Atomkrieg

Fünf vor 12, nein schlimmer noch

von Ursula Wöll

Seit  1947 stellen Atomwissenschaftler die Zeiger der „Doomsday Clock“ in jedem Januar neu. Die Uhr zeigt, wie nahe die Menschheit der Gefahr einer atomaren Katastrophe ist. Seit 2007 reden auch Klimaforscher mit. Die jährliche Prognose wird im „Bulletin of the Atomic Scientists“ veröffentlicht. Vergangenen Januar nun rückten die Wissenschaftler die Zeiger von 3 Minuten vor 12 auf 2 1/2 Minuten vor 12 Uhr vor.

Atomkatastrophe über Nacht möglich

Zyniker schließen schon Wetten ab: Wird sich die Menschheit durch den Klimawandel oder durch einen Atomkrieg vernichten? Meist verdrängen wir diese Damoklesschwerter über unseren Köpfen. Die Politiker reden vom  schleichenden Klimawandel, fordern aber gleichzeitig weiteres Wachstum, die Leute kaufen unverdrossen SUVs. Eine Atomkatastrophe in globalem Ausmaß ist dagegen ‚über Nacht‘ möglich, sozusagen aus heiterem Himmel. Die atomare Abschreckung funktioniert nicht ewig, obwohl bislang „nur“ zwei Atombomben seit ihrer Erfindung 1945 geworfen wurden (Tests nicht mitgerechnet) In den Arsenalen lagern Waffen mit der tausendfachen Sprengkraft der Hiroshima- und Nagasaki-Bomben. Und doch hat sich die Bundesrepublik nicht angeschlossen, als am 7. Juli in der UN-Generalversammlung in New York 122 Staaten für ein Verbot von Atomwaffen stimmten.

Nicht aus Jux zeigt die „Doomsday Clock“ in New York nun 2 1/2 Minuten vor 12. Warum? Die Atom-Staaten rüsten  ihre Arsenale durch Modernisierung auf. Zudem schaffen sie auch ‚kleinere‘ Bomben an, um einen ‚begrenzten‘ Atomkrieg zu führen. Die Strahlung kennt keine Grenzen. Auch die vielen atombombenfreien Staaten wären betroffen. Sie sind, wie schon in Sachen Klima, bisher ohnmächtig der Politik der mächtigen Staaten ausgeliefert  In der UNO sind 193 Staaten vereinigt.122 dieser Staaten wollen dies nun nicht länger hinnehmen. Sie beschlossen am 7. Juli  dieses Jahres in der New Yorker UN-Generalversammlung erstmals ein generelles Verbot von Atomwaffen. Sie dürfen künftig weder hergestellt noch gelagert werden, die bereits existierenden müssen vernichtet werden. Der Vertrag tritt inkraft, sobald ihn 50 der 122 Staaten ratifiziert, also „zuhause“ positiv abgestimmt haben.

Atomwaffenstaaten fehlen

Diese überfällige völkerrechtliche Ächtung hat nur einen Schönheitsfehler. Unter den 122 Staaten fehlen alle neun Atomwaffen-Staaten, außerdem alle Nato-Staaten, bis auf die Niederlande. Es fehlt also auch die Bundesrepublik. Gehört sie doch längst indirekt zu den Besitzern von Nuklearwaffen. Denn im Bundeswehrhorst Büchel in der Eifel lagern 20 Atomsprengköpfe der Amerikaner, die von den dort stationierten Bundeswehr-Tornados im „Ernstfall“ transportiert und abgeworfen werden.

Schon am 26. März 2010 hatte der Bundestag beschlossen, alle atomaren Waffen von deutschem Boden zu entfernen. Geschehen ist das bis heute nicht, so dass die Anti-Atom-Proteste in Büchel zur Tradition wurden. Auch in diesem Sommer campen Gruppen aus ganz Deutschland friedlich vor dem Tor des Fliegerhorstes nahe Büchel, Mitte Juli gab sogar Konstantin Wecker dort ein Konzert. Die ProtestlerInnen repräsentieren die öffentliche Meinung, denn laut Forsa-Umfrage sind an die 90 % unserer Bevölkerung für ein Verbot der Atombomben.

Zwei Bomben fordern Hunderttausende Tote

Warum schloss sich unsere Regierung dennoch nicht dem Nein der 122 Staaten in der UNO an? Warum verdrängt sie, was am 6. August 1945 in Hiroshima und am 9. August 1945 in Nagasaki geschah? Nur zwei Bomben forderten Hunderttausende von Toten und qualvoll Dahinsiechenden. In Hiroshima kamen durch Hitze, Druck und Strahlung etwa 140000 bis zum 1. Dezember 1945 um, in Nagasaki 70000. In den Folgejahren starben noch einige Hunderttausend an der Strahlenkrankheit. Präsident Truman rechtfertigte die Abwürfe mit dem Argument, sie hätten Japans Kapitulation erreicht und dadurch vielen amerikanischen Soldaten das Leben gerettet, weil sie ihnen eine Invasion ersparten. Bis heute steht es so in amerikanischen Schulbüchern. Viele deutsche Geschichtsbücher übernehmen diese offizielle amerikanische Sichtweise und stellen einen unrichtigen Zusammenhang zwischen den Bomben und der japanischen Kapitualtion her (siehe Florian Coulmas, Hiroshima, C.H.Beck-Verlag 2005)

Doch war Japan schon vor dem 6. August zum Friedensschluss bereit. Außerdem hatte Stalin auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli 1945 den Kriegseintritt der UdSSR gegen Japan für den 8. August angekündigt. Die Abwürfe sollten die Übermacht Amerikas demonstrieren, das ungern sah, dass die Sowjetunion bei der Neuordnung des Pazifischen Raums als Mitsieger ein Wort mitreden würde. Außer solch machtpolitischen Erwägungen wollten die USA wohl auch den Praxistest machen, da sie ungeheure Summen in das ‚Manhatten-Projekt‘ zur Entwicklung der Bombe gesteckt hatten. Dafür spricht, dass sie als Besatzer den medizinischen Austausch über die Krankheitssymptome verhinderten.

Heute wissen wir um die unbeschreiblichen Wirkungen, auch durch die Berichte von Überlebenden, die erst später starben. Das barbarische  Geschehen darf sich nie wiederholen. Viel mehr als an die Historie erinnern, können wir als „Normalbürger“ nicht tun. So werden am 6. und 9. August bundesweit und auch weltweit Gedenkveranstaltungen stattfinden.

In Darmstadt wird ein Platz oberhalb des darmstadtiums  an der Ollenhauer-Promenade den Namen „Hiroshima-Nagasaki-Platz“ erhalten. Erst am 1. September findet diese Taufe statt, bei Anwesenheit des Oberbürgermeisters (politnetz-darmstadt.de)

Ein Gedanke zu „Atomkrieg“

  1. Nachtrag zum Artikel über Hiroshima und Nagasaki:
    Es gibt eine internationale Unterschriftenaktion. Sie soll die Staaten, die am 7. Juli in der UNO nicht für ein Verbot von Atomwaffen gestimmt haben, nachträglich dazu bringen. Man kann unterschreiben – die ICAN leitet das dann weiter – unter:
    http://www.nuclearban.org
    Ursula Wöll

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