Alltag im Bergwerk

Fußpilz statt Staublunge

Von Klaus Nissen

Mit Hacke und Schaufel förderten Bergleute bis 1962 die Wetterauer Braunkohle aus kilometerlangen Stollen. Es war nass und gefährlich. Später räumten riesige Schaufelbagger die Landschaft aus. Jetzt zeugen nur noch große Seen und das Wölfersheimer Energiemuseum von dieser Zeit.

Alltag im Bergwerk

Die schlechteste Braunkohle Deutschlands holten Bergleute seit 1804 aus der Horloff-Senke zwischen Ossenheim und Hungen. „Sie war ein besserer Humus“, sagt der ehemalige Bergbauingenieur Helmut Rieß aus Wölfersheim. Trotzdem kratzte man sie fast 160 Jahre lang aus den bis zu 60 Meter tiefen Stollen. Im 19. Jahrhundert rührte man sie mit Wasser zu Brei, der dann getrocknet, zu Briketts gestochen und als Ofenbrand benutzt wurde. Das war nötig, weil in den Ländereien der Grafen zu Solms fast alle Wälder abgehackt waren und deshalb chronischer Brennholzmangel herrschte.

Sie kümmern sich um das Energiemuseum an der Seestraße: Von links Hans Dudek, Gerhard Künstler, Dieter Heerz und Hugo Rieß. Foto: Nissen

Ab 1913 verfeuerte man die Braunkohle im neuen Wölfersheimer Kraftwerk. Der Staat Preußen und die Stadt Frankfurt betrieben es gemeinsam in der Preußischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (kurz:PreußenElektra oder PREAG). In Södel brannten am 28. Februar jenes Jahres zum ersten Mal elektrische Glühbirnen. Ende 1914 waren schon 129 Gemeinden angeschlossen. Ein gutes Geschäft, denn die Stromkunden zahlten bis zu 40 Pfennig für eine Kilowattstunde. Ab 1929 bis 1954 wurde die von den Bergmännern per Hand aus den Gruben gekratzte Kohle auch für das Wölfersheimer Schwelkraftwerk gebraucht. Bei 600 Grad Hitze erzeugte die stark qualmende Anlage unter Luftabschluss Schwelteer, Koks und Öle, aus denen Benzin und Chemikalien hergestellt wurden.

Insgesamt war das eine dreckige Angelegenheit. Die Kohle war nass und brannte schlecht. Helmut Rieß erzählt: „Im Kraftwerk wurde der Staub in eine Feuerlanze geblasen, die man mit Schweröl speiste.“ Dieses Abfallprodukt aus Raffinerien brachten bis 1991 vorwiegend nachts Tanklastzüge nach Wölfersheim, so Rieß.

In einem der Tagebaue wurde 1967 dieser Backenzahn eines Elefanten gefunden. Auch Knochen der mächtigen Tiere überdauerten in der Kohle die Jahrtausende. Menschen gab es damals in der Wetterau noch nicht. Foto: Nissen

Bis zum Ende des Untertage-Kohle-Abbaus im Jahr 1962 holten die Bergleute per Hand rund  24,3 Millionen Tonnen, schätzen die ehemaligen Direktoren des Kraftwerks, Helmut Lingemann und Wilhelm Heck. Jedes einzelne Kilo wurde in drei Schichten rund um die Uhr per Hand im „Pfeiler-Bruchbau“ unter Lebensgefahr aus den Stollen geholt.

Die Wetterauer Braunkohle ist noch deutlich als ehemaliges Holz zu erkennen. Sie lag „nur“ 800 000 bis eine Million Jahre im Boden und hatte im Kraftwerk nur einen geringen Heizwert. Foto: Nissen

Wie das der einzelne Bergmann erlebte, kann Helmut Rieß noch aus eigener Erfahrung schildern. Er machte seine Bergmannslehre vor 60 Jahren in den Stollen zwischen Wölfersheim und Reichelsheim. „Um sechs Uhr früh bist du eingefahren“, berichtet er. Gut hundert Leute waren pro Schicht in einem Abbaugebiet aktiv, jeweils zu zweit nebeneinander in zahlreichen, rechtwinklig von den Zugangsstollen abgehenden Förderstrecken. „Von Heuchelheim aus musstest du dann erstmal eine Stunde laufen, bis du drei oder vier Kilometer weiter an deiner Förderstrecke warst.“ In diesem nur eineinhalb Meter breiten Stollen wartete das „Gezähe“ – die an eine Eisenstange gekettete große Schaufel und die Hacke des Hauers und seines Gesellen, des Schleppers. Das „Gedinge“ oder Tagessoll bestand darin, den Stollen 1,10 Meter weiter in den Boden zu treiben. Der Gang war trapezförmig mit Stempeln – Baumstämmen – und oben mit Kappen – also Brettern – ausgekleidet. Vorne wurde gehackt. Der Schlepper schaufelte die nassen Kohleklumpen in den Hunt – eine schwere eiserne Lore auf Schienen. Sobald sie voll war, wurde sie in eine Kette eingehängt, die den Wagen wegzog. Eine Staublunge bekamen die Bergleute an der Förderstrecke nicht, sagt Helmut Rieß. Eher Fußpilz, denn ständig tropfte es von oben auf die Männer herab. „Wir mussten uns mindestens zweimal pro Schicht die Gummistiefel ausziehen.“ Und die Brühe herauslaufen lassen. Nach der Schicht, beim Duschen in der Kaue, lief eine braune Brühe von den Männern ab. Sie habe an Jauche erinnert.

Immer wieder stürzte der „Himmel“ ein

Sobald das am Streckenkopf gehackte Loch eine bestimmte Größe erreichte, schoben die von den „Steigern“ überwachten Bergleute die Kappenbretter ein Stück vor, damit ihnen keine Brocken auf die Köpfe fielen. Dann setzten sie den nächsten Türstock – beindicke Kiefernstämme. Den Hohlraum dahinter sicherten sie mit bis zu vier Meter langen Stempeln aus Holz. Von unten nach oben hackte man die Kohle heraus. Und sobald die Stempel weggeschlagen wurden, stürzte der „Himmel“ ein und konnte auf die Hunte geschaufelt werden. Das war gefährlich – stets musste man aufpassen, nicht verschüttet zu werden. Rieß: „Deshalb wurde auch Kiefernholz verbaut. Denn das hat lange Fasern, die man knacken hört, sobald die Belastung zu groß wird. Und wenn sie brechen, bleiben noch Hohlräume darunter, aus denen man sich befreien kann.“ Über die Unfälle, die auf der Abbaustrecke passierten, redet Helmut Rieß noch heute nur ungern. „Die Leute hatten meistens selber schuld“, sagt er und macht eine wegwischende Handbewegung.

So malte ein unbekannter Künstler den Tagebau bei Wölfersheim. Die riesigen Bagger hinterließen eine Mondlandschaft.

Lieber erzählt er von dem guten Geld, das die Bergleute verdienten. 1959 betrug der normale Stundenlohn 98 Pfennig. Doch unter Tage gab es Akkordlohn. „Für einen Hunt Kohle hast du eine Mark zwanzig gekriegt“, weil Helmut Rieß noch. „Da verdientest du in einer Schicht 14 bis 15 Mark. Das war damals sehr viel Geld!“ Ein Laib Brot war mit 1,25 Mark im Verhältnis viel teurer als heute. Und ein 1200 Mark teures Auto konnten sich nur wenige Leute leisten.

Ab 1962 übernahmen Maschinen vollständig die dreckige und gefährliche Arbeit der Bergleute. Auf den schon ausgebeuteten Bergwerken setzten sich riesige, fast 500 Tonnen schwere Eimerketten- und Schaufelradbagger, die zuerst die Muttererde abschürften und auf Halde legen. Dann gruben sie die alten Stollen auf, fraßen auch die drei Meter breiten Flöz-Wände, die die Bergleute zwischen ihren Förderstrecken stehen gelassen hatten. Die durchschnittlich neun Meter dicken Kohlerflöze konnte man so komplett abschürfen und per Laufband zum Kraftwerk befördern. Pro Tag verbrannten die drei Kraftwerksblöcke 5000 Tonnen Kohle, steht in einer alten Broschüre der PreußenElektra. Im Tagebau gewann man bis zur Erschöpfung der letzten Grube bei Dorn-Assenheim anno 1991 mehr als 30 Millionen Tonnen Braunkohle. Danach war die Braunkohlenindustrie in Wölfersheim am Ende. Die  PreußenElektra ging in den Eon-Konzern auf. Heute verwaltet dessen Tochtergesellschaft PreußenElektra noch den Betrieb und den Abriss von 13 deutschen Kernkraftwerken.

Jetzt kann man in den Tagebauen baden

Vom Wölfersheimer Kraftwerk blieb nur das alte Verwaltungsgebäude am Heyenheimer Weg stehen, in dem heute das Antik-Café seine Kunden mit selbstgebackenen Kuchen verwöhnt. Die nicht mehr durch Abraum auffüllbaren Gruben bilden jetzt 14 Seen mit insgesamt etwa 460 Hektar Wasserfläche. Die meisten gelten als wertvolle Naturreservate und Fischgewässer. Im 35 Hektar großen See zwischen Inheiden und Trais-Horloff kann man auch prima baden. Übrig blieb auch der Wölfersheimer See, der zwischen 1927 und 1943 aus dem Abbau von 3,3 Millionen Tonnen Braunkohle entstand. Er hat heute 37 Hektar Wasserfläche, ist bis zu 18 Meter tief und damit der größte See der Wetterau. Dass das heutige Naherholungsgebiet lange eine öde Mondlandschaft war, sieht man jetzt nur noch beim Besuch des Energie-Museums neben dem Wölfersheimer Bahnhof.

Ein Gedanke zu „Alltag im Bergwerk“

  1. Hallo liebe Redaktion,

    eine spannende Sache! Die Frauen und Männer, die heute die Geschichte des Bergbaues in der Wetterau sichern, verdienen unser Lob.

    Peter Gwiasda

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