Aus für Jughard

Friedberger Sanitätshaus schließt

Von Jutta Himmighofen

Am 1. Juni 1932 gründete Alwin Jughard sen. in Friedberg (Wetteraukreis) seine orthopädische Werkstatt. IMG_0956-001
Drei Generationen und über 80 Jahre später zieht das Familienunternehmen die Notbremse und schließt Ende Juni das Sanitätshaus. Die Konkurrenz auf
diesem Sektor des Gesundheitswesens ist zu groß.  

Die Großen fressen die Kleinen

„Wir mussten die Reißleine ziehen“, erklärt Renate Jughard. „Als kleines Sanitätshaus haben wir einfach keine Chance mehr auf dem Markt.“ Besonders hart träfen sie die Vergaberichtlinien der großen Krankenkassen. Viele Kassen schrieben Sanitätsartikel wie Badewannenlifte, Rollatoren, Rollstühle und vieles mehr aus. Der günstigste erhalte den Zuschlag meist für einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren. „Da sind wir raus und der Patient, wenn er nicht auf die Unterstützung seiner Krankenkasse verzichten will oder kann, hat überhaupt keine Wahl“, sagt die Inhaberin.

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Bis in die 1970er-Jahre florierte das Unternehmen, sagt Renate Jughard (Bild rechts mit ihrem Sohn Alfried. Sie war 1964 von Goslar nach Friedberg umgesiedelt, der Liebe wegen. Die gelernte Bankkauffrau ehelichte nicht nur Alwin Junior, sondern sattelte auch beruflich um. Hatte sie zuvor vor allem Zahlen im Kopf, war jetzt ihre Fingerfertigkeit gefragt. „Das Schnüren der Leibbinden war immer eine ganz besondere Herausforderung und Kunst“. Dabei stand nicht die optische Wirkung einer Wespentaille im Vordergrund, sondern die Leibbinden sollten frau Halt und Stütze geben. „In den besten Zeiten“, erzählt die nunmehr 74-Jährige, „hatten wir bis zu zehn Orthopädiemechaniker und Bandagisten beschäftigt, die unter anderem den Frauen aus der Wetterau das Multifunktionsteil Strumpfhalter und Büstenhalter inklusive maßgerecht auf den Leib schneiderten.“

Verkauft wurden diese Wäscheteile in dem 1959 von ihrer Schwiegermutter eröffneten Miederladen im gleichen Haus. Auch dies sollte sich als gute Entscheidung herausstellen, „weil wir in den zunehmend schwieriger werdenden Zeiten im Sanitätshaus immer ein zweites, gewinnbringendes Standbein hatten“, erzählt Renate Jughard.

Werkstatt für künstliche Glieder

Als Alwin Jughard  sen. 1932 die Werkstatt für künstliche Glieder und orthopädische Apparate eröffnete, hatte er bereits Berufserfahrung in der orthopädischen Werkstatt in Gießen gesammelt, die er von seinem Onkel übernommen hatte. Das Gießener Geschäft wurde geschlossen und Alwin Jughard setzte ganz auf den Standort Friedberg. Eine Entscheidung, die er bis zu seinem Tod 1956 nicht bereuen sollte.

Die Kunden schätzten unseren Service und vor allem die Maßarbeit“, sagt Renate Jughard. Doch die Zeiten änderten sich. Maßarbeit war bei Miedern nicht mehr gefragt. IMG_0966-001Die Kriegsopfer, für die lange Zeit Prothesen in der Werkstatt angefertigt wurden, sind verstorben. Neue Operationsmethoden machten so manch orthopädisches Hilfsmittel wie das Bruchband bei einem Leistenbruch oftmals überflüssig. Noch heute kann man bei Jughards in der Werkstatt direkt hinter dem Laden Bruchbänder in unterschiedlichster Ausführung bestaunen.

Renate Jughard wirkt schon ein wenig wehmütig beim Gang durch die Werkstatt. Nur noch ihr Sohn, der Orthopädie-Mechanikermeister Alfried Jughard, wird hier in den letzten Tagen bis zur Schließung noch an den unverwüstlich scheinenden Werkzeugen Hand anlegen. Zuletzt waren es nur noch fünf Mitarbeiter, die in der Werkstatt und im Sanitätshaus arbeiteten.

Ärger mit der Bürokratie

Ein weiteres Ärgernis für Renate Jughard ist die Zertifizierung ihres Sanitätshauses. Jedes Jahr müsse sie eine sogenannte „kleine Zertifizierung“ und alle fünf Jahre die „große Zertifizierung“  von einer externen Firma durchführen lassen. Das koste nicht nur sehr viel Geld; Auch die Sinnhaftigkeit, jedenfalls für so kleine Familienunternehmen, erschließt sich ihr nicht. „Oder finden Sie, dass man die Höhe des Vorhangs der Umkleidekabine zertifizieren muss“, schmunzelt sie und ist froh darüber, sich damit in ihrem wohlverdienten Ruhestand nicht mehr beschäftigen zu müssen. Wie so oft gibt es beim Abschied ein lachendes und ein weinendes Auge.

 

 

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