1968

Das Tagebuch der Bewegung

Von Bruno Rieb

Vier großformatige Bücher im Schuber, zusammen rund 2000 Seiten und über zwölf Kilogramm schwer – der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar hat das Tagebuch der internationalen 68er-Bewegung geschrieben. Das reich bebilderte Werk ist bewegend, nicht nur, wenn man es in den Bücherschrank heben will. Es beschreibt nicht nur den politischen Aufbruch jener Tage von Che bis Dutschke, vom Vietkong bis zum Prager Frühling, sondern auch den kulturellen von den Beatles bis Woodstock, vom Seitenscheitel zum Pilzkopf, vom langen zum Minirock, vom Anzug zu Jeans.

Osterunruhen und der Pariser Mai

Die Chronik beginnt weit vor 1968 – am 1. Januar 1960 – und endet viel später: am 3. Januar 1980, dem Tag, als die Ereignisse des Jahres 1968 ein trauriges Nachspiel hatten. An diesem 3. Januar 1980 wurde Rudi Dutschke beerdigt, der eine herausragend Rolle in der 68er-Revolte gespielt hatte. Es ist derselbe Tag, an dem die Leiche von Sven Simon auf einer Parkbank in Hamburg gefunden wurde. Sven Simon ist das Pseudonym von Axel Springer junior, Sohn des gleichnamigen Zeitungsverlegers, dem eine Mitschuld am Attentat auf den Studentenführer gegeben wurde. Springer Seniors Blätter hatten eine beispiellose Hetzkampagne gegen Dutschke betrieben. Am 11. April 1968 wurde der Studentenführer von dem Arbeiter Josef Bachmann auf offener Straße in Berlin niedergeschossen. Die Empörung über das Attentat war so groß, dass bundesweit Springer-Druckereien blockiert wurden, um die Auslieferung des Massenblattes Bild-Zeitung zu verhindern. Es gab Straßenkämpfe mit der Polizei, die als „Osterunruhen“ in die Annalen der bundesdeutschen 68er-Bewegung eingingen.

Das Attentat auf Dutschke und die Unruhen danach gehören zu den vier zentralen Komplexen, die Kraushaar in den vier Bänden rot umrahmen ließ, um sie besonders hervorzuheben. Das andere derart betonte Ereignis ist der 2. Juni 1967, als der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah-Besuch in West-Berlin vom dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Die beiden weiteren herausragenden Ereignisse spielen 1968 in Europa: Es sind der Pariser Mai, bei dem Arbeiter und Studenten bei Straßenkämpfen mit der Polizei vorübergehend die Oberhand errangen, und die Niederschlagung des Prager Frühlings.

International synchronisiert

Kraushaars Ansprüche sind nicht bescheiden. Mit den vier Bänden werde „etwas beansprucht, was es in der bisherigen Literatur noch nicht gegeben hat: die Vor- und Hauptgeschichte der 68er-Bewegung in Einzelereignissen zu präsentieren – und zwar in Wort und Bild und das alles international synchronisiert. Und dies wiederum keineswegs auf die Austragung von politischen und sozialen Konflikten beschränkt, sondern durchgängig unter Einbeziehung kultureller Manifestationen bis hin zur Etablierung erster Ansätze zu einer expliziten Gegenkultur.“ Der Politikwissenschaftler will die Leser mitnehmen auf eine „Zeitreise“, die am Ende des Jahrzehntes „in jener Explosion globalen Ausmaßes mündet, die man zumindest hierzulande irgendwann unter der Chiffre ‚68‘ geglaubt hat rubrizieren zu können“, schreibt er etwas umständlich.

In seiner akribische Chronik tauchen auch 7000 Weinbauern auf, die am 23. März 1968 in Kröv an der Mosel gegen die Mehrwertsteuer und das geplante Weingesetz demonstrierten und rund 4000 Bauern, die am selben Tag im hessischen Butzbach gegen die Agrarpolitik auf die Straße gingen.

Die Kulturrevolution

In seinem ausführlichen Vorwort fragt der Politologe auch, warum die weltweite Jugendbewegung von der Kulturrevolution in China so fasziniert war. Bei den Studenten vermutet er Masochismus: „Die Tatsache, dass bundesdeutsche Studenten und Intellektuelle die Exerzitien der chinesischen Intellektuellenfeindschaft nicht nur guthießen, sondern sie bewunderten und als vorbildlich propagierten, wirkt wie ein einziger großer Widerspruch. Möglicherweise aber stellt gerade dieses Moment, zu dem ganz unweigerlich ein hohes Maß an Selbsthass, ja Masochismus gehörte, einen der wichtigsten Schlüssel dar, um die innere Dynamik der 68er-Bewegung zu begreifen.“ Das versucht sich der Politikwissenschaftler als Psychologe. Vielleicht ist die Strahlkraft der Kulturrevolution auf die Jugend (und Studenten) der Welt viel einfacher zu erklären: die Roten Garden im fernen China marschierten gegen „vier Relikte“: „alte Ideen“, „alte Kultur“, „alte Sitten“ und „alte Gewohnheiten“.

Kraushaars 68er-Chronik ist ein feines Werk für all die, die dabei waren, und auch für alle Nachgeborenen, die fasziniert auf den politischen und kulturellen Aufbruch jener Jahre zurückblicken – und die bereit sind, dafür tief in die Tasche zu greifen: Die vier Bände kosten zusammen 199 Euro. In den zahllosen Rückblicken auf 1968 und die 68er, die in diesem Jubiläumsjahr erschienen sind, ist dieser Band das, was dieses Jahrzehnt der Jugendrevolte für die bundesdeutsche Geschichte ist: herausragend. Jeder Band auch noch sein eigenes Register für Orte und für Personen hat, ist fein gemacht, denn das macht die Suche in den rund 2000 Seiten nach bestimmten Ereignissen leicht.

Wolfgang Kraushaar: „Die 68er-Bewegung international – Eine illustrierte Chronik“, Klett-Cotta, 4 Bände, Leinen im Schuber, 31 x 25 Zentimeter, ca. 2000 Seiten, ca. 1000 Abbildungen, ISBN: 978-3-608-96292-5

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