Bauboom frisst Äcker

Bauern machen sich Sorgen

Von Klaus Nissen

Wie kann man die Wetterauer Landwirte retten? Der Wohnungsbau, neue Straßen und Gewerbegebiete nehmen den letzten knapp 700 Agronomen immer mehr Äcker weg. Das soll schwieriger werden, fordert die Bauern-Vorsitzende Andrea Rahn-Farr.  Sie hat konkrete Vorschläge. Und die Bürger AG will speziell den Biobauern helfen.

Bauboom frisst Äcker

Dieses fruchtbare Ackerland verschwindet gerade bei Wöllstadt unter dem Asphalt einer Umgehungsstraße. Foto: Nissen

Der Landfraß nimmt vor allem in der Nähe Frankfurts beängstigende Formen an, finden die Bauern. Auf den fruchtbaren Feldern westlich der Main-Weser-Bahn in Bad Vilbel verschwinden bald 80 Hektar unter dem Neubaugebiet Quellenpark. Nördlich von Kloppenheim sind 15 Hektar besten Bodens für den Neubau der Großmetzgerei Wilhelm Brandenburg in Planung. Und vor wenigen Tagen meldete der Rewe-Konzern, er wolle bei Berstadt rund 30 Hektar besten Ackerlandes für ein zusätzliches Warenlager betonieren. „Das kann uns nicht gleichgültig sein“, sagt Andrea Rahn-Farr.

Die Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Wetterau nennt noch weitere Beispiele für Landfraß: Im Süden Bad Nauheims werden bald 17 Hektar besten Ackerbodens für Wohnhäuser parzelliert. Und bei Nieder-Mockstadt verschwinden fast fünf Hektar unter dem Beton eines DHL-Logistikzentrums. Rechnerisch gehe in der Wetterau  jeden Tag ein Drittel eines Fußballfeldes verloren, klagt die Landwirtin aus Rinderbügen.  „Dabei ist Boden nicht vermehrbar. Wir tragen Verantwortung, dass er auch den nachfolgenden Generationen erhalten bleibt.“

Fett glänzen die frisch gepflügten Ackerschollen auf diesem Feld zwischen Limeshain und Hammersbach. Foto: Nissen

In der Wetterau gehören den Landwirten laut Rahn-Farr nur etwa 30 Prozent der Äcker selbst. Den größeren Rest müssen sie pachten oder kaufen. Es mangelt aber an freien Flächen.  In Online-Ackerbörsen sind im Februar 2017 nur 8000 Quadratmeter Wiese bei Nidda zu haben, außerdem für eine knappe Million 16 Hektar bei Ronneburg. Wer jetzt noch Land anzubieten habe, wolle damit möglichst viel verdienen, glaubt der  Ökobauer Rainer Vogel von Hof Buchwald in Nidderau.

Rainer Vogel (links) war Finanzbeamter, bevor er Bio-Landwirt in Nidderau wurde. Neben ihm Margarethe Hinterlang vom Dottenfelder Hof und die Bürger AG-Vorstände Jörg Weber und Bernd von Lochow. Foto: Nissen

Bauer Vogel und der gelernte Banker Jörg Weber saßen Anfang Februar  mit etwa 40 meist jungen Leuten bei einem „Hofgespräch“ auf dem Dottenfelder Hof  zusammen. Sie haben einen Plan, wie die immer noch recht wenigen Bio-Bauern in Wetterau und Rhein-Main an zusätzliche Äcker kommen können. Die 2011 in Frankfurt gegründete Bürger AG ist das Instrument. Bisher brachte sie etwa 160 Menschen aus Frankfurt und Umgebung dazu, Bürger-Aktion zu kaufen.   So eine „vinkulierte Namensaktie“  kostet 500 Euro plus 50 Euro „Agio“ – ein Aufschlag für Emission und Verwaltung durch die ehrenamtlich geführte Aktiengesellschaft. Mit dem Geld unterstützen die AG-Vorstände Jörg Weber und Bernd von Lochow diverse Bio-Bauernhöfe. Das Aktienkapital wird laut Bernd von Lochow zur stillen Beteiligung am jeweiligen Bio-Bauernhof. Sie wird nach etwa zehn Jahren verzinslich zurückgezahlt. So können Leute mit überschüssigem Kapital in der Region dafür sorgen, dass Biobauern Land kaufen oder Angebote verbessern können. Auf dem Dottenfelder Hof investierte die Bürger AG zum Beispiel in die neue Saatguthalle, so Hof-Sprecherin Margarethe Hinterlang.

Bürger-Aktien helfen Biobauern

Wer eine Bürger-Aktie kauft, erhält laut Jörg Weber kostenlos auch eine Regionalkarte. Diese Rabattkarte werde sonst nur für 20 Euro pro Jahr ausgegeben. Ihre Besitzer können damit in rund 20 Bio-Läden und Betrieben einen Rabatt von zwei bis neun Prozent bekommen. „Wir wollen die Karte auf mehr als 50 Läden und Betriebe ausweiten“, so der in Niddatal lebende Bürger AG-Vorstand Jörg Weber. „Damit bringen wir Umsatz in  die Öko-Betriebe.“

Das reiche nicht aus, meinte ein Teilnehmer beim Hofgespräch. Viel zu schnell werde das wertvolle Ackerland in der Region bebaut. Die Bürger AG solle lieber auch konventionell wirtschaftende Landwirte mit Kapital für weitere Äcker versorgen. Doch Weber winkte ab:  Die  Bauern mit konventioneller Anbauweise in der Wetterau hätten andere Methoden, an Geld zu kommen.  So beispielsweise durch Kredite ihrer Hausbank vor Ort.  Auch betreiben einige Biogas-Anlagen, für die sie auf vielen hundert Hektar immer wieder Mais anpflanzten, der die Fruchtbarkeit der Böden auf Dauer zerstöre.

Andrea Rahn-Farr ist Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Wetterau. Sie betreibt mit ihrem Ehemann Karsten Farr in Rinderbügen bei Büdingen eine Milchvieh-Haltung. Foto: Nissen

Die Bauernvorsitzende Andrea Rahn-Farr nennt das Unsinn. Der Mais werde auf 4000 Hektar an gleicher Stelle maximal alle zwei Jahre angepflanzt, damit der Boden fruchtbar bleibt. Früher, als es noch mehr Vieh gab, sei viel mehr Mais in der Wetterau gewachsen. Und die Finanzierung neuer Äcker durch Privatleute ist der Bauern-Chefin suspekt: „Wir wollen keine Investoren-Landwirtschaft.“

Doch genau wie Biobauer Rainer Vogel findet auch Andrea Rahn-Farr den Schwund des Ackerlandes durch Baugebiete beängstigend. Es gebe Mittel dagegen: „Wir müssten mehr Bauflächen als bisher in den Orten schaffen, bevor wir frisches Land an den Rändern dafür hernehmen.. Es gibt Baulücken, die geschlossen werden können. Wer Bebauungspläne erstellt, muss zuerst prüfen, was im Ort möglich ist,  bevor er auf die grüne Wiese schaut.“ Und wenn man einen Hektar Acker zubaut, müsse man nicht einen weiteren Hektar für Ausgleichsmaßnahmen wie etwa neue Streuobstwiesen opfern. Man könne auch Bachläufe renaturieren und Wälder ökologisch aufwerten.

Ackerland in der Wetterau

Auf etwa 40 000 Hektar ist laut Andrea Rahn-Farr das Ackerland im Wetteraukreis geschrumpft. Ein Hektar umfasst 100 mal 100 Meter, also 10 000 Quadratmeter.  Im Jahr 2008 wurden im Kreisgebiet 132 Areale mit insgesamt 80 Hektar als Bauland verkauft, berichtet das Statistische Landesamt. 2014 gingen schon 522 Grundstücke mit 486 Hektar in den Besitz von Bauherren über.

Neben etwa 600 Vollerwerbs- und Nebenerwerbslandwirten arbeiten  47 Biobauern in der Wetterau. Das sind acht mehr als im Jahr 2015, sagt Claudia Zohner  vom Fachdienst Landwirtschaft des Kreises. Sie bewirtschaften rund 3300 Hektar.

Mehr über die Bürger AG auf Facebook und der Webseite www.buerger-ag-frm.de. Informationen zur Biolandwirtschaft gibt es auf  www.oekomodellregion.wetterau.de ..

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