Antifaschismus

Der Vater – ein Nazi

Fast jeder Versuch, sich seinem Vater zu nähern, habe ihn zu seinem Verteidiger werden lassen, habe ihn „an den Rand des rechten Sumpfes“ geführt, schreibt Hans-Jürgen Mülln in seinem Buch „Zerrissen im Land der Dichter und Henker“. Sein Vater hatte von 1942 bis 1945 der Waffen-SS angehört. Mit seinem Buch will Mülln dazu beitragen, „diesen schrecklichen Abschnitt der deutschen Geschichte nicht zu verdrängen, sondern daraus zu lernen. Besonders in Zeiten wie diesen, in denen sich vieles zu wiederholen scheint“.

In der Waffen-SS

Seine „zwiespältige Einstellung“ zu seinem Vater habe ihn oft gequält, beschreibt Mülln, ein Linker und Antifaschist, seine Situation. „Ich war zeitweise nahe daran, mir zu wünschen, mein Vater wäre besser draufgegangen. Auf irgendeinem jener Schlachtfelder, auf denen er gewütet hat“, schreibt Mülln. Sein Vater lebte in Gießen. „Walter und Ria“, „alte Kommunisten und Freunde, Überlebende des faschistischen Monsters“, erzählten Mülln „als Augenzeugen, was im mittelhessischen Gießen, meinem Geburtsort und zeitweiligen Lebensmittelpunkt, in dem ich zur Schule und zur Universität gegangen war, damals am 13. März 1933 geschehen war. Rund 40 Personen, „Rote in allen Schattierungen und Juden“ wurden durch den Seltersweg getrieben, in Richtung Oswaldsgarten. Dort wurden sie gezwungen, die Plakate und politischen Slogans ihrer Parteien zur Reichstagswahl von den Zäunen zu entfernen. Einige von ihnen wurden danach ins nahe SA-Lokal verschleppt und mit Fäusten und Knüppeln halbtot geschlagen. „Da warst du, Vater, gerade mal sieben, fast acht Jahre alt und nicht für das verantwortlich, was die Erwachsenen in jener Zeit anrichteten. Noch nicht. Allerdings bekamst du damals bereits den Stempel der Zeit aufgedrückt, nicht nur in der gleichgeschalteten Schule, sondern auch zu Hause durch deinen erst deutschnationalen, dann naziaffinen Vater. NSDAP-Mitglied war der nicht nur wegen seiner Position als Reichsbahnbeamter gewesen, sondern auch seiner Überzeugung wegen. Eine Prägung, die deinen künftigen Weg maßgeblich mitbestimmte“, schreibt Mülln.

Sein Vater schließt sich der Waffen-SS an. Ob er die Konsequenzen bewusst in Kauf genommen hatte, fragt sich Mülln, „nämlich für den sozialen Aufstieg über Leichen zu gehen – und das im wahrsten Sinne des Wortes“. Wer sich in der Waffen-SS bewährte, „mindestens eine zufriedenstellende Abschussquote vorweisen konnte und auch sonst alle Voraussetzungen erfüllte, erhielt schließlich die Chance, im Osten Wehrbauer, ja sogar eine Art Gutsherr zu werden – Herrscher über einige hundert Hektar Land und den dazugehörigen Sklaven. Ritterkreuz gleich Rittergut.“

Wieder hingebogen

Müllns Vater stirbt jung. „Nur 47 Jahre! Der Krieg und die in ihm erlittenen Verwundungen hatten den ehemaligen SS-Mann eingeholt“, schreibt sein Sohn, der 17 war, als der Vater starb. Nach dessen Tod bekam er einen „Rechtsdrall“. Er war damals stolz „Müllns Hans Sohn zu sein, eines allseits geachteten und respektierten Vaters“. Er wollte, dass auf dessen Grabstein auf seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS hingewiesen wird. Seine Mutter wehrte sich gegen diesen Unsinn. Die war auch stets dazwischen gegangen, wenn in ihrer Gegenwart über Juden hergezogen wurde, erinnert sich der Autor. Und es habe noch andere Menschen gegeben, „die tatkräftig halfen, mich zurückzuholen“. Eine Lehrerin an seinem Gymnasium habe ihn in der Abiturklasse wieder „hingebogen“, „indem sie meine dummen, vorurteilsbeladenen, unreflektierten Sprüche zerpflückte, mich zwei Jahre lang im Schulhof ständig provozierte, mich aus der Reserve lockte, in Widersprüche verwickelte und Denkanstöße gab, die meinen Verstand, den ich seit Vaters Tod abgeschaltet hatte, mit Argumenten, Ironie und Freundlichkeit wieder in Schwung versetzte und zum selbstständigen Denken anregte“.

Mülln, der als freier Journalist in Wetzlar lebt, nennt sein Buch ein „erzählerisches Essay“, einen „Form-Zwitter“ zwischen autobiografischer Erzählung und Essay, in dem der historische Hintergrund dargestellt wird. Mülln befürchet, dass sich die Erinnerung an 1933, den Holocaust und die Schlachten in Europa verflüchtigen und fragt: „Wer wird künftig die jüngeren Generationen dazu auffordern, aus der Geschichte zu lernen? Besonders in Zeiten wie diesen, in denen Europa trotz der schrecklichen Erfahrungen, die seine Völker im 20. Jahrhundert machten, wieder auf dem besten Weg ist, deren Fehler zu wiederholen: Nationalismus, Chauvinismus, Rassismus und Faschismus sind wieder auf dem Vormarsch, selbst große Kriege werden wieder wahrscheinlich.“

Eine kollektive Schuld will Mülln den deutschen Soldaten nicht zusprechen. „Eine Polemik ausschließlich gegen die Kriegsgeneration und das Brandmarken der deutschen Kriegsteilnehmer unisono als Verbrecher greift zu kurz und lenkt von den eigentlichen Tätern und den systemischen Ursachen ab. Deshalb wuchs meine Wut auf jene, die ihn, die männliche Kriegsgeneration, oft blutjunge Buben, überhaupt zu Killern abgerichtet und die Überlebenden schließlich dazu verdammt hatten, als seelische Krüppel weiter zu existieren. Wut auf jene, die Kriege anzettelten und heute wieder anzetteln, der Steigerung ihres Gewinns, der Erweiterung ihrer Macht, ihrer Einflussbereiche, meinetwegen auch ihres monströsen Egos wegen, das Völkerrecht brechend.“

Hans-Jürgen Mülln: Zerrissen im Land der Dichter und Henker. Ein erzählerischer Essay. 249 Seien, Taschenbuch 15 Euro, E-Book 7,99 Euro, ISBN 978-3-86460-752-3

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