Bad Nauheim

Das Thermalbad-Desaster

Von Bruno Rieb

Ist Bad Nauheim ohne Thermalbad wie Paris ohne Eifelturm, Köln ohne Dom oder Lich ohne Brauerei? Der Bad Nauheimer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Walter Simon hält eine Therme für entbehrlich. „Kuren und damit Heilbäder sind out“, schreibt er im Vorwort zu seinem neuen Buch „Das Bad Nauheim Desaster“. Auf 200 Seiten zeichnet er minutiös den windungs- und wendungsreichen Streit ums Thermalbad nach, bei dem sich die widerstreitenden immer wieder neutralisierten.

Unendlicher Diskussionsprozess

Walter Simon

Seit über zehn Jahren wird in der Kurstadt über die Zukunft der Therme gerungen. Seit Ende 2015 ist das alte Thermalbad geschlossen. Seit über einem Jahr sitzen die Kurgäste auf dem Trockenen. Sanierung der alten oder Bau einer neuen Therme, Neubau unter- oder oberirdisch, das Badehaus 2 des denkmalgeschützten Sprudelhofs in den Neubau einbeziehen oder nicht – die Varianten, um die gestritten wurde und wird sind vielfältig. Ende 2016 votierte das Stadtparlament grundsätzlich für einen Neubau. Wie der aussehen soll, ist noch offen.

Walter Simon hält sich raus aus dem Streit um diese oder jene Variante. Es gehe ihm „nur um den seit 2006 laufenden und bis heute nicht abgeschlossenen Diskussionsprozess“, schreibt er. Unparteiisch ist er nicht. Er ist auch Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Grundsteuererhöhung. Die befürchtet, dass ein teurer Thermalbad-Neubau die nächste Steuererhöhung programmiere. „Kuren und damit Heilbäder sind out“, schreibt der Professor für Betriebswirtschaftslehre im Vorwort seines Buches und fährt fort: „Mitte der neunziger Jahre wurden noch 900.000 Vorsorgeleistungen abgerechnet, 2015 waren es nur noch 46.000. Die Kurstadt hat sich freiwillig in die teuer werdende Gefangenschaft des Begriffs ‚Gesundheitsstadt‘ begeben. Auch der Thermenboom ist längst vorbei. Der Besuch einer Therme ist nichts Besonderes und Neues mehr. Überall sind die Gästezahlen rückläufig, während öffentliche Zuschüsse und Insolvenzen zunehmen. Wie ein Bumerang wirkt der Thermenboom der 1980er Jahre jetzt auf die Kosten zurück. Entweder man baut Megathermen, überdimensionierte Wellnesstempel, Erlebnisbäder für die ganze Familie oder man setzt auf asiatisches, arabisches oder exotisches Flair, um im Wettbewerb bestehen zu können. Damit nimmt nicht nur der Verdrängungswettbewerb zu, es droht auch ein Investitionswettbewerb, den sich Bad Nauheim nie und nimmer leisten kann.“

Die Bürger beteiligen

Beim Thermenstreit in Bad Nauheim sieht Simon die „Wirksamkeit kommunalpolitischer Entscheidungsstrukturen“ in Frage gestellt. „Statt an einem Strang zu ziehen, zogen die Beteiligten in entgegengesetzte Richtungen (Sanierung kontra Neubau, mit Verbindung zum Sprudelhof oder ohne), dann wieder in eine gemeinsame Richtung, um anschließend wieder die Seiten zu wechseln. Kraft und Zugrichtung erfolgten gegenläufig, so dass die eingesetzte Energie wirkungslos blieb“, beschreibt Simon das Dilemma.

Um zu besseren Ergebnissen zu kommen, schlägt er  vor, „Betroffene zu Beteiligten zu machen“. Er plädiert für eine „gelostes Bürgerparlament“, bei dem per los ein repräsentativer Querschnitt von etwa 100 Bürgern eingeladen wird, die Thermenerneuerung zu planen. Weitere 50 Bürger können sich bewerben. Die Empfehlungen dieses Kreises sollen dem Stadtparlament vorgelegt werden, ohne dass es für die Stadtverordneten bindend wäre. Das Parlament könne so seine Entscheidung „mit einem demokratischen Optimum“ legitimieren. Das könne auch geschehen, indem „die Politik von sich heraus einen Bürgerentscheid initiiert, so, wie es in vielen Kommunen Deutschlands bei Großprojekten immer häufiger der Fall ist.

Walter Simon veröffentlicht seine Geschichte Thermen-Debatte als „Book on Demand“, das heißt, es wird je nach Bestellung gedruckt. Das habe den Vorteil, dass es „unendlich“ fortgeschrieben werden kann, sagt Simon. Der Käufer erhalte stets eine aktuelle Ausgabe.

Walter Simon wird sein Buch auf der Buchmesse am 9. April 2017 im Sprudelhof in Bad Nauheim vorstellen. Dort wird er auch Gast der Landbote-Redaktion für ein öffentliches Interview  sein.

Walter Simon: „Das Bad Nauheim Desaster – Die unendliche Geschichte eines Thermalbades“, 200 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 9783743149748, 9,95 Euro.

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