lehrling in den späten 1950er-Jahren seine Kamera mit in die Stollen nahm, hielt er alle Facetten des Bergmann-Alltags fest. „Das brachte mir Ärger mit meinen Eltern ein“, erinnert sich Rieß. Denn unter Tage brauchte er Licht – und ein Blitzwürfel kostete fünfzig Pfennig. Also einen halben Stundenlohn. Ein ganzes Vermögen steckt in diesen Fotos.

Am 24. Dezember versammelte man sich sogar unter Tage um den Weihnachtsbaum. Der Schichtplan kannte kein Erbarmen. Nach den Weihnachtsliedern ploppten aber zahlreiche Bierflaschen auf, verraten andere Fotos aus jener Zeit.

Anfang 1962 gab der PreußenElektra-Konzern den Untertage-Bergbau auf und ging zum Tagebau über, der eine bessere Kohle-Ausbeute sicherte. Helmut Rieß studierte da bereits  Bergbau-Ingenieurswesen und musste sich nach dem Abschluss eine neue Stelle suchen. Denn beim Tagebau wurden viel weniger Ingenieure gebraucht. Mehr als vier Jahrzehnte verdiente er sein Geld in den nahen Basalt-Steinbrüchen der Firma Nickel. Dem Verein zur Pflege der Bergbau- und Kraftwerkstradition blieb er verbunden. Doch der hat mit den Jahren immer weniger Mitglieder und mittlerweile auch keinen Vorstand mehr. Das Museum über der Feuerwache gehört jetzt der Gemeinde. Und die letzten Bergleute kümmern sich um das industrielle Gedächtnis der Gemeinde.

Jeden Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr öffnen sie das Energiemuseum und erklären dessen Schätze: Den mächtigen Nachbau eines alten Hauptstrollens mit originaler Holzverschalung und der „Frühstücksbude“ der Bergleute. Einzelbesucher und Gruppen können sich auch das selbstgebaute Kraftwerksmodell erklären lassen, eine Grubenlampen-Sammlung, fossile Muscheln und Elefantenzähne aus der einst sumpfigen Horloff-Senke  und die Uniformsammlung der Bergleute bewundern. Sonderführungen mit Zeitzeugen kann man bei der Gemeindeverwaltung unter der Rufnummer 06036/973762 vereinbaren.

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