Arno Stern

Eine doppelte Begegnung

Von Elfriede Maresch

Mit der Einladung Arno Sterns (Paris) ermöglichte die Initiativgruppe Stolpersteine Schotten eine doppelte Begegnung. Zum einen lernten die Zuhörer in ihm einen Zeitzeugen des jüdisch-christlichen Zusammenlebens der Stadt vor 1933 kennen. Zum andern stellte Stern Konzept und Praxis seiner Malorte vor. Stern und seine begleitende Familie wurden im Café CaRe von Pfarrer Frank Eckhardt namens der Initiativgruppe begrüßt. Der Raum war mit 130 Interessierten, vielen aus der Malort-Bewegung, brechend voll.

Schottener Kind

Eckhardt hat sich intensiv in die Historie der jüdischen Gemeinde Schotten eingearbeitet, eine beträchtliche Sammlung von Unterlagen zusammengetragen und ist Co-Autor des Buches „Juden in Schotten 1629 – 1945 und in Einartshausen 1800- 1942“ von Hanno Müller und Monika Kingreen. 2009 hatte er von der damaligen Leiterin des Heimatmuseums, Henny Hysky-Dambmann, ein Bündel Briefe von ehemals in Schotten lebenden, rechtzeitig geflüchteten Juden erhalten und suchte Kontakt mit ihnen oder ihren Nachkommen. Das gelang nur bei Arno Stern, der sich selbst als „Schottener Kind“ bezeichnete. Sein Vater Isidor, dessen Brüder Julius und Karl wurden hier geboren, sein Großvater Leopold Stern I. war Vorsänger in der Schottener Synagoge. Arno Stern, 1924 geboren, besuchte oft die Großeltern, erlebte die Synagoge, heute Wohn- und Geschäftshaus, noch als vollständig eingerichtetes Gebetshaus, erinnert sich an die Gesänge.

Geachtet von den Mitbürgern

Die Zuhörer waren beeindruckt von der Lebhaftigkeit, der Präsenz des Zeitzeugen, der seinen Vortrag vom Tablet las und mit Erinnerungen ergänzte. Stern hatte Schwarz-Weiß-Bilder von damals mitgebracht. Besonders freute er sich, dass ihm Eckhardt ein Jugendfoto seines Vaters schenken konnte. Detailliert schilderte er das Leben im Haus seiner Großeltern. Er stellte dar, wie Urgroßvater, Großvater und Vater Geschäftsleute waren, ganz selbstverständlich in die Stadt eingebunden und geachtet von den Mitbürgern. Isidor und Karl sahen es als ihre Staatsbürgerpflicht, am 1. Weltkrieg teilzunehmen. Später lebte Isidor Stern mit seiner Familie in Kassel, wo der Sohn Arno aufwuchs und zur Schule ging. 1933 floh die Familie nach Frankreich, nach dessen Besetzung in die Schweiz. Es waren Jahre der Not, Unsicherheit, halb- und illegaler Aufenthalte. Arno Stern konnte nur punktuell die Schule besuchen, kein Studium, keine Berufsausbildung machen, fand aber zum Zeichnen.

Dialog der Generationen: (v. li.) Der 93-jährige Schottener Bürger Adam Schlörb, Arno Stern, Pfarrer Frank Eckhardt . (Fotos: Maresch)

Modell der Malorte

1946 sollte er in einem Heim für Kriegswaisen die Kinder beschäftigen, Spielzeug war kaum vorhanden, nur Papier und Farben. Die Kinder ließen sich immer intensiver auf das Malen ein, wobei ihnen Stern als nicht lenkender, nur hilfsbereiter Begleiter zur Seite stand. Um Fläche zu gewinnen, pinnte er die Blätter an die Wände. Die Kinder holten sich vom Materialtisch in der Mitte Farben auf den Pinsel und gestalteten im Stehen ihr Bild. Ein Junge hatte die Tendenz, die Farbschalen immer in eine bestimmte Reihenfolge zu stellen. Das wurde bis heute beibehalten, denn das Modell der Malorte entwickelte sich.

Kommentieren der Bilder ist Tabu

Auch Stern selbst weiß nicht, wie viele von ihnen es eigentlich auf der Welt gibt, auf straffe Organisation legt er keinen Wert. In Mittelhessen wurden Malorte in Gießen, Mücke und Herbstein-Stockhausen von sogenannten Dienenden organisiert, die Stern selbst in Paris ausbildet. Sie begleiten die Teilnehmenden, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sich verpflichtet haben, ein Jahr lang eine Stunde pro Woche teilzunehmen. Dabei darf gemalt, innegehalten, gesprochen werden. Nur eines ist tabu: das Kommentieren der Bilder. Denn Stern sieht zunächst in der Linienführung kleiner Kinder, in den Kreisen und Tupfen, eine Art zeichnerischer Ursprache der Menschheit, nennt dies Formulation. Aus diesen Erfahrungen und vergleichenden Studien in vielen Ländern der Erde hat er seine Theorie der „Ausdruckssemiologie“ entwickelt, in seinem Buch „Das Malspiel und die natürliche Spur“ ausführlich dargestellt. Stern, ein Außenseiter in der Kunstpsychologie und -theorie, ist davon überzeugt, dass die friedliche tolerante Atmosphäre der Malorte Menschen jeden Alters hilft, zu ihrer Kreativität, ihrer Mitte zurückzufinden. Verbunden damit ist die Kritik an Konzepten des schulischen Kunstunterrichts, an der Schule überhaupt – Sterns längst erwachsene Kinder haben sie nie besucht! Nicht alle Zuhörer waren überzeugt. Begeisterte Anhänger von Sterns Theorien und eher kritisch-nachdenkliche lieferten sich lebhafte Nachgespräche.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.