Altes Hallenbad

Pippo Pollina und mehr im ersten Halbjahr

Nicht nur der italienische Sänger sollte für Frankfurter,  Wetterauer und Gießener ein Grund sein, im neuen Jahr nach Friedberg zu fahren. Auch Jo van Nelsen, Gankino Circus, das Modern Classix Trio und viele andere Künstler gastieren bis Juni 2018  im ehemaligen Jugendstil-Hallenbad. Der Kulturtempel wartet mit Baustellen-Flair und einem schrägen Programm auf.

Altes Hallenbad

Blick von der Galerie auf den ehemaligen Schwimmsaal. Wo die Wetterauer bis 1980 das Kraulen lernten, gibt es jetzt Musik und Theater. Foto: Nissen

Schrägheiten bietet das Alte Hallenbad in mehrerer Hinsicht. Ganz konkret das leicht abfallende, blau gekachelte Schwimmbecken, das jetzt einen Betondeckel hat und möglichst bald zu einer Underground-Bar werden soll.  Schräg ist auch so manche der 21 Veranstaltungen im nagelneuen Halbjahres-Programm. Beispielsweise ein gewisser Ilja Richter, der vor ein paar Jahrzehnten als gelockter Jüngling die ZDF-Version des Beat Club moderierte („Licht aus! Whoom! Spot an! Jaaa …!“). Nun trägt er graue Haare, Federschmuck und huldigt am 12. Mai in Friedberg einem gewissen Karl May.

Weder staatlich noch privat

Das Kulturzentrum an der Friedberger Haagstraße ist weder staatlich noch privat. Es wurde 1909 als Schwimmbad mit Spenden Friedberger Bürger eröffnet. Genau 100 Jahre später übernahmen wieder Friedberger Bürger das seit 1980 ungenutzte Gebäude. Seit knapp acht Jahren bauen sie nun in unbezahlter Eigenleistung mit Spenden und mit Zuschüssen der Hessischen Denkmalbehörden das Gebäude zum Kulturtempel um. Das Dach musste erneuert werden. Aus dem Kesselhaus machten sie einen Zweit-Saal für Kleinkunst und Feiern. Der Schwimmsaal mit der umlaufenden Galerie hat jetzt eine Bühne – und demnächst auch eine Heizung. In diesen Tagen werden die Lüftungskanäle verlegt, meldet der Fördervereins-Vorsitzende Uli Lang – ein ehemaliger Schuldirektor.  Das Umbau-Management und die Finanzverwaltung betreibt eine Truppe aus Pensionären. Im Frühjahr wollen sie die große Ost-Terrasse benutzbar machen, sagt Uli Lang. Das Publikum kann dort mit einem Premium-Blick auf den Roten Turm flanieren und in den Pausen Sekt und Saft verkosten. Außerdem soll das ehemalige Zentral-Foyer wieder hergerichtet werden. Zum Beispiel für Ausstellungen. Von dort kann ab 2019 der alte Haupteingang in den Saal wieder geöffnet werden, so dass dann Veranstaltungen mit 350 statt 150 zahlenden Gästen möglich werden. Irgendwann kann darunter auch eine Gaststätte mit Bar, Küche und Sozialräumen einziehen, hoffen die Theater-Betreiber. Uli Lang: „Wenn wir irgendwie vier Millionen dafür gewinnen, ist das realistisch“.

Bühnenprobe des HELDEN Theaters: Am 10. März ist in Friedberg Premiere der Kriminalkomödie „8 Frauen“. Foto: Burkhard Struve

Parallel zum Umbau bewältigt die etwa zwölfköpfige Kultur-AG unbezahlt und frei von programmatischen Beschränkungen 50 Veranstaltungen pro Jahr. Zur Gruppe gehört unter anderen ein Student, eine Sängerin, eine Regisseurin, ein Justizbediensteter,  ein Lehrer, ein Ladenbesitzer, mehrere Freiberufler und Angestellte. Zum Neujahr erschien ihr grüner  Halbjahresflyer. Auf der Titelseite segelt der Kulturtaucher – ein unbekannter Badegast aus Schwimmbad-Zeiten – elegant ins Becken. Die weiteren Seiten bieten Hinweise auf Kindertheater, Krimis, Poetry Slam,  Blues – und Pippo Pollina, der am 30. Mai drei  Singer-Songwriterinnen aus Sizilien mitbringt. Es sind Anna  Maria Sotgiu und die Schwestern Adriana und Roberta Prestigiacomo.

Ganz anders und besonders für Wiesbadener interessant ist der Saisonstart. In der Matinee am 4. Februar ab 16 Uhr lesen Uta Eckhardt und Rolf Birkholz von der Theatercompagnie Die Tagträumer aus Feldpostbriefen. Am Klavier von Georg Klemp begleitet, erzählen sie die Liebesgeschichte der Wiesbadener Kaltmamsell  Hedwig und des in Leningrad sitzenden  Kochs Fritz Winkler aus den Jahren 1942 bis 1944. In die Lesung eingeblendet werden Fotos aus jener Zeit.

Hommage an Fritz Usinger und Wolf Schmidt

Einen Bezug zu Darmstadt hat der Fritz-Usinger-Nachmittag am 4. März. Der Friedberger Dichter wirkte in den 1920er Jahren in der südhessischen Residenzstadt. „Wir wollen  zeigen“, sagt Andrej Seuss vom Alten Hallenbad, „welchen kulturellen Reichtum das Rhein-Main-Gebiet schon vor den Weltkriegen hervorgebracht hat“. So habe die Hesselbach-Familiensaga aus der Feder des Friedbergers Wolf Schmidt auch tiefgründige philosophische Exkurse in die noch heute witzigen Episoden eingebaut. Kostproben gibt der Schauspieler und Sänger Jo van Nelsen am 18. Februar, 18. März und am 15. April. Er wird sämtliche Rollen selber verkörpern – selbst die der legendären Liesel Christ als Mamma Hesselbach.

„Die Stumme“ ist ein Schauspiel über ein junges Mädchen, das im Iran im Gefängnis sitzt. Foto: Theatercompagnie Die Tagträumer

Noch neu im Alten Hallenbad sind die von Alexa Busse organisierten Kindertheater-Vormittage. Am 25. Mai holt die Gruppe Marabu die antiken Flieger Ikarus und Dädalus mitten in die Zuschauer und lässt sie mit Akkordeonbegleitung nach dem richtigen Weg suchen. Vier Tage später sind Musiker der Alten Oper Frankfurt in Friedberg und lassen als „Rabauken on Tour“ Kita-Kinder auf Schatzsuche gehen.

Erwachsene mit musikalischem Interesse dürfte die dreiköpfige Gruppe Caro Kiste Kontrabass aus Kassel ansprechen, die 2017 vom Kultursender hr2 in den höchsten Tönen gelobt wurden: Am 20. April singt die Frontfrau Caro Wendel über den alltäglichen Wahnsinn und die Liebe zum Anderssein – begleitet von Ukulele, Cajon, Banjo und Didgeridoo.

Das hr2-Radio-Live-Theater gastiert am 13. Mai mit dem Edgar Wallace-Hörspiel „Der Hexer von London“ in Friedberg. Die Truppe um Wolfgang Vater und das Stimm-Wunder Klaus Krückemeyer inszeniert die Mördersuche des Inspektors Yale als Hörspiel – wobei die Zuschauer live erleben, welche Geräusch-Tricks dabei angewendet werden. Der Hexer von London wird übrigens am 16. Mai im Neuen Theater Höchst noch einmal zuschlagen.

Ebenfalls ins Krimi-Fach spielt das HELDEN Theater am 10. März mit der Premiere von „8 Frauen“ nach Robert Thomas. Der einzige Mann in dieser Komödie ist der Patriarch Marcel, der pünktlich zum Familientreffen erdolcht in seinem Bette gefunden wird.

„Rat Pack“ der Poetry-Slammer

Der Kulturtaucher des Alten Hallenbades.

Weitere Auftritte bestreiten die Tagträumer am 8. April mit einem Alma-Werfel-Nachmittag und am 4. Mai mit dem Stück „Die Stumme“ über ein im iranischen Gefängnis sitzendes Mädchen. Peter Spielbauer wird am 21. April seine finale Erkenntnis „Alles ist eine Bürste“ erklären. Die Poetry Slammer Andreas Arnold, Thorsten Zeller und Dominik Rinkart treten am 28. April als „Rat Pack“ auf, und am 19. Mai kraulen die die musikalischen „Freischwimmer“ Bastian Korff und Florian Ludewig auf die Bühne. Im Juni kommen die Weltenwanderer von Tango Transit, die Burkhard Mayer Bluesband, die Streicher von BartolomeyBittmann, der Kabarettist Martin Zingsheim.

Das gesamte Programm im Netz über www.aha-friedberg.info oder bei Facebook auf der Seite Aha Friedberg. Der Vorverkauf  für alle Veranstaltungen hat am 11. Januar 2018 begonnen. Er läuft vor allem über den Ticket-Shop Friedberg via Internet, telefonisch 06031/15222 oder persönlich an der Vorstadt zum Garten 2 in Friedberg. Der Programm-Flyer steht

hier.

 

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