Andreas Lichert, AfD

So macht er Wahlkampf

Von Klaus Nissen

Andreas Lichert aus Bad Nauheim gilt als Vertrauter des rechtsextremen AfD-Politikers Björn Höcke. Lichert betrieb früher in Karben eine politische „Projektwerkstatt“ – und nun hat er gute Chancen, für die AfD in den Bundestag zu kommen. Was dort von ihm zu erwarten wäre, konnte man am 7. September  2017 im Vilbeler Kurhaus besichtigen.

Andreas Lichert, AfD

Im verrammelten Kurhaus-Saal stellte der Bad Vilbeler AfD-Funktionär Michael Kuger (rechts) den Stargast Andreas Lichert vor. Foto: Nissen

AfD-Wahlkampf mit lauten Gegendemos – das gab es bislang in Büdingen und anderen Städten, aber nicht in Bad Vilbel. Am 7. September 2017 änderte sich das. Binnen zweier Tage organisierten Bürger den Widerstand, nachdem sie vom geplanten Auftritt mehrerer Kreis-Politiker der rechtskonservativen Partei im Kurhaus erfahren hatten. Knapp 150 junge und ältere Leute machten sich am Abend mit Trillerpfeifen, Transparenten und „Nazis raus“-Rufen vor dem Kurhaus bemerkbar. „Ich bin überrascht, dass so viele kamen“, sagte Semaan Semaan  vom Verein der Bad Vilbeler Flüchtlingshilfe. Mitglieder der SPD, Grüne, Naturfreunde, die Katholische Jugend, der Freundeskreis der Auschwitzer gehörten zu den Unterstützern der Demo. Und viele Bürger. Ute Petersen rief: „Mein Opa würde sich im Grab rumdrehen, wenn er wüsste, dass die AfD in seinem Haus auftritt!“ Der Opa war Martin Reck, ein Maurerpolier, der 1927 beim Bau des späteren Kurhauses mitwirkte. Die Nazis steckten den Sozialdemokraten später in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. Ute Petersen: Die AfD habe offenbar kein Gefühl dafür, dass das Kurhaus mit seiner Geschichte nicht zu einem rechtslastigen Wahlkampf tauge.

Während die Demonstranten vor dem Kurhaus ihrer Empörung Luft machten, gingen vereinzelt AfD-Gäste am Polizei-Kleinbus vorbei in den Saal. Manche quittierten die Protestrufe mit ausgestrecktem Mittelfinger, eine Frau machte auch einen Kratzfuß in Richtung der Demonstranten. Der AfD-Kreistagsabgeordnete Michael Kuger empfing jeden Gast an der Kurhaus-Tür. Mancher Besucher sei wegen des Lärms wohl weggeblieben, meinte er am Rande. Er selbst habe sich an die lauten Proteste gewöhnt. Er finde es aber immer noch schade, dass man keine inhaltliche Diskussion über die Thesen der AfD hinbekomme.

Kuger selbst, seine Parteifreundin Doris Daubertshäuser, der Kreisvorsitzende Klaus Herrmann und der im Hochtaunus für den Bundestag kandidierende Andreas Lichert traten im Kurhaus-Saal vor etwa 20 Zuhörern auf. Die Fenster mit Jalousien verschlossen, prangte unter dem kalten Licht der Kronleuchter am Rednerpult das Partei-Logo, in der Ecke ein AfD-Sonnenschirm.  Klaus Herrmann, ein pensionierter Kriminalbeamter, las in der ersten Stunde Auszüge aus dem Parteiprogramm vor. Es zog sich, bis Kuger den Stargast ans Pult holen konnte: Andreas Lichert. Der 42-Jährige hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt, weil er Vorstand des rechten „Instituts für Staatspolitik“ ist und als Verbindungsmann zur Identitären-Bewegung gilt. Semaan Seemaan von der Flüchtlingehilfe meint, Lichert und seine rechtsintellektuellen Freunde präsentierten sich als „nationalkonservative Biedermänner“, propagierten unter Freunden aber eine NS-nahe Rassentheorie.

Mit Trillerpfeifen, ausgestreckten Mittelfingern und Plakaten bekundeten rund 150 Bad Vilbeler ihr Missfallen über die AfD-Kundgebung im Kurhaus. Diskussionen gab es nicht. Foto: Nissen

Im Kurhaus sprach Lichert über „drei Billionen Gründe, die CDU nicht zu wählen.“ Seine steile These: Die Rettung Griechenlands, die Flüchtlinge, die Niedrigzinspolitik und die Energiewende kosteten die Bürger nicht Milliarden, sondern Billionen. Um sie zu untermauern, nannte Lichert Zahlen. Denn Zahlen klingen präzise. Ein muslimischer Asylbewerber koste die deutschen Steuerzahler 450000 Euro. „Der Deutsche denkt mit dem Portemonnaie“, behauptete Lichert frank und frei. Und achtete darauf, dass jeder Satz vom Publikum gut verstanden wurde. Lichert sprach langsam. Ohne Manuskript. Er schaute seine Zuhörer an, betonte die richtigen Silben und machte dazu Gesten. Der Mann mit dem blauen Jackett und dem penibel gestutzten Bart wäre ein prima Dozent für Workshops in fortgeschrittener Rhetorik.

Nach 90 Minuten verfügte Michael Kuger eine Raucherpause. Manche Zuhörer gingen heim, diesmal nicht angebrüllt von Demonstranten. Heimgegangen war inzwischen auch Godlove – ein junger Kameruner, der vor sieben Jahren als Flüchtling nach Bad Vilbel kam und jetzt für die Burgfestspiele arbeitet. Er hatte mit seinem Feierabend-Bier vor der Stadtbücherei gestanden und irritiert das Pfeifkonzert der Demonstranten und die Ankunft der AfD-Gäste angeschaut. Nein, von der AfD habe er noch nie gehört, sagte Godlove auf Nachfrage. Mit Politik befasse er sich lieber nicht. „Das ginge bei mir ja gleich an die Existenz“.

 

Ein Gedanke zu „Andreas Lichert, AfD“

  1. Als Gastgeber dieser Veranstaltung muss ich einige populistischen Darstellungen des Verfassers richtig stellen:
    1. Das Kurhaus war nicht verrammelt, sondern die Rollläden nur aufgrund der Lautstärke durch die Trillerpfeifen etc.. heruntergelassen.
    Ich hätte es begrüßt, wenn zum Beispiel eine Abordnung der Gegendemonstranten unserer Veranstaltung bei gewohnt hätte, um festzustellen, dass sie gegen etwas demonstrieren, was ist in dieser Form gar nicht gibt!
    2. Es war einer, und nicht ein paar mit dem Mittelfinger, dieser war kein AfD-Mitglied, sondern Gast, dem ich danach unmissverständlich klar gemacht habe, dass das nicht unsere Verhaltensweise entspricht
    3. Herr Lichert war nicht unser Stargast, der Verfasser hat ihn nur dazu gemacht. Es haben sich alle vier Wetterauer Bundestags-Kandidaten der AfD gleichermaßen vorgestellt.
    4. Da er aber offenbar nur an Herrn Lichert interessiert war (Skandal, Skandal…!?) hätten wir diesen als Letzten auftreten lassen müssen! Die Vorträge nach der Pause haben den Verfasser des Artikel offenbar nicht interessiert, denn sowohl der Vortrag „Werte in der Politik“ von Frau Daubertshäuser, als auch mein Vortrag „Lügen, Mythen und Wahrheiten“ über die AfD, hätten vielleicht seine vorgefertigte Ansichten ins Wanken gebracht, da sie die Proteste vor der Tür als das, entlarvt hätten, was sie sind:
    ohne tatsächliche Substanz, ein von Medien und den anderen Parteien aufgebaute und indoktrinierte Meinungsmanipulation, um einer aufkommenden echten Opposition, die die Finger in die Wunden einer katastrophalen Politik legt, nachhaltig zu schaden.
    Dass die Meinungsfreiheit dadurch eklatanten Schaden nimmt, wird einkalkuliert, denn ein manipuliertes Volk ist willfährig! Also ein „Weiter so“ !
    Also eine Kulturvielfalt bis zur Selbstaufgabe, aber ja keine Meinungsvielfalt!
    Armes Deutschland!

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