Ausgrabung in Wöllstadt

Krieger mit Schwert und ein Rundbau

Ausgräberin Isabel Hohle mit einer 2600 Jahre alten Trinkschale. Fotos: Nissen

Von Klaus Nissen

Noch bis in den Sommer 2018 hinein graben sechs Archäologen am nördlichen Ortsrand von Ober-Wöllstadt in der Wetterau nach Resten alter Siedlungen. Bei der Ausgrabung in Wöllstadt  fanden sie schon Gräber von Angehörigen der früheren Elite, Schmuck, Keramik, und die Spuren zweier Langhäuser aus der Jungsteinzeit.

Ausgrabung in Wöllstadt

Am hinteren Rand des abgeschabten Ackers vor der Silhouette von Ober-Wöllstadt ist schwach die Silhouette eines großen kreisrunden Grabhügels zu erkennen. Der dunkle Fleck in der Mitte ist das eigentliche Brandgrab. Foto: Nissen

Am Bildstock werden 2019 die ersten Wohnhäuser und ein Kindergarten auf den Acker gesetzt. Es sind nicht die ersten Gebäude auf dem gut vier Hektar großen Gelände. Schon in der Jungsteinzeit vor fast 7000 Jahren lebten hier Menschen. Die Ausgräber habenseit dem vorigen Sommer an 38 Stellen jede Menge Hinweise darauf gefunden. Noch bis in den Sommer 2018 hinein wird ein von der Gemeinde finanziertes sechsköpfiges Team hier weiter suchen.  Das Grabungsteam fand beispielsweise Gewandnadeln aus Bronze, grün oxidiert und zerbrechlich. Dünne Gefäßscherben. Manche glänzen noch immer metallisch. Die Ausgräberin Isabel Hohle: „Die hat man mit Graphit eingerieben, damit sie edler aussahen. Nicht jeder konnte sich in der Bronzezeit Metall-Töpfe leisten.“

Die stellvertretende Landesarchäologin Sabine Schade-Lindig hält ein Bild in die Höhe. Es zeigt die Pfostenlöcher eines kreisrunden Gebäudes, wie man es bisher niht kannte. Foto: Nissen

Unter einem Tisch vor den beiden Containern und dem Bagger der Archäologen liegen rundliche, fest eingewickelte und beschriftete Klumpen. Das sind im Erdblock geborgene Fundstücke, die erst später im Labor genauer untersucht werden. So spart man Zeit bei den Ausgrabungen vor Ort. Auf dem Tisch ein Plastikbeutel mit Knochensplittern: mehr als 2000 Jahre alter Leichenbrand. Eine Feuersteinklinge, die wohl in einer Lanze steckte, mit der die Ur-Wöllstädter Gras schnitten. Ein Lehmbrocken mit eingeritztem Muster. Das könnte das Endstück eines Feuerbocks sein, meint Grabungsleiter Markus Jae. Eine Art überdimensionaler Messerbank, auf die man vor der Feuerstelle Holzspeere legte, damit ihre Spitzen in der Hitze gehärtet werden.

Mit seinem Schwert und 16 Töpfen wurde vor gut 2600 Jahren dieser Krieger nördlich von Ober-Wöllstadt beerdigt. Vielleicht war er ein Gefolgsmann der auf dem Glauberg siedelnden Menschen aus der Rössener Kultur. Foto: Nissen

Auf dem Tisch lag auch ein dünnwandiger, intakter Trinkbecher. Den hat Isabel Hohle in einem Frauengrab aus der Zeit um 650 vor Christus gefunden, inmitten einer reichen Keramik-Beigabe. Wer damals starb, bekam Essen und Trinken mit auf den Weg ins Jenseits. Das Grab war schmal – vielleicht hatte man die Tote in einem Baumsarg bestattet, der längst vergangen ist. Etwa 30 Gräber aus der Hallstattzeit waren teils noch gut erhalten, berichtet Kreisarchäologe Jörg Lindenthal den Besuchern. Die Hügel sind längst weggeackert. „Und wenn wir mit der Bergung noch 40 Jahre gewartet hätten, dann hätte der Pflug wohl die meisten Gräber vernichtet.“

Ein geometrisches Muster ritzte vor Jahrtausenden ein Mensch in diesen Lehmklumpen. Vielleicht handelt es sich um einen Feuerbock, vermuten die Archäologen. Foto: Nissen

Besonders auffällig war das Grab eines Mannes aus der Führungsschicht jener Zeit. Um seinen Schädel hatten die Angehörigen 16 blaue Keramikgefäße abgelegt. An der linken Seite war noch der Schatten eines Schildes zu erkennen. Und in Kopfhöhe blieb ein Ortring aus Bronze erhalten: Der verhinderte, dass das Eisenschwert des Kriegers den unteren Teil der längst vergangenen Scheide aus organischem Material zerschnitt. Das Schwert lag also verkehrt herum neben seinem Besitzer. Es wird später restauriert.

Dann gibt es noch zwei mehr als 30 Meter lange Häuser aus der Jungsteinzeit um 4800 vor Christus. Und ein Brandgrab, das zwar wenige Beigaben hatte, aber einen gut 15 Meter durchmessenden Grabhügel. Dort muss also eine bedeutende Person beerdigt worden sein, so Jörg Lindenthal. Zu welchem Volk sie gehörte und wie ihre Sprache klang, bleibt ungewiss. Vielleicht versteht man erst nach späteren Ausgrabungen manche Funde aus Wöllstadt. Wie etwa den fünf Meter durchmessenden Rundbau, der dank seiner Pfostenlöcher in die Rössener Kultur um 4500 vor Christus datiert werden kann. Stand hier ein Stall? Oder war es etwa ein Tempel? Die Antwort bleibt noch aus.

Drei Fragen an  Kreis-Archäologe Jörg Lindenthal

Was ist für Sie die bedeutendste Entdeckung?

Es gibt zwei: Das Grab eines bewaffneten Kriegers aus der Hallstattzeit um 600 vor Christus, der wahrscheinlich Kontakt zur Siedlung auf dem 17 Kilometer entfernten Glauberg hatte. Und ein kreisrundes Bauwerk. Das ist etwas Spannendes, das ganz neue Fragen aufwirft.

Wie viele Menschen lebten in der Jungsteinzeit am Hang nördlich von Ober-Wöllstadt?

Es gab damals noch keine größeren Siedlungen. Im Langhaus war es wohl ein Familienverband mit etwa einem Dutzend Menschen. Das zweite Haus war etwa 150 Jahre älter.

Sie haben auch Grabungen im künftigen Bad Nauheimer Neubaugebiet am Friedhof gemacht. Haben Sie dort etwas gefunden?

Die Sondierung ist da weitgehend abgeschlossen. Wir fanden ein alemannisches Dorf neben einer römischen Siedlung. Und auch ein bisschen aus der Jungsteinzeit. Und Weniges von den Kelten.

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